Marcus Elsäßer und Burkhard Pflomm (links) interpretierten Schubert. Foto: z

Beim Saisonauftakt der Spazierwegkonzerte waren Tenor Marcus Elsäßer und Pianist Burkhard Pflomm zu Gast.

Obertürkheim - Dass das Lied „Der Lindenbaum“, besser bekannt unter seiner Anfangszeile „Am Brunnen vor dem Tore“, zu den Standards des deutschen Volksliedrepertoires zählt, wird niemand bestreiten. Dass der Klassiker auch als Teil eines eher düsteren Zyklus zu verstehen ist, wird hingegen selten deutlich. Wie am vergangenen Sonntag beim ersten diesjährigen Spazierwegkonzert in der Obertürkheimer Petruskirche: Tenor Marcus Elsäßer aus Untertürkheim und Pianist Burkhard Pflomm aus Bietigheim präsentierten im Gotteshaus die 1827 entstandene „Winterreise“ von Franz Schubert, jene lose Abfolge von 24 Liedern, in denen ein melancholischer Einzelgänger auf Sinnsuche geht, aber in seinen wechselhaften Gemütslagen keine Antworten auf bohrende Selbstzweifel findet.

Marcus Elsäßer intonierte die „Winterreise“, deren Vers-Texte von Wilhelm Müller aus Dessau stammen, mit sparsamer Gestik über 75 Minuten hinweg ohne Pause aufrecht stehend vor dem Publikum, eine physische Höchstleistung. Burkhard Pflomm bediente das „Tafelklavier“, eine platzsparende Sonderkonstruktion, 1810 gebaut von Dieudonné und Schiedmayer in Stuttgart, bei der die Saiten nicht rechtwinklig zur Tastatur verlaufen, sondern parallel, und die Hämmer nicht mit Filz beschlagen sind, sondern mit Leder. Der Klang des seltenen Stücks, einer Wohnzimmerkommode nicht unähnlich, nähert sich mit seinem leicht metallischen Ton dem eines Spinetts.

Perfekt aufeinander abgestimmtes Duo

Mit zunehmender Anteilnahme verfolgten die Besucher der nicht ganz voll besetzten Petruskirche die perfekt aufeinander abgestimmte und ausdrucksstarke Vorstellung des Duos und die aufgewühlte innere Verfassung des Protagonisten der „Winterreise“, der in Ich-Form singend sein Schicksal beklagt. Dabei bekamen bekannte Melodien, ansonsten losgelöst vom Schubert´schen Kontext, als Teil des Zyklus eine neue Bedeutung. So wandelt sich darin beispielsweise der „Lindenbaum“ vom romantischen Inbegriff bürgerlichen Idylls zum Symbol für die Sehnsucht nach Heimat und zugleich für deren Verlust. Die 75 Minuten konzentrierter künstlerischer Höchstleistung lösten sich am Ende des Konzerts in minutenlangem Beifall mit begeisterten „Bravo“-Rufen auf. Ein Schluss, wie er den Schöpfern der „Winterreise“, jener vertonten Depression, nicht vergönnt war: So starb der Textdichter Wilhelm Müller noch im Jahr der Vollendung 1827. Franz Schubert ein Jahr darauf.

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