Noch immer sind viele Gebäude in der Region vom Hagel schwer gezeichnet Foto: Jan Reich

Vor sieben Monaten hat das größte Hagelunwetter in der deutschen Geschichte Teile der Region Stuttgart verwüstet. Bis heute sind viele Schäden nicht repariert, weil die Handwerker nicht hinterher kommen.

Nach dem Hagelunwetter vom 28. Juli vergangenen Jahres haben viele Betroffene in der Region noch immer kein richtiges Dach über dem Kopf. Die Versicherungen gehen von 310 000 Schadenfällen aus. Deren Behebung wird noch Monate dauern.

Stuttgart - Drei, vier Mal die Woche kratzt Hilde Müller (Name geändert) den Schimmel von den Wänden. Und das schon den gesamten Winter über. Ihr Haus in Riederich bei Metzingen sah am 28. Juli vergangenen Jahres aus wie im Krieg. Das Dach zerfetzt, die Fenster zerschossen. Das verheerende Hagelunwetter hat das Gebäude binnen Minuten in eine Ruine verwandelt. Und das ist es zum Teil noch heute.

Hilde Müller will ihren richtigen Namen nicht in der Zeitung lesen. Das könnte Ärger mit der Versicherung geben, fürchtet sie. Zwar ist das Dach innerhalb einer Woche repariert worden, weil ein Freund der Familie das übernommen hat, an die Fenster, Rollläden und Tapeten in den vier Zimmern, die überschwemmt worden sind, geht es aber erst jetzt. Monatelang zogen sich die Verhandlungen mit der Versicherung. „Von schneller und unbürokratischer Hilfe keine Spur“, sagt Hilde Müllers Sohn. Die Versicherung habe von jedem benötigten Gewerk zwei bis drei Angebote gefordert. „Das war unmöglich hinzukriegen bei der Vielzahl an Fällen. Das letzte Angebot habe ich im November bekommen“, sagt der Mann.

So wie dieser Familie geht es vielen. Besonders in den Kreisen Reutlingen, Tübingen, Esslingen und Göppingen hat das Unwetter enorme Schäden verursacht, die teils heute noch nicht behoben sind. Speziell zwischen Reutlingen und Kirchheim/Teck ist mancher Ort nach wie vor deutlich gezeichnet. Viele Dächer sind immer noch provisorisch mit Planen abgedeckt. Einige Gebäude sind für die Bewohner auch sieben Monate nach dem Hagel kaum bewohnbar.

Laut der Versicherungsbranche handelt es sich um das größte Hagelunwetter, das es in Deutschland je gegeben hat. Lange ging man von Schäden in Höhe von rund 1,2 Milliarden Euro aus. Das hat sich geändert. „Der versicherte Marktschaden wird jetzt mit 1,9 Milliarden Euro angegeben“, sagt Hans-Joachim Haug. Der Vorstandsvorsitzende der Württembergischen Gemeinde-Versicherung (WGV) spricht von 310 000 Schadenfällen. 53 000 davon, Gebäude und Fahrzeuge, entfallen auf die WGV – ein Schaden von 250 Millionen Euro.

Bei der WGV sind 60 Prozent der Schadenfälle abgeschlossen. Rückstände gebe es nicht, betont Haug: „Viele Gebäudereparaturen sind noch gar nicht beendet.“ Das berichtet auch die Sparkassenversicherung, die in Baden-Württemberg etwa 70 Prozent der Wohngebäude versichert. „Eine solche Menge an Schäden ist nicht schnell zu reparieren“, sagt Vorstandsmitglied Klaus Zehner. Das daure noch mindestens bis Mitte des Jahres. Die Sparkassenversicherung rechnet mit einem Anteil von 600 Millionen Euro. 375 Millionen sind bereits ausgezahlt.

Für die zuständigen Handwerksbetriebe ist das Unwetter Fluch und Segen zugleich. „Der Hagelschaden hat der Branche eine Sonderkonjunktur beschert“, sagt Udo Steinort von der Handwerkskammer in Reutlingen. Allerdings seien viele Betriebe auch selbst geschädigt, einige hätten sogar umziehen müssen. Direkt nach dem Unwetter sei die Auslastung „extrem angestiegen“, sagt Gerd Kistenfeger von der Handwerkskammer Region Stuttgart. Zeitweise sei das Material ausgegangen. Deshalb würden die Reparaturen noch Monate dauern: „Dachdecker, Zimmerleute, Rollladenbauer und KFZ-Gewerbe arbeiten immer noch den Auftragsstau ab.“ Handwerker und Versicherungen gingen dabei „ zielstrebig“ vor.

Hilfe kommt von unerwarteter Seite. „Das milde Winterwetter kommt uns sehr entgegen“, sagt Frank-Uli Angelmaier. Sein Dachdeckerbetrieb in Kirchheim/Teck ist mehr als ausgelastet. Die Schäden seien sehr vielfältig, erzählt er, sie beträfen Lichtkuppeln, Ziegel und Dachfenster gleichermaßen. „Das kann noch das ganze Jahr dauern“, schätzt Angelmaier. Auch sein eigenes Hallendach ist derzeit nur provisorisch abgedeckt. „Das richte ich wohl als letztes“, sagt er schmunzelnd.

Zu spüren sein werden die Folgen aber auch später noch – und nicht nur bei den Betroffenen. Als Folge dieses und anderer Unwetter haben diverse Versicherungen die Beiträge erhöht. Dabei geht es meist um runde zehn Prozent. Die Kunden zeigten dafür Verständnis, heißt es in der Branche.

In Riederich geht derweil das Warten weiter. Es wird noch lange dauern, bis der Ort wieder aussieht wie vor dem Hagelsturm. „Das Ganze“, sagt Hilde Müllers Sohn, „ist schlicht eine große Katastrophe.“

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