Timo Hildebrand Foto: Kathrin Wesely

Der Erfinder der Trainingsmethode Neurotrim eröffnet in Stuttgart ein Studio. In persönlichen Trainingsstunden sollen die neuronalen Verbindungen gestärkt werden. Die Methode will helfen, bis ins hohe Alter fit zu bleiben.

Stuttgart-Süd - Früher hatte es Michael Schiff ausschließlich mit Profisportlern zu tun. Für diese Klientel war Neurotrim ausgelegt, seine selbst entwickelte Methode: Minimale, präzise Bewegungen, die den Kontakt zwischen den beteiligten Muskeln und der für sie zuständigen Hirnregionen intensivieren. Eines Tages aber stand eine gebrechliche Dame in seiner Praxis. Sie hatte in der Lokalzeitung gelesen, dass Schiff mit seiner Methode einen bös lädierten Tennisprofi buchstäblich wieder auf die Beine gestellt hatte. Wieso sollte das nicht auch bei ihr gelingen? Den Artikel illustrierte ein Foto, das Schiff mit einem Klienten auf der Liege zeigte. Bequem schien die Heilmethode also auch noch zu sein. Die betagte Frau ließ sich nicht abwimmeln.

Exakt messbare Fortschritte

„Sie hielt mich für einen Wunderheiler! Sie war überzeugt, ich würde ihr die Hand auflegen, und schon würde sie wieder gehen können“, erzählt der 51-Jährige heute belustigt. Er brachte es trotzdem nicht übers Herz, die 80-Jährige fortzuschicken. Er war doch ihre letzte Hoffnung, wieder gehen zu können. „Ich dachte: Versuchen wir es halt.“ Schiff passte sein Programm behutsam an die Klientin an. Warum sollte das Prinzip, neuronale Strukturen dazu zu bringen, bestimmte Muskeln wieder anzusteuern, nicht auch bei einem alten Menschen funktionieren? Die Muskeln sind ja intakt, es sind die Nerven, die blockieren, dachte Schiff. Am Ende konnte seine Klientin mit Hilfe eines Stocks wieder alleine gehen. Und Neurotrim-Methode erhielt für ihren Erfinder eine völlig neue Tragweite. Sein Trainingsmotto heute lautet: „Fit bis 100“.

Spitzensportler und Schwerkranke

„Auch Schlaganfallpatienten und Multiples-Sklerose-Erkrankten haben keine muskulären Probleme. Die Nervenimpulse fehlen.“ Schiff, der bislang ein Studio bei sich daheim in Hirrlingen betreibt und eines in München, das sein ältester Sohn leitet, trainiert nun schon seit Jahren mit MS-Patienten. „Durch die Beschädigung der Nervenhülle ist bei ihnen die Informationsübertragung gestört“, Heilung sei nicht möglich, aber das Nerven-Training könne den Verlauf abmildern.

Das Herzstück von Neurotrim ist eine bewegliche Holzplatte mit Sensoren, angeschlossen an einen Bildschirm, der die Bewegungen grafisch anzeigt. Timo Hildebrand steht barfuß mit einem Bein darauf, steuert balancierend einen Punkt, den er auf dem Bildschirm verfolgt. Der ehemalige VfB-Torhüter ist ein Schiff-Klient der ersten Stunde. „Früher war Neurotrim ein Baustein, der mir einen Wettbewerbsvorteil gebracht hat“, sagt der 40-Jährige. „Heute bin ich eher präventiv unterwegs. Ich will mein Niveau halten.“ Zehn Trainingseinheiten anfangs und anschließend vierwöchentlich eine, würden reichen, sagt sein Trainer: „Timo wird noch mit 75 dieselben Übungen hinkriegen wie jetzt.“ Denn neuronale Verbindungen seien stabil, und ein erreichtes Ziel lasse sich mit wenig Aufwand lange aufrecht erhalten. Der Neurologe Achim Gass vom Uniklinikum Mannheim hat eine weitere Erklärung für die langfristige Wirksamkeit von Schiffs Methode: „Der Patient bewegt sich wieder mehr, steigt beispielsweise auch Treppen, sodass er den Zugewinn auch permanent nutzt.“

Sockentest kann jeder daheim machen

In der präventiven Arbeit sieht der ehemalige Tennislehrer Schiff seinen Schwerpunkt. „Wir reden zu viel von Pflege und zu wenig darüber, wie die Leute möglichst lange fit bleiben und für sich selbst sorgen können.“ Der Grund für Unbeweglichkeit im Alter sei meist eine Degeneration des Nervensystems, das über Jahrzehnte zu wenig gefordert wurde. „Je älter wir werden, desto wichtiger wird es, wie wir alt werden.“ Manchmal speichere das Gehirn eine Vermeidungshaltung ab, weil man etwa mal mit dem Fuß umgeknickt ist. „Das Gehirn will uns vor Schmerz schützen“, sagt Schiff. Die Folge: Die neuronale Verbindung zur verletzten Region verkümmere, Fehlstellungen entstünden. Oft seien es aber eingeschliffene Bequemlichkeiten, die zu Unbeweglichkeit führten: „Bei jemand, der sich mit 50 Jahren die Socken nicht mehr im Stehen anziehen kann, sollten die Alarmglocken läuten.“ Ganz billig ist Schiffs Jungbrunnen freilich nicht. Mit 100 Euro für die Stunde muss man schon rechnen.

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