Der Gewaltpräventionspädagoge Marc Stäbler zeigt den Kindern in seinen Kursen, wie sie sich vor körperlichen Übergriffen schützen können. Foto: Georg Friedel

Schwerhörige und gehörlose Kinder und Jugendliche lernen in einem Selbstbehauptungskurs im Seehaus Leonberg, wie sie sich gegen Mobbing und gewalttätige Übergriffe verteidigen und wehren können. Unter den Teilnehmern war auch der zwölfjährige Luan aus Stammheim.

Stammheim - Nachts auf einem unbevölkerten Bahnsteig zu warten, die Pöbeleien angetrunkener Fahrgäste in der ­S-Bahn zu ertragen oder den stockdunklen Heimweg durch ein einsames Vorstadtgebiet anzutreten: Da bekommen schon viele Erwachsene ein mulmiges Gefühl und einen Kloß im Hals. Für Heranwachsende mit einer Behinderung können solche Situationen zu traumatischen Ereignissen werden. Um Belästigungen und Übergriffen nicht hilflos ausgeliefert zu sein, ist es wichtig zu lernen, wie man sich gegen solche Attacken schützen kann.

Prävention und Selbstbehauptung

An diesem Punkt setzen auch die Selbstverteidigungskurse des Gewaltpräventionspädagogen Marc Stäbler vom Verband Protactics an: Vergangenen Samstag ist der zwölfjährige Luan aus Stammheim sowie drei weitere Kinder und Jugendliche zwischen acht und 14 Jahren zu ihm in das Leonberger „Seehaus“ an der Landesstraße 1187 gekommen.

Manche der Kursteilnehmer sind gehörlos, andere hochgradig schwerhörig – so wie Luan. Seit seiner Geburt hört er auf einem Ohr nur fünf Prozent, auf dem anderen sind es 15 Prozent, berichtet seine Mutter Olga Farizi. In den ersten beiden Lebensjahren fiel den Eltern das Defizit noch nicht auf. Erst als das Kind mit drei Jahren immer noch so gut wie nicht gesprochen habe, sei die hochgradige Schwerhörigkeit im Kinderkrankenhaus Olgäle diagnostiziert worden. Luans vier Jahre jüngerer Bruder Arian ist nicht betroffen: „Am liebsten spiele ich mit Arian in der Freizeit Fuß- und Handball“, berichtet Luan. Außerdem ist er im TV Stammheim aktiv und spielt dort Faustball in den Altersstufen U12 und U14. Er geht auf die Realschule. Momentan besucht er die Klasse 6B der Theodor-Heuss-Schule in Kornwestheim. Seine Mutter betont, er müsse im Schulalltag aufgrund seines Handicaps natürlich deutlich mehr leisten und länger lernen als die Mitschüler.

Sozialpädagogin Monika Ringelhan unterstützt Luan

Dabei hilft ihm Monika Ringelhan: „Ich begleite Luan im Unterricht und unterstütze ihn mit lautsprachbegleitenden Gebärden“, sagt die Integrationsfachkraft und Kommunikationshelferin aus Leonberg. Ein weiterer Schwerpunkt sei die Nach- und Vorbereitung des Unterrichts mit Luan. Wichtig ist zudem die regelmäßig Wortschatzarbeit: „Mir fehlen bei Texten viele Wörter und Frau Ringelhan erklärt mir dann deren Bedeutung“, sagt Luan selbst. Um die Lücke zu schließen, lernt er momentan die Gebärdensprache. Mitunter nutzt der Lehrer seiner Klasse auch ein Mikrofonsystem, dass direkt über Luans Hörgerät läuft und überträgt, was er sagt. Doch solange das Mikro läuft, kann Luan die Schüler in der Klasse nicht verstehen, erläutert Ringelhan.

Nahezu vollständig auf seinen Gehörsinn verzichten zu müssen, ist eine massive Einschränkung: „Gehörlos zu sein, trennt einen von den Menschen. Blind zu sein, trennt einen von den Dingen“, sagt Ringelhan. Die Sozialpädagogin beherrscht die Gebärdensprache schon lange. Sie arbeitet seit etwa 25 Jahren mit hörbehinderten Menschen zusammen und ist seit 2016 freiberuflich tätig als Integrationsfachkraft für hörbehinderte Kinder und Jugendliche in Kindergärten, Schulen und der Ausbildung. „Außerdem biete ich Gebärdenkurse in Familien mit hörbehinderten Kindern an.“

Sich wehren, kann richtig Spaß machen

Bei dem Kurs ist Ringelhan für Luan, die anderen Kinder und Marc Stäbler das kommunikative Verbindungsglied. Sie dolmetscht und übersetzt das von Stäbler Gesagte simultan in Gebärden. Mit dem 44-jährigen Gewaltpräventionspädagogen arbeitet Ringelhan heute das erste Mal zusammen und hat das Angebot vorbereitet. Der bei Aalen aufgewachsene Schwabe findet schnell einen Draht zu den Schülern. Stäbler gibt Tipps und zeigt den Kindern und Jugendlichen ganz praktisch, wie wichtig Selbstbewusstsein und körperliche Ausstrahlung sind. Also arbeitet er erst einmal an der aufrechten Haltung und gibt den Kindern den Auftrag: „So durch die Welt gehen, als wenn ihr der Chef der Firma seid.“

Später dürfen Luan und die anderen mit der flachen Hand und den Handballen zwei ineinandergeschobene Bretter aus Holz, die Stäbler ihnen entgegenhält, in zwei Teile schlagen. Luans Arm schnellt wie bei einem Karatekämpfer nach vorne. Zack! Auftrag erfüllt! Manche juchzen, als das Brett bricht. Sich zu wehren, kann auch richtig Spaß machen. Und die Mauer der Isolation bekommt Risse.

Trainer Marc Stäbler zeigt den Kindern, wie sie sich schützen können

Am Ende des dreistündigen Kurses dürfen Luan, Evelina (13 Jahre), Florian (14 Jahre) und Robin (8 Jahre) auf einem kleinen Parcours noch mal zeigen, was sie gelernt haben. Stäbler zieht einen Helm, Schienbeinschoner und einen Vollschutzanzug an. Seine Kursteilnehmer sollen jetzt richtig zulangen. Der um zwei bis drei Köpfe größere und austrainierte Kampfsportler und Trainer sieht hinter seinem Helm ein wenig bedrohlich aus. Egal – Luan und die anderen gehen auf ihn los, packen ihn am Arm, treten mit den Füßen gegen seine Schienbeine, nehmen ihn in den Schwitzkasten, boxen auf seinen Helm und versuchen, ihn umzustoßen. Sich effektiv zu wehren, aber auch, sich der Aggressivität des Gegenübers zu entziehen, haben sie heute in ganz verschiedenen Varianten geübt. Auch entsprechend laut zu sein und zu schreien, gehört zum Repertoire. „Gar nichts zu tun, ist das Schlechteste, was man machen kann“, betont Stäbler. Stopp zu sagen, ist oft der erste Schritt, sich gegen einen scheinbar übermächtigen Gegner zur Wehr zu setzen.

Leider schauen aber in der Öffentlichkeit immer öfter viele weg, wenn gewalttätige Übergriffe geschehen. Hilfe von anderen ist nicht immer zu erwarten: „Deshalb ist es wichtig, zu lernen und zu trainieren, wie ich mich in gefährlichen Situationen selbst schützen kann“, sagt Stäbler. Die erste Stufe sei, aufmerksam zu sein und die Umgebung stets im Blick zu halten. „Wenn man gut aufpasst, kann man sich dem Stress oder schwierigen Situationen rechtzeitig entziehen“, betont der Trainer, der sich im Projekt und Verein Seehaus auch um jugendliche Straftäter kümmert. Mit seinem Präventionsprogramm ist er auch regelmäßig an Schulen unterwegs.

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