Wohnungen sind knapp in der Landeshauptstadt. Doch keiner will, dass bei ihm vor der Haustür gebaut wird. Foto: dpa/Christian Charisius

Mittlerweile ist klar: Die 2,7 Hektar neben dem Friedhof in Stuttgart-Plieningen werden nicht als zusätzliche Fläche für Gräber benötigt. Nun prüft die Stadt, ob dort Wohnungen gebaut werden könnten. Es gibt Gründe, die dafür sprechen – aber auch genügend dagegen.

Plieningen - Es ist ein Dilemma: Zum einen fehlen etliche Wohnungen in Stuttgart – vor allem bezahlbare. Zum anderen bedeutet Wohnungsbau auch so gut wie immer, dass Grünflächen wegfallen. Und im speziellen Fall Plieningen bedeutet es sehr oft, dass der wertvolle Filderboden zugebaut wird und Landwirte Flächen verlieren – so war es zumindest bei vielen Bauprojekten in der Vergangenheit.

Aus diesem Grund sind sich die Plieninger und Birkacher nicht ganz einig darüber, ob sie wollen, dass die freie Fläche neben dem Plieninger Friedhof bebaut wird oder nicht. Insgesamt 2,7 Hektar könnten theoretisch für Wohnungen genutzt werden, da mittlerweile klar ist, dass dieses Areal auch künftig nicht für Gräber benötigt wird.

Lieber bestehende Baulücken schließen?

Eine eindeutige Meinung dazu formulierte Michael Wörner (CDU) in der jüngsten Sitzung des Bezirksbeirats von Plieningen und Birkach: „Wir können nicht einerseits für bezahlbaren Wohnraum demonstrieren und zugleich dagegen stimmen, dass dies bei uns stattfindet.“ Die CDU betrachte es deshalb als „absolut prüfenswert“, ob das Areal für Wohnungsbau genutzt werden könne.

Schon aufgrund seiner Biografie war Michael Gehrung, Landwirt im Nebenerwerb und landwirtschaftlicher Obmann von Plieningen, völlig anderer Meinung. Das liegt vor allem in jener Regelung begründet, dass für jedes Bauprojekt in Baden-Württemberg auch Ausgleichsflächen geschaffen werden müssen. Wenn also 2,7 Hektar grüne Wiese bebaut werden, müssen irgendwo 2,7 Hektar Fläche gefunden werden, die dann zur grünen Wiese werden. In der Praxis bedeutet das oft, dass Flächen, die bisher landwirtschaftlich genutzt wurden, vom Land aufgekauft werden und kurze Zeit später brach liegen. „Für die Landwirtschaft können wir diese Flächen dann nicht mehr nutzen“, erläuterte Gehrung. Für den Bau der Landesmesse auf den Fildern hat der Plieninger dies mehrfach hautnah miterlebt.

Der Landwirt plädierte deshalb dafür, stattdessen lieber bestehende Baulücken in Plieningen zu schließen – etwa an der Filderhauptstraße, wo im April 2018 die Familienbäckerei Gehrung nach 568 Jahren dicht gemacht hatte oder auf dem Areal des inzwischen geschlossenen Autohauses Schmidt an der Bernhauser Straße.

Eine gute Anbindung gibt es dort nicht

Auch die Fraktion von Bündnis 90/Die Grünen sprach sich gegen eine weitere Prüfung der Friedhoferweiterungsfläche für Wohnungen aus. In einer Stellungnahme hatten sie dafür mehrere Gründe verfasst. Zum einen lägen auf Plieninger Gemarkung bereits mehrere Ausgleichsflächen – und es solle nicht noch mehr wertvoller Filderboden verbraucht werden. Zudem sei die Fläche neben dem Friedhof denkbar schlecht an den öffentlichen Nahverkehr angebunden: „Durch die Bebauung wird der Autoverkehr weiter zunehmen“, argumentierten sie. Das Areal sei zusätzlich schon jetzt starkem Lärm ausgesetzt. Und die Grünen sind auch aufgrund von ökologischen Motiven gegen die Bebauung: Zum einen sei der Natur- und Artenschutz dort noch nicht geklärt, zum anderen würde die Bebauung massiv dem Klimaschutz widersprechen sowie den Zielen, die sich der Stuttgarter Gemeinderat gesetzt habe.

Denkbar knapp wurde die Abstimmung im Bezirksbeirat am Ende trotzdem: Letztlich waren es zwei Enthaltungen, vier Stimmen dafür sowie fünf dagegen, dass die Stadt das Areal weiterhin als Fläche für Wohnungen prüfen solle. Ob sich die Verwaltung an diese Einschätzung hält und ob die Stuttgarter Stadträte womöglich ganz anders entscheiden als die Bezirksbeiräte, die lediglich eine beratende Funktion haben, ist freilich ungewiss.

Hat Ihnen der Artikel gefallen? Jetzt teilen: