Am 21. Juli 1968 informiert früh morgens ein Extrablatt der Stuttgarter Nachrichten über die Mondlandung. Foto: Uli Kraufmann

Keiner wollte in dieser Nacht ins Bett. Vom 20. auf 21. Juli 1969 betrat um 3.56 Uhr deutscher Zeit Neil Armstrong als erster Mensch den Mond. Unser Stuttgart-Album hat sich umgehört: Wie hat Stuttgart das weltweite Medienereignis erlebt?

Stuttgart - Es war die Nacht, in der der Mond seinen Mythos verlor. Weltweit starrten geschätzt 600 Millionen Menschen auf die verschwommenen Fernsehbilder, die von einer Kamera kamen, die am Fuß der gelandeten Raumfähre befestigt war. Es war eine lange Nacht, die die Welt veränderte.

Einer der 600 Millionen war der damalige Ministerpräsident Hans Filbinger. „Wegen einer Operation liegt er in einem Stuttgarter Krankenhaus“, so stand’s in unserer Zeitung in den spannenden Juli-Tagen des Jahres 1969, „und ließ sich ein tragbares Fernsehgerät in sein Krankenzimmer bringen.“ Bundestagspräsident Kai-Uwe Hassel, der anlässlich des Evangelischen Kirchentages in Stuttgart weilte, verlangte in seinem Hotel ebenfalls nach einem Fernsehapparat.

Treff am Schaufenster zum Mond

In den amerikanischen Kasernen und Siedlungen von Stuttgart wurden „Moonpartys“ gefeiert. Das Radiohaus Barth veranstaltete ein Public Viewing, auch wenn man den Begriff damals nicht kannte. Die ersten Farbfernsehgeräte, die seit knapp zwei Jahren auf dem Markt waren, liefen in der Nacht. Zum „Sit-in“ versammelten sich viele Stuttgarter – am Schaufenster zum Mond. „Es war spannend wie ein Krimi“, erinnert sich Wolfgang Müller, der damals dabei war, im Internetforum unseres Stuttgart-Albums. Reger Betrieb herrschte in den Autobahnraststätten. „Die Pächter sorgten in ihren Gasträumen für einen durchgehenden ,Apollo-Dienst’“, war vor 50 Jahren in unserer Zeitung zu lesen.

Ein Extrablatt unserer Zeitung war nach dieser historischen Nacht schon am frühen Morgen fertig: Um 5 Uhr wurden die frisch gedruckten Blätter an mehreren Orten der Stadt verteilt. Die Schlagzeile lautete: „Der erste Mensch hat den Mond betreten.“ Für den Fall, dass die Mission scheitern sollte, hatte die Redaktion eine Seite mit der Überschrift „Auf dem Mond verunglückt“ vorbereitet. Als die Astronauten die Kraterlandschaft betraten, stieg der Stromverbrauch in Stuttgart mitten in der Nacht um 18 Prozent, wie die Technischen Werke später mitteilten.

Daimler reicht Originalpäckchen der Astronauten-Nahrung

„Die letzte Geburt vor dem entscheidenden Schritt zum Mond“, so stand außerdem in dem Zeitungsartikel unter der Überschrift „Ein Mond-Tag brachte einen schlaflosen Montag“, sei im Robert-Bosch-Krankenhaus gemeldet worden: Um 3.28 Uhr wurde eine Griechin von einem gesunden Jungen entbunden, der den Namen Alexandros erhielt. Um 4.45 Uhr – also nach der historischen Mondlandung – kam in der Staatsrat-von-Fetzer-Klinik Jochen Hartschuh zur Welt. Die Polizei, so stand’s in unserer Zeitung, habe „viel Muße“ gehabt, „vor dem Fernsehschirm zu verweilen“. Im Polizeibericht von der Nacht vom 20. auf 21. Juli 1969 war nur „eine kleine Schlägerei beim Cannstatter Bahnhof“ um 4.10 Uhr vermerkt. Die Feuerwehr musste in der ganzen Nacht nicht ausrücken, erst um 6.14 Uhr zu einem schweren Unfall nach Feuerbach.

Wenige Stunden nach der Mondlandung lud Daimler-Benz, wie der Konzern damals noch hieß, Pressevertreter ins Werk nach Untertürkheim, um ihnen um 10 Uhr Kostproben aus einem Originalpäckchen jener Verpflegung zu reichen, die die Astronauten der Apollo 11 auf ihrer langen Reise mitbekommen hatten. Eine Raumfahrer-Mahlzeit kostete damals stolze 1200 Mark. Es gab unter anderem Kartoffelsuppe sowie Bananenpudding. Kolumnist KNITZ zählte damals zu den Testessern und fand, dass der Pudding „viel zu süß“ war, das andere habe „schon versöhnlicher“ geschmeckt. Dass es Besseres gibt als Mondmahlzeiten, haben die Daimler-Leute wohl vorausgesehen. Auch schwäbische Laugenbrezeln gab es zum Pressetermin, „die regeren Zuspruch fanden als der Weltraumbrei“, wie KNITZ schrieb.

„Zu zehnt saßen wir vor dem Fernseher“

Holger Strehlow, Kommentator der Facebook-Seite des Geschichtsprojekts Stuttgart-Album, erinnert sich an die lange Mondnacht von 1969: „Die Nachbarn haben im Garten eine Party veranstaltet, und auf einem TV-Gerät konnten die Gäste die Landung verfolgen. Meine Eltern waren dort. Ich schaute bei uns im Wohnzimmer, aber es war mühsam, weil die Bildqualität nicht gut war. Schwarz-Weiß, streifig, rauschig, die TV-Geräte von damals hatten zudem generell eine schlechtere Abbildungsqualität. Der Ton war ebenso dürftig wie meine damaligen Englischkenntnisse. Zwischendurch gab es Erläuterungen der deutschen Kommentatoren. Irgendwie war es eine Mischung aus aufregend und müde. Dennoch spürte man, dass man gerade vom Hauch der Geschichte gestreift worden ist.“

Bernd Langner schreibt: „Ich war neun Jahre alt. Wir saßen am TV. Meine große Sorge war, dass der Eagle nicht mehr vom Mond starten könnte.“ Irmgard Abt vergleicht damals mit heute: „Was war das für ein Ereignis!️ Zu zehnt saßen wir vor dem Fernseher. Heute wäre dies kein Spektakel mehr.“

Diskutieren Sie mit unter: www.facebook.com/Album.Stuttgart. Zu unserer Serie sind drei Bücher erschienen, zuletzt „Das Beste aus dem Stuttgart-Album“ im Sutton-Verlag.
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