Das Theater ist und bleibt ihr Leben: Susanne Heydenreich geht in den Unruhestand. Foto: Lichtgut/Achim Zweygarth

Wenn man in Stuttgart ein Theater leitet, muss man Biss haben. Susanne Heydenreich wusste, wie man sich auch mal unbeliebt macht. Deshalb wird man sie vermissen.

Wenn man sich etwas schwer vorstellen kann, so ist es Susanne Heydenreich (70) mit Kreuzworträtsel im Rentnersessel, hoch gelegten Füßen, altersmilder Gelassenheit – und ohne jeden Furor. Denn wenn die Schauspielerin und Theaterintendantin in all den Jahren etwas ausgemacht hat, so war es ihr Biss, diese unermüdliche Energie, Dinge anzuschieben, Stellung zu beziehen und sich damit manchmal auch unbeliebt zu machen. Ihre Kraft, hat Susanne Heydenreich einmal gesagt, schöpfe sie „aus der täglichen Wut, aus dem, was in der Welt vor sich geht“.

 

Aber es braucht eben Kampfbereitschaft, um so viele Jahre das Theater der Altstadt im Westen leiten zu können und all die Hürden zu nehmen wie Überschuldung, Verlustvortrag, schrumpfende Etats oder gestrichene Stellen. Auch als der Gemeinderat 2004 einen Experten engagierte, um die Theaterlandschaft umzustrukturieren – oder besser Häuser zu schließen – half nur noch Kämpfen. Dabei wusste Susanne Heydenreich ihr dramatisches Talent durchaus zu nutzen. Aber auch inhaltlich bezog sie gern Stellung. Bei Stuttgart 21 verpasste ihr der Vorstand des Theaters allerdings einen Maulkorb. Zähneknirschend legte sie die Buttons ab und mäßigte sich in ihren Editorials im Spielplanleporello, schließlich wollte sie ihr Team nicht gefährden.

Authentisches Theater, das nicht blöfft, sondern berührt

Das Publikum aber wusste immer, was es an seiner Intendantin hat. Und so hätte sie nun keinen schöneren Abschluss für ihre letzte Saison bereiten können als mit dem Musical „La Cage aux Folles“. Es ist einer dieser herausragenden Theaterabende, die vor Augen führen, was die Qualität der Ära Heydenreich ausmachte. Denn es wird kein spektakulärer Bühnenzauber veranstaltet, die Maschinerie läuft auch nicht auf Hochtouren. Wie oft sieht man bei Musicals mittelmäßige Tänzer, die in schlecht sitzenden Kostümen aus Faschingsseide einen auf Broadway machen wollen. Im Theater der Altstadt gelang es dagegen immer wieder, trotz beschränkter finanzieller Mittel das Optimum herauszuholen, weil man auf die Talente der Einzelnen setzte, statt irgendwelche ästhetischen Konzepte durchzuboxen. Das Ergebnis war ein Theater, das ehrlich und authentisch sein und die Menschen packen und berühren wollte. Und so weiß man am Ende von „La Cage aux Folles“ nicht, ob man lachen oder weinen soll – und meistens entscheidet sich das Publikum einfach für tosenden Applaus, Jubel und Standing Ovations.

Das Publikum in dem Theater am Feuersee ist übrigens oft jünger als das anderer Stuttgarter Bühnen, trotzdem wurde das Theater bei der Kulturpolitik manchmal unterschätzt, weil es eben nicht die Mittel hatte, allzu laut zu trommeln – und weil es immer auch eine Art Familienbetrieb geblieben ist. Schließlich war es nicht irgendeine Bühne, die Susanne Heydenreich 1996 übernahm, sondern das Theater ihrer Eltern. Elisabeth Justin Heydenreich und Klaus Heydenreich eröffneten ihre erste Spielstätte 1958 in einer Baracke im Leonhardsviertel, später war das Theater der Altstadt dann unterm Charlottenplatz.

Mit dem Theater großgeworden

Susanne Heydenreich war somit ein Theaterkind durch und durch, verkaufte Karten, nahm an der Garderobe die Mäntel entgegen, um dann schnell auf die Bühne zu huschen. Als junge Schauspielerin ging sie dann ihrer eigenen Wege, als der Vater aber 1990 starb, kehrte sie doch zurück, um der Mutter an der Seite zu stehen und gegen die Schließung der Bühne zu kämpfen. Am Ende wurde das Domizil unterm Charlottenplatz geschlossen und das Theater im Westen zum neuen Standort.

Geerbt hat Susanne Heydenreich die Intendanz keineswegs – sie musste sich gegen zahlreiche Mitbewerber durchsetzen. Die Eltern konnten noch aus einem großen Fundus an Autoren schöpfen und auch ein Fassbinder schaute persönlich bei ihnen vorbei. Susanne Heydenreich musste bei neuen Stücken nun oft den großen Häusern den Vortritt lassen und schaffte es doch, die nächste Generation auf die Bühne zu bringen, Werner Schwab, Theresia Walser oder Wajdi Mouawad. Sie setzte keine programmatischen Schwerpunkte, sondern bot lieber eine Mischung aus populärem Unterhaltungstheater und anspruchsvollen Stücken, Stephen King und Franz Xaver Kroetz, Friedrich Schiller und Michael Frayn, „Harold and Maude“ und Wolfgang Borcherts „Draußen vor der Tür“ – auch das eine Inszenierung, die man nicht vergisst.

Sie sei niemand, der an der Vergangenheit festhalte, sondern Dinge auch abschließen und gehen lassen könne, hat Susanne Heydenreich einmal gesagt. Auf den Rentnersessel zieht sie sich aber keineswegs zurück. Schon jetzt ist die Stadt mit ihrem Gesicht plakatiert. Denn zum Auftakt der kommenden Spielzeit wird Susanne Heydenreich bereits wieder auf der Bühne stehen und eine Stuttgarter Seniorin spielen, die sich Handelsvertreter gegen die Einsamkeit einlädt. Allerdings wird „Frau Knöpfle kann’s nicht lassen“ nicht in ihrem einstigen Theater herauskommen, sondern in der Komödie im Marquardt.

Herzblut der besonderen Art

Vergangenheit
Als die Eltern von Susanne Heydenreich im Leonhardsviertel 1958 ihre erste Bühne eröffneten, machten sie nicht nur mit Jugendlichen aus der Altstadt Kindertheater, sondern verkauften nebenher Staubsauger, um sich finanziell über Wasser zu halten.

Zukunft
Von der nächsten Spielzeit an wird Christof Küster die Geschicke des Theater der Altstadt im Westen leiten. Er ist kein Unbekannter und hat bisher erfolgreich das Studio-Theater in der Hohenheimer Straße geführt. adr