In der neuen Ausstellung im Haus der Geschichte Baden-Württemberg geht es ans Eingemachte: Sie zeigt schonungslos, wie wir Menschen ticken.
Stuttgart - Wie lässt sich die Welt verbessern? Georg Herwegh war überzeugt, dass es nur mit viel Hass gelingen kann. „Die Liebe kann uns helfen nicht, die Liebe nicht erretten“, schrieb der Stuttgarter Dichter und versuchte seine Mitmenschen mit seinem „Lied vom Hasse“ zum Handeln zu bewegen. Der Refrain: „Wir haben lang genug geliebt und wollen endlich hassen!“
Auch in Baden-Württemberg wird hemmungslos gehasst
Vermutlich hätte sich der Dichter rund 200 Jahre nach seiner Geburt durchaus wohl gefühlt im Südwesten, wo passioniert und hemmungslos gehasst wird. Die Linken hassen die Rechten und die Rechten die Linken – und alle sind überzeugt, die Wahrheit für sich gepachtet zu haben. Man muss nur den Fernseher einschalten – schon begegnen einem die diversen Spielarten von Hass, der eine der stärksten Emotionen des Menschen ist.
Wohlstand garantiert kein zivilisiertes Verhalten
Nach der Gierhat sich das Haus der Geschichte Baden-Württemberg nun den Hass vorgenommen für eine große Sonderausstellung, die an viele düstere Kapitel im Südwesten erinnert und deutlich macht, wie schwer es auch in einem wohlhabenden wie kulturell hochstehenden Bundesland zu sein scheint, zivilisiert und friedlich miteinander zusammenzuleben. Denn es war roh und schäbig, als Jugendliche 2003 in der Nähe von Hockenheim einen Obdachlosen misshandelten und brutal ermordeten. Sie sahen sich dazu sogar berechtigt, weil sie Johann Babies nicht als „gleichwertigen Menschen mit eigener Würde“ begriffen.
Oft nutzt der Hass des Volkes nur einzelnen Machthabern
Es ist alles andere als ein leichtes Thema, das sich das Haus der Geschichte da vorgenommen hat und viel davon erzählt, wie schwach der Mensch ist und sich deshalb ständig ungerechtfertigt über andere erhebt. Das bekommt auch ein junger Mann aus Backnang regelmäßig zu spüren. Er ist geistig behindert und deshalb mit Feindseligkeiten großgeworden: „Die Leute denken, wir seien Loser und dumm“, sagt er, „das tut weh.“
Die Feindschaft zu Frankreich wurde geschürt
Obwohl die Ausstellung Beispiele aus der Geschichte und der Gegenwart Baden-Württembergs verhandelt, antizipiert man beim Rundgang zwangsläufig die Weltereignisse, die aktuellen politischen Fronten oder erinnert sich an Donald Trumps dumme Parole „America first“. Oftmals werden Feindschaften im Volk geschürt, um die Macht Einzelner zu festigen: Über Jahrhunderte galt der französische Nachbar als Erbfeind. Auf einer Schützenscheibe von 1792 kann man sehen, wie der Hass nachgerade gezüchtet wurde: Die Schützen schossen auf die roten Freiheitsmützen der Revolutionäre. Die deutsch-französische Feindschaft hat sich lange im Volk gehalten. Es mag manchem ein zweifelhaftes Überlegenheitsgefühl verschafft haben, in der Bilanz brachte sie Tausende Tote.
Die Fronten verlaufen kreuz und quer
Hass ist offenbar ein wichtiges Movens bei Revolutionen. Aber macht er die Welt tatsächlich besser? Die oft emotionalen Beispiele in der Schau lassen eigentlich keinen Zweifel daran, dass Hass ein denkbar schlechter Ratgeber ist – ob im Privaten oder in den großen Zusammenhängen. Jeden dritten Tag werde in Deutschland eine Frau von ihrem Partner oder Ex ermordet, kann man da lesen. Dann wieder stolpert man über blinden Hass im Internet, wo jemand „Homosexuelle gehören getötet“ gepostet hat oder eine Frau erzählt: „Ich zog das Kopftuch an, und da ging für mich die Hölle los.“
Die Fronten verlaufen kreuz und quer durch die Gesellschaft. Auch die AfD-Politikerin Christina Baum, die viel Hass sät, wurde selbst Opfer, wie ein Grabkreuz zeigt, das 2019 vor ihrer Zahnarztpraxis gestellt wurde mit der Aufschrift: „Es ruhe in Unfrieden Nazihure Baum. Nach dir kräht bald kein Hahn mehr.“ Wie fühlt es sich an, gehasst zu werden. Eine interaktive Installation gibt eine Ahnung davon – und macht die Besucherinnen und Besucher selbst zur Zielscheibe. Da steht man dann umringt von Monitoren, auf denen Leute, die einem eigentlich egal sein könnten, einen spöttisch auslachen, beschimpfen, bedrohen – und alle Facetten des Hassens durchspielen. Angenehm ist das nicht, selbst wenn der Hass nur simuliert wird.
Spüren, wie sich Hass anfühlt
Auch bei der Videoarbeit der Stuttgarter Künstlerin Ülkü Süngün wird das Publikum einbezogen. Sie erklärt in einer Art Sprachkurs, wie die Namen der NSU-Opfer auszusprechen sind, wiederholt Laute, lässt hier das R rollen, dort das S zischen – was komisch wie schonungslos ist, weil der Nebenschauplatz Sprache doch viel erzählt von der Ignoranz den NSU-Ermordeten gegenüber.
Man kann trotz allem etwas tun gegen den Hass
Während die Ausstellung zur Gier manches kuriose Phänomen bereithielt, ist das Thema Hass sehr viel existenzieller und ernster geraten – zwangsläufig. Immerhin, zum Abschluss gibt Irmela Mensah-Schramm dem Publikum doch eine aufmunternde Botschaft mit auf den Weg. Sie entfernt seit dreißig Jahren rechtsextreme Aufkleber im öffentlichen Raum. In 340 Städten ist sie bereits losgezogen und hat mit Nagellackentferner, Küchenschaber und Farbspray bereits an die 90 000 Aufkleber und mehr als 10 000 Graffiti unschädlich gemacht – und dabei oft Sachbeschädigung begangen und Strafen riskiert. Aber „der geistige Dreck muss weg“, sagt sie und ermuntert, den Kopf nicht in den Sand zu stecken. Denn: „Mit Nichtstun kann man nichts erreichen.“
Hass. Ausstellung bis 24. Juli 2022 im Haus der Geschichte in Stuttgart. www.hdgbw.de