Bundeskanzler Friedrich Merz hat mit seinen Stadtbild-Aussagen viel Wirbel ausgelöst. Liegt er richtig? So sieht es in einer Samstagnacht in der Stuttgarter Innenstadt aus.
Der Bundeskanzler würde sich wohl bestätigt fühlen. Zumindest auf den ersten Blick. Es ist später Samstagabend, und in der Stuttgarter Innenstadt herrscht eine Atmosphäre, die nicht jeder als kuschelig bezeichnen würde. Das liegt nicht nur am Wetter, sondern auch an Teilen des Publikums. Auf der Unteren Königstraße, durch Leerstand, Baustellen und Müll ohnehin keine Zierde, geraten einige Jugendliche aneinander. Laut brüllend und wild gestikulierend hat das Grüppchen etwas zu klären. Verschiedene Sprachen gehen durcheinander. Ein Stadtbild, wie es Kanzler Friedrich Merz kritisiert hat?
Je später der Abend, desto deutlicher sind die Männer zwischen Hauptbahnhof und Rotebühlplatz in der Überzahl. In Gruppen zwischen drei und zehn Leuten sind die meisten unterwegs. Es wird viel Arabisch gesprochen, fast alle sind dunkel gekleidet, wie es zurzeit die Mode ist. Allerdings: Von den großen Gruppen bedrohlicher Migranten, abgelehnter Asylbewerber im Stadtbild, die Merz laut eigener Präzisierung gemeint hat, keine Spur.
Vor dem Königsbau parkt ein Fahrzeug der Mobilen Jugendarbeit. „Nachtboje“ steht auf einem Plakat. Stühle sind aufgebaut. „Wir sind eine Gruppe aus Ehrenamtlichen und Hauptamtlichen“, sagt Timo Mildner. Sie ist jeden Samstag zwischen April und Oktober auf dem Schlossplatz, heute zum letzten Mal in diesem Jahr. „Wir sind zwischen 21.30 und 1 Uhr Anlaufstelle für alle, die unterwegs sind“, erzählt Mildner. Manche wollten einen Tee trinken, andere eine Pause machen oder nach dem Weg fragen. Einige brauchen Hilfe, zum Beispiel, weil ein Begleiter stark angetrunken ist. Das Angebot wird gut angenommen, vor allem im Sommer, wenn nachts mehr los ist als jetzt. Mit großen Gruppen, so Mildner, habe man keine Probleme.
Das bestätigen auch die Security-Männer, die rund um den Königsbau patrouillieren. Im Sommer sei die Lage manchmal problematischer, allerdings „hat sich die Lage gebessert. Im Moment geht es. Vor ein, zwei Jahren war es deutlich schlimmer“, sagt einer von ihnen. Manche junge Männer setzten voll auf Provokation. Viele von ihnen hätten einen Migrationshintergrund. Allerdings: Den haben auch viele Sicherheitsleute, die hier für Ordnung sorgen.
Nicht jeder weiß von der Debatte
Vor dem Kunstmuseum sammeln sich ein paar Dutzend Jugendliche. „Digga, was is dein Problem?“, fragt einer, als der Reporter auf ihn zukommt. Dann lacht er. Auf die Merz-Aussagen angesprochen, können viele hier nichts anfangen. Nicht jeder hat die Debatte überhaupt mitbekommen. Ob sie sich gemeint oder gar diskriminiert fühlen? Gelächter. „Merz? Ist doch der Monat vor April“, ruft einer. Gejohle. Viele haben Bierflaschen oder Dosen in der Hand. Dieses Bild bietet sich in der gesamten Innenstadt und nationalitätenunabhängig.
Und was sagt die Stadt Stuttgart zu ihrem Stadtbild? „Wenn Friedrich Merz gemeint hat, dass es mittlerweile in vielen deutschen Städten insbesondere in den Abend- und Nachtstunden leider Unorte gibt, an die sich viele Menschen nicht mehr trauen, dann hat er recht. Ich bin mir sicher, dass er nicht diejenigen Menschen mit ausländischen Wurzeln gemeint hat, die wir in vielen Lebens- und Arbeitsbereichen dringend brauchen, die gut integriert sind und die längst zu unserer Stadt gehören“, sagt Oberbürgermeister Frank Nopper.
Auch Clemens Maier wirbt für eine vernünftige Einordnung. „Man muss das mit der nötigen Distanz betrachten und die Kirche im Dorf lassen“, sagt der Ordnungsbürgermeister. Wenn Merz die Gruppen junger Männer in den Innenstädten gemeint habe, dann stimme es, dass es die auch in Stuttgart gebe und sie bei manchen Menschen ein ungutes Gefühl erzeugten. „Das ist allerdings überschaubar. Wir sind keine Stadt, in der man sich nicht mehr auf die Königstraße trauen kann“, so Maier. Die Gruppen seien manchmal laut, es gehe aber im Normalfall keine Gefahr von ihnen aus. Auch habe die Stadt keine Hinweise darauf, dass es sich dabei nur um Geflüchtete handle. „Wenn man sich auch mit Polizei und Mobiler Jugendarbeit austauscht, dann ergibt sich da eher ein buntes Bild.“
Der Ordnungsbürgermeister betont, dass es einen Unterschied zwischen objektiver Sicherheit, die gut sei, und subjektivem Empfinden gebe. Das zeige die Sicherheitsstudie der Stadt aus dem vergangenen Jahr. In der Befragung hatte sich ergeben, dass vor allem Menschen Angst vor einem Besuch der Stuttgarter Innenstadt haben, die sich dort selten aufhalten. Zudem, so Maier, sei klar geworden, dass sich am ehesten junge Frauen mit Migrationshintergrund unsicher fühlen. „Dabei geht es aber nicht um schwere Straftaten, sondern eher um Dinge wie Respektlosigkeiten und Beleidigungen.“
Klett-Passage als Problempunkt
Maier sieht aber durchaus problematische Ecken. Dazu gehört die Klett-Passage mit ihrer Drogenkriminalität. Dort habe die Stadt die gemeinsamen Streifen mit der Polizei ausgeweitet, ebenso sei der Sicherheitsdienst der Stuttgarter Straßenbahnen im Einsatz. „Wir haben in der Innenstadt eine hohe Polizeipräsenz“, sagt der Ordnungsbürgermeister. Alle Beteiligten besprechen sich zudem regelmäßig, um auf Entwicklungen reagieren zu können. „So sind wir sehr schnell und flexibel, wenn sich irgendwo etwas abzeichnet.“
Und das passiert immer wieder. „In den vergangenen Wochen behalten wir verstärkt den Akademiegarten und den Karlsplatz im Auge“, sagt Polizeisprecher Stephan Widmann. Diese beiden Bereiche hätten sich zu Treffpunkten für ukrainische Jugendliche entwickelt, die gelegentlich durch Störungen auffielen. Dazu kommen weiterhin die Klett-Passage als Drogenumschlagplatz und Aufenthaltsort für „Sozialgeschädigte“, wie das Armuts- und Obdachlosenmilieu in Behördensprache heißt, das Leonhardsviertel ebenfalls mit einer Drogenproblematik, der nächtliche Schlossplatz rund um den Königsbau sowie der Rotebühlplatz.
Einige dieser Bereiche gelten wegen erhöhter Kriminalitätsbelastung bei der Polizei als „gefährliche Orte“. Das hat nichts damit zu tun, Ängste zu schüren – zumal sich vieles vor allem bei Nacht abspielt. Aber es bedeutet, dass man dort besonders präsent ist. Gleichwohl sagt Polizeipräsident Markus Eisenbraun: „Die Gewaltkriminalität ist weiterhin auf hohem Niveau, insbesondere in der Innenstadt.“ Vor allem die wachsende Messerkriminalität sei ein Thema. Doch auch Eisenbraun weiß, dass nicht nur Gewalttaten für die Wahrnehmung in der Bevölkerung wesentlich sind: „Müll, Pöbeleien, Geschrei oder Lagern im öffentlichen Raum haben eine starke Auswirkung auf die Kriminalitätsfurcht.“
Also ab in die Klett-Passage am Hauptbahnhof. Hier soll sich in den nächsten Jahren vieles ändern. Und das ist auch gut so. Zu später Stunde ist hier einiges los. Eine mutmaßlich unter Drogen stehende Frau läuft grölend ihrem Begleiter davon, mit dem sie dabei lautstark streitet. Am Ausgang zum Schlossgarten torkelt ein Jugendlicher Richtung Passage, der sein Handy vorn in die Hose gesteckt hat und offenbar sich selbst unterhalb der Gürtellinie filmt.
Eine junge Frau geht allein in Richtung Rampe zu den Bahngleisen, ihre Schritte werden immer schneller. „Furchtbar“ sei das hier am Abend, sagt sie. Passend dazu hat die Gewerkschaft der Polizei jetzt beklagt, dass die Lage gerade an den großen Bahnhöfen immer respektloser und gefährlicher werde, selbst für die Bundespolizei.
Entspannte Töchter
Die Untere Königstraße gibt ebenfalls ein tristes Bild ab. Am Kaufhof hat sich ein Obdachloser in seinen Schlafsack gelegt, am Pusteblumenbrunnen sitzt ein älterer Mann mit einer Whiskyflasche in der Hand. Als maximaler Kontrast preist auf einer Werbetafel ein plastischer Chirurg mit makellosem Lächeln seine Dienste an.
Auf dem Schlossplatz ist die Stimmung derweil deutlich ausgelassener. Kati ist mit sechs Freundinnen aus Oberschwaben angereist – zum Junggesellinnenabschied. „Wir sind alle Töchter“, sagen sie schmunzelnd, angesprochen auf die Merz-Aussage, man solle die eigenen Töchter fragen, was er mit seinen Äußerungen meine. Angst hätten sie keine, allerdings seien sie abends nur zu mehreren unterwegs. Und das Stadtbild? „Naja, Stuttgart halt.“ Da wäre der Bundeskanzler vermutlich überrascht.