Für die Mathehausaufgaben mit seinen Söhnen hat Basti Grammel extra ein Flipchart angeschafft. Foto: Achim Zweygarth

Wer kümmert sich um die Kinder, wer bereitet die Vesperboxen vor und wer geht abends noch mit dem Hund raus? In unserer Serie So leben wir schildern sechs unterschiedliche Familien, wer was im Alltag übernimmt und wie gut das funktioniert.

Die To-do-Liste ist lang, der Familienkalender voll: Eine Familie durch den Alltag zu steuern ist oft eine Herkulesaufgabe. Wie sie sich stemmen lässt, erzählen sechs unterschiedliche Familien im sechsten Teil unserer Serie.

 

Serie „So leben wir“


Familie Grammel – die Arbeitszeiten sind perfekt aufeinander abgestimmt

Hausaufgaben sind in der Familie Grammel aus Fürnsal Männersache. Foto: Achim Zweygarth

Wer Steffi und Basti Grammel mit Max (13) und Julian (12) besucht, merkt sofort, dass hier ein perfekt eingespieltes Team am Start ist. Die Tage sind bei der Familie aus Fürnsal im Schwarzwald minutiös durchgetaktet. Sie beginnen um 4.20 Uhr, da steht der Schweißwerkmeister Basti auf und fährt um 4.30 Uhr zur Arbeit.

Die Familien-Übergabe findet um 14 Uhr statt

Steffis Wecker klingelt um 6 Uhr. Julian und Max müssen um 7.25 Uhr los zur Realschule nach Dornhan. Steffi fährt dann in ihren Blumenladen nach Loßburg. Über Mittag sperrt sie zu, serviert den Jungs einen Snack, trinkt mit Basti, der um 14 Uhr von der Frühschicht heimkommt, einen „Übergabe“-Kaffee und kehrt in den Laden zurück. Ab 14 Uhr „beginnt die Männerrunde“, sagt Basti Grammel „da wird es erst einmal ungemütlich!“ – die Hausaufgaben stehen an. Für Mathe hat der Vater extra ein Flipchart angeschafft. Um 15 Uhr müssen die Jungs zum Fußball- oder Rettungsschwimmertraining. In der Zwischenzeit fährt Basti Rad, joggt oder schwimmt – tägliches Training ist ihm heilig. Danach sammelt er die Kinder ein, geht einkaufen und kocht. Um 19 Uhr essen alle vier zu Abend, um 20.30 Uhr gehen sie ins Bett, und spätestens um 21.30 Uhr geht das Licht aus: „Ohne genügend Schlaf könnten wir das nicht durchhalten.“

„Einen Wahnsinnsspagat“, nennt Steffi Grammel ihren durchgetakteten Alltag. Seit fünf Jahren lebt sie den Traum vom eigenen Laden, aber Zeit für sich bleibt ihr kaum. Das führt auch im Profiteam Grammel manchmal zu Spannungen. „In meinen Augen hat Basti viel zu viel Freizeit“, sagt Steffi und lacht, „wenn er dann etwas vom Joggen postet, während ich im Laden festgenagelt bin, ist das kurz schwer auszuhalten für mich.“ (Nadia Köhler)

Familie Jux – Um 15 Uhr wird der Sohn von der Kita abgeholt

Die alleinerziehende Coachin Colline Jux ist gut organisiert. Foto: LIchtgut//Max Kovalenko

Planung und Organisation ist Colline Jux wichtig, das sieht man auf den ersten Blick, wenn man in ihre Zweieinhalb-Zimmer-Wohnung im Stuttgarter Westen tritt. Kleine lila Zettel mit kurzfristigen To Dos kleben an der Wohnzimmerwand. Auf dem Schreibtisch liegt ein Monatsplaner und an der Wand darüber hängt ein Jahresplaner. Ihren Alltag muss die 39-Jährige gut organisieren, denn Jux zieht ihren 18 Monate alten Sohn allein groß. Unterstützung bekommt sie von ihrer Mutter, die in Baden-Baden wohnt und die beiden einmal in der Woche besucht.

Verabredungen hat Colline Jux reduziert

Der Tag beginnt meist zwischen halb sechs und sieben Uhr morgens, wenn ihr Sohn aufwacht. Nach dem Frühstück und einem kleinen Spaziergang mit Hündin Suma bringt Jux ihren Sohn in die Kita. Den Vormittag und Mittag nutzt Jux zum Arbeiten. Sie ist als selbstständige Coachin tätig und kann sich ihre Arbeitszeiten flexibel einteilen. Manchmal zieht sie sich in den angemieteten Coworking-Space zurück.

Um 15 Uhr holt sie ihren Sohn wieder ab, dann gehen die beiden auf Spielplätze oder treffen sich mit Freunden im Wald oder in Cafés. Etwas mit anderen Familien zu unternehmen, tut Jux zwar gut. Verabredungen hat sie dennoch reduziert. Statt von Termin zu Termin zu hetzen, lassen es die beiden lieber ruhig angehen, besonders ab dem frühen Abend. „Mein Sohn ist mein Spiegelbild. Bin ich gestresst, ist er es auch“, sagt Jux. (Susan Jörges)

Familie Lieb – Die Mutter beruhigt, dass der Vater sofort übernehmen könnte

Sei es füttern, kochen oder wickeln bei den Liebs aus Echterdingen machen beide Eltern alles im Haushalt. Foto: Ines Rudel

Als Jannik und Lisa Lieb ein Paar wurden, arbeitete sie Vollzeit als Lehrerin, während er zum zweiten Mal studierte. Eigentlich hatten sie vor, sich alles gleichberechtigt aufzuteilen und auch gleich viel zu arbeiten, wenn sie Eltern sind: Jeweils 80 Prozent war das Modell, das ihnen damals vorschwebte. Dann hat sich doch eine klassische Aufteilung ergeben.

Beide Eltern geben 100 Prozent für die Familie

Mutter Lisa ist im September wieder in den Schuldienst eingestiegen mit 30 Prozent, Vater Jannik in Vollzeit als Teamleiter bei Trumpf. Dort fing er an, als Noemi ein halbes Jahr alt war. Damals spürten sie bereits, dass mit ihrer Tochter etwas ist. Aber sie kannten noch nicht ihre Diagnose: CDKL5, ein atypisches Rett-Syndrom. Lisa Lieb übernimmt mehr im Haushalt als ihr Mann. Ihr ist aber wichtig zu sagen, dass sie als Eltern gleich viel für die Familie geben: „beide 100 Prozent“.

Wenn beide da sind, machten sie im Haushalt auch „beide alles“. Sie findet es beruhigend, dass ihr Mann „sofort übernehmen“ könnte, „weil er von Anfang an alles gemacht hat“. Sei es kochen, die Wäsche, wickeln oder füttern. Nur stillen ging nicht, sagt Jannik Lieb mit Augenzwinkern. Wenig später wird er es sein, der vom Gartenstuhl aufsteht, weil es Zeit sei, dass Noemi etwas zu essen bekomme. Sie haben die Regelung: Wer bei Noemi zuhause bleibt, sorgt dafür, dass das Essen auf den Tisch kommt. Wer mit den Jungs unterwegs ist, kocht nicht. Der 36-Jährige übernimmt zudem den Großeinkauf am Wochenende, seine Frau die kleineren Einkäufe unter der Woche, die zusätzlich anfallen. (Viola Volland)

Familie Stöveken-Schaffhauser – Vom Bauleiter zurück in den Innendienst

Carina Stöveken und Marius Schaffhause leben derzeit das „klassische Modell“. Sie übernimmt die meiste Familienarbeit. Foto: Lichtgut/Julian Rettig

Es gab diesen Moment, als Marius Schaffhauser dachte: „Nee, so ein Vater will ich nicht sein.” Sein einjähriger Sohn Liam war da gerade ein paar Monate in der Krippe, Marius Schaffhauser brachte ihn zum ersten Mal morgens hin und merkte: „Ich weiß gar nicht, wo zum Beispiel Liams Platz an der Garderobe ist.” Der 31-Jährige arbeitete damals in seinem ersten Job nach dem Studium als Bauleiter auf einer großen Baustelle. Zwölf-Stunden-Tage bedeutete das. Aus dem Haus gehen, wenn das Kind noch schläft und heimkommen, wenn es schon bald wieder ins Bett muss. So wollte der Vater das nicht mehr, er ließ sich als Bauingenieur in den Innendienst versetzen, kann nun auch im Homeoffice arbeiten, hat eine 40-Stunden-Woche. „Seither ist es schöner, entspannter, ich habe eine ganz andere Beziehung zu Liam”, sagt Marius Schaffhauser.

Der Vater reduziert demnächst auf 90 Prozent

Derzeit leben er und seine Frau Carina Stöveken das „klassische Modell”, wie es jede zweite Familie im Land mit minderjährigen Kindern tut: Er arbeitet Vollzeit, sie 60 Prozent in einem Architekturbüro. “Für mich passt das derzeit so”, sagt Carina Stöveken. Während der Schwangerschaft und danach hat sie noch studiert und ihren Abschluss als Architektin gemacht. 12 Monate machte sie Elternzeit, er zwei. „Als Studentin war ich zwar zeitlich flexibler, aber es war auch anstrengender, weil man ja quasi nie Feierabend hat”, sagt die Mutter.

Sie übernimmt die meiste Familienarbeit: Holt Liam um 16 Uhr von der Kita ab, bringt ihn zum Kinderturnen oder auf den Spieli, kauft ein, was fehlt, putzt die Wohnung, denkt an U-Untersuchungen oder neue Kinderklamotten.

Aber auch von diesem ganzen so genannten Mental Load, also der Denkarbeit rund um Familie, will Marius Schaffhauser in Zukunft mehr übernehmen: Er wird demnächst auf 90 Prozent reduzieren, hat dann jede zweite Woche einen Tag frei: Da will ich dann keinen Urlaub machen, sondern Carina mehr abnehmen und natürlich mehr Zeit mit ihr und Liam verbringen”, sagt er. (Lisa Welzhofer)

Familie Rieger – klare Aufgabenteilung und ein Wandkalender

Kochen gehört bei Familie Rieger aus Wendlingen ins Hoheitsgebiet von Nadine Rieger. Foto: Jürgen Bach

Apps für die Terminplanung oder gar Excel-Listen brauchen die Riegers aus Weissach nicht. Sie haben einen klassischen Wandkalender in der Küche hängen, für jedes Familienmitglied gibt es eine Spalte. Arzttermine, Geburtstage oder Familientreffen von Collin (16), Jayden (13), Steffen (49) und Nadine Rieger (45) werden hier eingetragen, „den Rest hat jeder im Kopf“, sagt Nadine Rieger.

Er übernimmt das Handwerkliche, sie das Essen und die Wäsche

Die Aufgaben sind bei den Riegers zumeist klar verteilt, „das funktioniert für uns, wir sind ein eingespieltes Team“, sagt Steffen Rieger (49), der in Vollzeit als Projektleiter bei einem Lüftungsanlagenhersteller in Stuttgart arbeitet und früh morgens das Haus verlässt. Sein Hoheitsgebiet sind Garten und alles Handwerkliche, dafür nimmt er sich am Wochenende viel Zeit. Kürzlich hat er ein neues Gartentor gebaut, zudem hackt er regelmäßig Holz und werkelt am Haus herum.

Nadine Rieger hingegen ist tendenziell eher für Aufgaben im Haus zuständig: „Ich kümmere mich um die Vesper-Boxen, das Abendessen oder um die Wäsche.“ Auch Jacky, die 9 Jahre alte Schäferhündin, nimmt Zeit in Anspruch. Jeden Morgen um fünf Uhr läuft Nadine Rieger eine große Runde mit der Hündin. Die frische Luft und die Ruhe, wenn Weissach noch schläft, genießt die 45-Jährige. Ab 8.30 Uhr arbeitet sie in einer Schülerbetreuung in Weissach. Abends übernimmt Steffen Rieger das Gassigehen, er kommt um 17 Uhr nach Hause.

Die Schulwege bestreiten Collin (16) und Jayden (13) allein und fahren mit Bus und Bahn. Mehr als eine Stunde braucht Collin zum Karls-Gymnasium in Stuttgart-Mitte, das einen Hochbegabtenzug anbietet. Erst um 18.30 Uhr ist er wieder zurück in Weissach. Sohn Jayden hat es näher, er besucht die Realschule in Rutesheim und ist in 20 Minuten dort. (Susan Jörges)

So arbeiten Familien in Baden-Württemberg

70 Prozent
der minderjährigen Kinder in Baden-Württemberg lebten 2021 in Familien, in denen beide Eltern erwerbstätig sind. 2006 waren es noch knapp zehnt Prozent weniger.

4 Prozent
der Eltern mit minderjährigen Kindern arbeiten beide in Teilzeit.

51 Prozent
der Kinder lebten 2021 mit Eltern, von denen der Vater in Vollzeit, die Mutter in Teilzeit arbeitet. Der Anteil der Kinder mit zwei Vollzeit erwerbstätigen Eltern lag bei 14 Prozent (2006: 11 Prozent).