Die Sozialberatung Stuttgart will junge Häftlinge davor schützen, hinter Gittern islamistisch radikalisiert zu werden. Foto: dpa

Um zu verhindern, dass sich junge Häftlinge im Gefängnis islamistisch radikalisieren, wollen Stuttgarter Sozialarbeiter verstärkt aktiv werden. Aus Sicht der Forschung sind solche Programme bitter nötig.

Stuttgart - Anis Amri, der Attentäter vom Berliner Breitscheidplatz, hat sich im Gefängnis in Italien radikalisiert. Zuvor war er ein Kleinkrimineller, erst hinter Gittern wurde der junge Flüchtling zum islamistischen Terroristen. Seit dem verheerenden Anschlag wird über eine Verschärfung des Asylrechts und härtere Sicherheitsgesetze diskutiert. Die Sozialberatung Stuttgart will indes viel früher ansetzen: Mit ihrem neuen Projekt Prävention von islamistischem Extremismus in Justizvollzugsanstalten (JVA) möchten die Sozialarbeiter junge Gefangene davor bewahren, in die Fänge von radikalen Islamisten zu geraten.

„Wir wollen explizit nicht deradikalisieren, sondern vorbeugen“, sagt Markus Beck vom Fachbereich Gewaltprävention der Sozialberatung. Die Zielgruppe des Projekts seien männliche Jugendliche und Heranwachsende bis 27 Jahre, die hinter Gittern sitzen. Dafür hat die Sozialberatung den Verein Inside Out ins Boot geholt, der bereits auf diesem Feld aktiv ist – allerdings nicht hinter Gittern. Das Nationale Zentrum Kriminalprävention soll die Ergebnisse wissenschaftlich bewerten.

Prävention bitter vonnöten

Folgt man den Forschungen des King’s College in London, ist die Prävention von Radikalisierung im Gefängnis bitter nötig. Die Wissenschaftler haben den Lebensweg von knapp 80 Dschihadisten aus Deutschland, Belgien, Großbritannien, Frankreich und Dänemark beleuchtet. Alle waren einst Kleinkriminelle. Mindestens ein Drittel ist im Gefängnis zum islamistischen Terroristen mutiert. „Wir wollen Radikalisierungstendenzen von jungen Inhaftierten entgegenwirken“, sagt Markus Beck.

Dafür will sich die Sozialberatung vorerst auf die zwei Justizvollzugsanstalten Stuttgart-Stammheim und Adelsheim konzentrieren. Katja Fritsche, Leiterin des Jugendgefängnisses Adelsheim mit 400 Insassen, steht dem auf drei Jahre angelegten Programm positiv gegenüber. Allerdings finde eine negative Einflussnahme islamistischer Einflüsterer auf junge Gefangene in ihrer Anstalt nicht so häufig statt, wie man annehmen könnte, sagt sie. Junge Häftlinge seien zwar oft schnell zu begeistern, aber: „Das hält meist nicht lange an.“

Mitarbeiter überprüfen die Zellen

Junge Gefangene würden sich in Adelsheim eher deradikalisieren, weil sie im Vollzug keine Außenseiter sein wollten. Zudem wüssten sie, dass sie, so sie als radikalisiert gelten, keine Hafterleichterungen bekommen. Katja Fritsche setzt auf ihre speziell geschulten Mitarbeiter, Strukturbeobachter genannt. Diese JVA-Mitarbeiter schauen sich in den Zellen nach verdächtigen Hinweisen um. Finden sie welche, kommt der Häftling unter besondere Beobachtung. „Dann hat er’s schwerer im Vollzugsalltag“, so die JVA-Chefin. Zudem bekommt sie Hinweise vom Landeskriminalamt oder vom Verfassungsschutz, falls neue Gefangene als Islamisten gelten.

Sollte ein Häftling nicht von radikal islamistischem Gebaren lassen, kommt er mit 18 Jahren in eine Erwachsenenanstalt. Das habe nichts mit dem Abschieben des Problems zu tun, betont Fritsche. Im Jugendvollzug stehe aber der Erziehungsgedanke, nicht die Strafe im Vordergrund. „Wenn ein Häftling nicht mehr mitmacht und nur noch stört, hat es keinen Zweck“, so Fritsche. Und sie gibt zu bedenken: „Wir dürfen uns nicht nur auf den radikalen Islamismus konzentrieren.“ Sie habe beispielsweise auch rechtsextreme Gefangene, die es gelte, im Blick zu behalten.

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