Die Rollkisten werden am Straßenrand platziert. Foto: Kathrin Wesely/Kathrin Wesely

Die Wanderbaumallee ist am Wochenende vom Westen in den Süden gezogen. Die Stimmung war volksfestlich. Doch tatsächlich wird die temporäre Veranstaltung zum lokalpolitischen Testballon: Wie viel Stellplätze sind Anwohner bereit, zu entbehren?

S-Süd - Die Baum-Karawane ist Am Samstag mit bunten Tross von der Elisabethenstraße im Westen in den Süden gezogen. Für die nächsten Wochen gastiert die Wanderbaumallee nun in der Liststraße vor dem Laden von Dr. Bohne. Die mobilen Bäumchen und Sitzkisten sind als grüne Oasen gedacht, die Nachbarn und Passanten zum Verweilen, zum Schwatz oder zum gemeinsamen Feierabendbierchen einladen. Sie wollen aber auch dazu anregen, den Straßenraum nicht nur als Stellplatz und Straße zu begreifen. An den Wochenenden wird es in der temporären Oase auch immer mal kleinere Events geben. So wird sich beispielsweise die Initiative „Klein-List“ mit ihrem Projekt vorstellen: eine Quartiersmitte auf knapp 50 Metern, rechts und links der Pelargusstraße. Sie soll eine Art Begegnungszone werden, die von Fußgängern und Autofahrern gleichermaßen genutzt wird. Man schlägt hier politisch in dieselbe Kerbe wie die Wanderbaumallee: Es geht darum, das Stadtklima zu verbessern und die Aufenthaltsqualität zu erhöhen. Der öffentliche Raum soll erlebbar werden, das Primat des Automobils wird damit infrage gestellt.

Idee wandert weiter

Die Wanderbaumallee ist ein Konzept aus München, das dort bereits seit 1992 vom Verein Green City angewandt wird. In den vergangenen Jahren wurden Wanderbaumalleen auch in Wien, Köln und im vergangenen Jahr in Stuttgart auf die Reise geschickt – etwa in Köln für eine grünere und damit lebenswertere Innenstadt ein. Am Ende der Saison sollen die Bäume ein Zuhause im öffentlichen Raum bekommen, die wandernden Bäume aus dem vergangenen Jahr fanden meist Unterschlupf bei Urban-Gardening-Projekten.

Denkanstoß oder Ärgernis

Das Projekt, das in den Stuttgarter Bezirken, in denen es gastierte, mit Zuschüssen bedacht wurde, ruft allerdings nicht nur Begeisterung hervor: Es gibt immer wieder Anwohner, denen die Stelldicheins am Straßenrand zu lärmig sind. Vor allem aber wird moniert, dass für die Wanderbäume über Wochen hinweg Parkplätze blockiert werden in Gegenden, in denen ohnehin schon hoher Parkdruck herrscht. Diese Kritik wurde auch im Bezirksbeirat Süd vorgebracht, als es um die Bezuschussung der Wanderbaumallee mit gut 2000 Euro für den Standort Liststraße ging. Sowohl Vertreter der SPD als auch der CDU beurteilten den zeitweiligen Wegfall von Stellplätzen im Lehenviertel kritisch, die Grünen hingegen begrüßten das Projekt als „Denkanstoß“, wie Reinhard Otter meinte. Der Zuschuss fand mehrheitlich Zustimmung, und Bezirksvorsteher Raiko Grieb, SPD-Mann, zeigte sich gespannt: „Die Liststraße ist ein Testballon. Wir werden sehen, wie die Anwohner darauf reagieren.“ Am Samstag ist der Ballon nun aufgestiegen. Zum Auftakt jedenfalls war die Stimmung in der Liststraße volksfestlich beschwingt.

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