Klaus Wais aus Riedenberg vermietet eine rund 20 Ar große Ackerfläche. Foto: Holowiecki

Der Landwirt Klaus Wais aus Stuttgart-Riedenberg vermietet über Ackerhelden bepflanzte Gartenstreifen, auf denen selbst Ungeübte Ernte-Erfolgserlebnisse haben. Die Nachfrage ist so groß, dass die Vermarktung für die kommende Saison eher begonnen hat.

Riedenberg - Grüne Bohnen baumeln reif von den kleinen Büschchen, dahinter streckt der Mangold seine roten Arme zum blauen Himmel. Das satte Orange der Kürbisse schimmert durchs Blätterdickicht, und die Sonnenblumen bieten noch das letzte Gelb auf, bevor der nahende Herbst sie dahinrafft. Klaus Wais blickt sich zufrieden um. Das Urteil des Demeter-Landwirtes aus Riedenberg ist trotz einzelner Disteln, die sich am Boden breitgemacht haben, positiv: Die Hobbygärtner haben gute Arbeit geleistet auf seinem Stück Land zwischen der Heinz-Glauner-Halle und dem Kemnater Hof.

Bereits in der dritten Saison vermietet Klaus Wais im Sommer die etwa 20 Ar große Fläche an das Unternehmen Ackerhelden, und das wiederum gibt 40 Quadratmeter große Streifen an jene ab, die Lust haben, zwischen Mai und November im eigenen Gärtle zu graben, zu harken und freilich auch zu ernten. Der Clou: Der Mieter setzt sich ins gemachte Gemüsenest. Klaus Wais bepflanzt die Flächen im Vorfeld mit allerlei Bio-Jungpflanzen, im weiteren Verlauf des Gartenjahres schickt Ackerhelden den Mietern Saatgut zu und erklärt, wann und wie es ausgebracht werden muss. Fragen werden per E-Mail, Telefon oder Newsletter beantwortet.

Rasenmähen entfällt, jeder hat Ernte-Erfolge

So können sich selbst jene ohne grünen Daumen über Kartoffeln, Kohl, Zwiebeln oder Sellerie, Salate, Kräuter und Blumen freuen. Lästiges Rasenmähen entfällt, Wasser wird ebenso gestellt wie Dünger und Gerätschaften. „Was man noch investieren muss, ist die persönliche Präsenz“, sagt der 60-jährige Bauer. Urban Gardening ist in Großstädten wie Stuttgart in. Mietäcker boomen, zahlreiche Anbieter verpachten bepflanzte Flächen an Städter, die ihr eigenes Gemüse ernten und sich beim Gärtnern verausgaben wollen.

„Dein Beet“ mit Sitz in Fellbach etwa hat 80 Gemüsebeete sowie Schrebergärten in Mühlhausen in petto. Meine Ernte wiederum kooperiert in Möhringen mit dem Landwirt Klaus Brodbeck, der knapp 150 Ackerstücke à 48 Quadratmeter zu vergeben hat. Aufgrund der hohen Nachfrage hat Ackerhelden Anfang September, also einen Monat eher als sonst, mit der Vermarktung der Wais’schen Flächen für 2019 begonnen. Aus der Zentrale in Essen ist zu hören, dass 20 Stuttgarter Stückchen – mehr als die Hälfte – bereits vergeben sind, Klaus Wais hat aber noch Zusatzflächen. „Die Leute wollen 100-prozentige Transparenz bei den Lebensmitteln haben“, sagt Tobias Paulert, der Ackerhelden 2012 mitbegründet hat. Heute betreut sein Team 16 Standorte bundesweit.

Waren im mehrfachen Gegenwert ernten

Längst nicht alle, die sich auf Klaus Wais’ Land tummeln, wohnen im Bezirk. Aus ganz Stuttgart und von außerhalb würden die Mieter kommen, teils „mit merkwürdigen Autonummern“ – etliche von ihnen nach der Arbeit. „Ich glaube, für viele ist das entspannend. Einige Stunden, in denen keiner anruft“, sagt Wais. Zwar werbe Ackerhelden damit, dass man für die 199 Euro Miete pro Saison im Idealfall Waren im mehrfachen Gegenwert ernten könne, der Riedenberger glaubt aber, dass etwas anderes die Menschen antreibt. „Das ist ein Erlebnisbereich, der heutzutage weitgehend ausgeblendet ist“, sagt er über die Betätigung im Freien, das Buddeln in der Erde, den ursprünglichen Umgang mit den Pflanzen. Klaus Wais benutzt das Wort „heilsam“. Und tatsächlich: Seit 2016 bietet Ackerhelden das Konzept als Maßnahme des betrieblichen Gesundheitsmanagements für Unternehmen an. Tobias Paulert betont: „Die Flucht auf den Acker, weg vom Laptop, wirkt entschleunigend.“

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