Die Anwohner in Rohr haben Angst, die Nager könnten Krankheiten übertragen. Foto: Mauritius

Anwohner haben in den vergangenen Wochen im unteren Bereich der Steigstraße zahlreiche Nagetiere beobachtet. Sie scheinen sich im Müll eines der Gebäude wohlzufühlen. Die Menschen befürchten, dass die Ratten erst der Anfang sind.

Rohr - Leise raschelt es zwischen den zerrissenen Müllsäcken, dann schlüpft ein braunes Fellknäuel durch ein Loch in der Hauswand. Es ist nicht das einzige Tier, dass die Nachbarn beobachtet haben. An Fronleichnam, berichtet eine der Anwohnerinnen, habe sie die erste Ratte gesehen. Seither sind es mehr geworden, auch Jungtiere seien darunter. „Massenweise“ huschten die Ratten über Terrassen, durch Blumenbeete und an den Wänden entlang, auch am helllichten Tag. „Das sind Zustände wie im alten Rom. Es ist eine Sauerei“, sagt Norman Seiter. Er ist der Eigentümer eines der Häuser in der Nachbarschaft. Eine Anwohnerin hat gesehen, wie die Tiere sich Taschentücher aus dem Müll ziehen und in ihre Verstecke schleppen. Für den Nestbau, vermutet sie. Die erwachsenen Tiere seien „richtige Riesenviecher“. Auch andere Nachbarn haben die Ratten in ihrer Nachbarschaft beobachtet, fotografiert und gefilmt.

Die Sorge der Menschen an der Steigstraße nahe des alten Rohrer Ortskerns ist groß. Schließlich gelten Ratten als Krankheitsüberträger. Über ihre Ausscheidungen können sie beispielsweise Salmonellen oder das Hantavirus an den Menschen weitergeben. „Hier in der Nachbarschaft wohnen Kinder, die spielen im Garten und im Hof. Jetzt liegt überall Rattenkot“, erzählen die Anwohner. Auch vor den Erdbeeren im Garten haben die Nager nicht Halt gemacht. Viele Früchte sind angeknabbert. Die Ratten erregen Ekel in der Nachbarschaft. Und nähren die Sorge, dass weiteres Ungeziefer wie Kakerlaken den Weg ins Wohngebiet findet. „Wir haben Angst“, sagt eine Bewohnerin.

Ratten werden von Lebensmittelresten angelockt

Ursprung des Übels scheint der Müll eines der Häuser zu sein. In einem schmalen Durchlass zwischen zwei Gebäuden stehen Mülltonnen, die Deckel stehen teils offen, die Tonnen quellen über. Daneben liegen zum Teil zerrissene Müllsäcke, Gelbe Säcke, Holzpaletten und Verpackungen. „Die Bewohner des Hauses werfen ihren Müll teilweise einfach aus dem Fenster“, erzählen die Nachbarn über ihre Beobachtungen. Darunter seien auch Lebensmittelreste, die offen im Hof liegen. Ein Paradies nicht nur für die Ratten. Auch Raben und Katzen sind schon am Abfall beobachtet worden. „Wenn es heiß ist, stinkt es zum Himmel“, klagt eine Anwohnerin und ergänzt: „Es sind ganze Horden an Ratten unterwegs. Denen geht es hier gut, sie haben Unterschlupf und haufenweise Nahrung.“

Die Anwohner sehen den Eigentümer des betreffenden Hauses in der Pflicht. Es sei seine Aufgabe, seine Mieter dazu zu bringen, ihren Müll anständig zu entsorgen. „Man ist doch verpflichtet, für sein Eigentum zu sorgen“, sagt Norman Seiter. Es habe Telefonate mit dem Hauseigentümer gegeben, der selbst nicht in der Nachbarschaft wohnt. In den letzten Wochen habe sich dennoch wenig getan. Immerhin: ein Kammerjäger hat inzwischen zwei Fallen aufgestellt. Der Müll und die Lebensmittel allerdings liegen immer noch im Hof.

Anwohner fühlen sich machtlos

Inzwischen haben sich die Nachbarn an die Stadt und an die Abfallwirtschaft Stuttgart (AWS) gewandt. Mehrere Telefonate seien aber ins Leere gelaufen, Schreiben nicht beantwortet worden. „Es fühlt sich einfach niemand zuständig“, sagt eine Frau. „Wir wurden telefonisch vertröstet und immer wieder an andere Ämter verwiesen“, ergänzt ihre Nachbarin. Neben dem Frust macht sich ein Gefühl der Machtlosigkeit in der Nachbarschaft breit. „Wochenlang tut sich nichts. Das ist eine Belastung. Wir möchten doch nur, dass jemand Abhilfe schafft.“ Die Anwohner wünschen sich, dass die Stadt Druck auf den Eigentümer ausübt, ihm Fristen setzt, bis wann er den Müll beseitigt haben muss. „Das kann man so einfach nicht lassen. Da muss etwas passieren“, fordert Seiter. Im Namen der gesamten Nachbarschaft möchte er ein weiteres Schreiben aufsetzen, adressiert direkt an Oberbürgermeister Fritz Kuhn.

Beim Amt für öffentliche Ordnung ist das Problem bekannt. „Die Eigentümer wurden bereits angeschrieben und wie in jedem vergleichbaren Fall auf die richtige Lagerung von Gelben Säcken hingewiesen“, erklärt der städtische Pressesprecher Martin Thronberens in einer schriftlichen Stellungnahme. „Ferner wurden sie darum gebeten, Rattenbekämpfungsmaßnahmen in die Wege zu leiten. Da die Ursache für den Rattenbefall auf einem privaten Grundstück liegt, sind die Eigentümer verpflichtet, für Abhilfe zu sorgen.“ Die Stadt weist darauf hin, dass sie jährlich sämtliche Kanäle mit Rattenködern bestücke. Bei konkreten Rattenvorkommen in öffentlichen Grünanlagen würde zudem das Garten-, Friedhofs- und Forstamt die Tiere bekämpfen. „Weitere Maßnahmen werden in der Regel nicht getroffen, da nicht jedes Rattenvorkommen automatisch eine konkrete Gesundheitsgefahr nach sich zieht“, schreibt der Pressesprecher.

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