Duraid Tatanji baut die Krippe Jahr für Jahr liebevoll auf. Maria und Jesus sind seine Lieblingsfiguren. Foto:  

Die chaldäische Gemeinde feiert in der Pauluskirche Weihnachten. Viele Mitglieder stammen aus dem Irak.

Rohracker - Duraid Tatanji wird an den Weihnachtsfeiertagen viel Zeit im Internet verbringen. Jedoch nicht, weil er von seiner Familie genervt ist. Ganz im Gegenteil. „Über das Netz bleiben wir in Kontakt“, sagt der 40-Jährige, der vor acht Jahren mit seiner Frau aus dem Irak nach Deutschland geflüchtet ist. Seine Eltern und seine Geschwister haben das Land auch verlassen, leben jedoch in Australien, im rund 16 000 Kilometer entfernten Brisbane. „Ich bin traurig, dass wir nicht gemeinsam feiern können.“

Ein Ersatz stellen die chaldäischen Christen der Gemeinde „Mar Shimon Bar Sabbai“ dar, die in der Pauluskirche in Rohracker beheimatet sind. „Hier habe ich viele Freunde“, sagt Tatanji, der in dem Gotteshaus als Hausmeister arbeitet. Ein Höhepunkt stelle für ihn dabei die Weihnachtszeit dar. Mit großer Leidenschaft widmet er sich seit fünf Jahren dem Aufbau der riesigen Krippe. Dafür treffe er sich rechtzeitig mit Pfarrer Sizar Happe. „Gemeinsam überlegen wir uns dann, wie der Stall aussehen soll.“ Zuerst werde auf Papier eine Skizze erstellt, anschließend setzt Tatanji die Pläne um. 2017 baute er eine Felsgrotte in der Pauluskirche auf. Dieses Jahr stellt ein riesiger Berg aus Pappmasche die passende Kulisse für den Stall dar, den der 40-Jährige liebevoll dekoriert hat. Die Figuren behandelt er dabei wie rohe Eier. „Wir haben sie vor Jahren für 1200 Euro im Internet ersteigert.“ Bis zum 6. Januar werden sie noch in der Kirche stehen, anschließend packt er sie wieder vorsichtig in Luftpolsterfolie ein.

Gänsehautmoment

Einen Sonderstatus hat dabei das Christkind inne. „Bis Heiligabend liegt es nicht in seiner Krippe“, sagt Happe. In der chaldäischen Gemeinde ist es Tradition, sich am 24. Dezember vor der Kirche zu treffen und gemeinsam ein großes Feuer zu entzünden. Kurz vor der heiligen Messe, die um 18 Uhr beginnt, wird die Jesu-Figur dann mit Fackeln in die dunkle Kirche getragen. „Ein Gänsehautmoment“, so der Pfarrer, der wieder mit einem vollen Haus rechnet. „Mit 800 Personen. Wir haben 450 Sitzplätze. Damit alle Gläubigen reinpassen, steht unser Choral hinter dem Altar und nicht auf der Empore.“

Mehr als ein Ort zum Beten

Die Besucher würden nicht nur aus der Landeshauptstadt kommen, sondern auch aus Esslingen, Reutlingen und Plochingen. „Insgesamt leben in der Region rund 2300 chaldäische Christen, bundesweit sind es etwa 20 000. Sie sind aber nirgends als eigenständige Gemeinde wie wir anerkannt“, sagt Happe. 2014 bekam sie die Pauluskirche Rohracker, die zwei Jahre zuvor von der katholischen Kirche aus Kostengründen aufgegeben wurde, überlassen. Seit Oktober 2017 ist es auch offiziell das Zentrum der „Mar Shimon Sabbai“-Gemeinde – das erste seiner Art in Europa. „Für uns ist es wichtig, dass wir einen eigenen Raum haben und uns nicht nur sonntags zum Beten treffen.“ Es sei ein Ort, um sich taufen zu lassen, um Kommunion und Hochzeiten zu feiern. „Aber auch um im Sterbefall zu trauern“.

6000 Mitglieder

80 Prozent der rund 6000 Mitglieder stammen aus dem Irak, weitere zehn jeweils aus Syrien und der Türkei. Aufgrund der unsicheren Lage flüchteten in den vergangenen Jahren viele chaldäische Christen aus den Ländern – auch Duraid Tatanji. Seit die ISIS-Miliz sich aus dem Irak zurückgezogen hat, habe sich die Situation zwar etwas verbessert. Er will dennoch nicht mehr zurück in seine alte Heimat. Er stammt aus Karakosch, einer kleinen Stadt, die 32 Kilometer von Mossul entfernt liegt. „Dort ist jedoch alles zerstört, die Häuser, die Infrastruktur.“ Er fühle sich in Deutschland sehr wohl und sicher. „Ich will hier bleiben“, sagt der 40-Jährige, der mit seiner Frau im Hallschlag lebt. „Mir gefällt, wie sich der Stadtteil entwickelt. Hier hat sich viel getan.“ Einen Weihnachtswunsch hat der Hausmeister aber noch: „Wenn ich einen deutschen Pass habe und überall hinreisen darf, will ich irgendwann meine Familie in Australien besuchen.“

Hat Ihnen der Artikel gefallen? Jetzt teilen: