Überweg an der Konrad-Adenauer-Straße Foto: Max Kovalenko

Es ist eine uralte Form der Fortbewegung: das Zu-Fuß-Gehen. Immerhin ein Viertel aller Wege wird in Stuttgart zu Fuß zurückgelegt, dreimal so viel wie mit dem Rad. Doch um die Belange der Fußgänger kümmerte sich die Stadt nur wenig.

Stuttgart - Er fristet ein Dasein am Rande großer Autostraßen, umnebelt von Abgaswolken und immer umgeben von Lärm. Die Rede ist vom Fußgänger.

Der Großteil der Stuttgarter Straßen stammt aus den 60er Jahren, in denen die Verkehrsplanung noch völlig autofixiert war. Dem Auto wurde viel, dem Fußgänger wenig Raum gewährt. Das Auto hatte – und hat meist noch immer – fast überall Vorfahrt.

Es ist aber nicht so, dass die Stadt Stuttgart den Fußgänger inzwischen nicht als auch politisch relevanten Faktor für sich entdeckt und Besserung gelobt hätte. „Besonders stolz sind wir auf die erste Mischverkehrsfläche in Stuttgart“, sagt Veronika Kienzle, Bezirksvorsteherin von Stuttgart-Mitte. Sie ist an diesem Nachmittag unterwegs mit Bronwen Thornton, die eine zwanzigköpfige Gruppe auf einen geführten Spaziergang mitgenommen hat. Die britische Expertin von Walk 21, einer Organisation die Städte fußgängerfreundlicher machen möchte, wurde von der Stadt Stuttgart eingeladen, im Rahmen des Bundesprojekts „Besser zu Fuß unterwegs in Stuttgart“ die Situation der Fußgänger in Stuttgart zu analysieren – zusammen mit den Bürgern.

Die Gruppe nähert sich von der Eberhardstraße her der Tübinger Straße, an deren Anfang der sogenannten Shared-Space-Zone liegt. „Warum steht hier nichts“, fragt Thornton und zeigt auf die unbeschriftete Rückseite eines Verkehrsschilds. Kienzle erklärt, dass es sich um eine Einbahnstraße handelt und die Autos nur von der Paulinenbrücke her kommen dürfen. „Ja, aber die Fußgänger kommen von beiden Seiten – und die werden nicht darüber informiert, dass sie einen Shared-Space-Bereich betreten“, sagt Thornton.

Nur die Autofahrersicht ist berücksichtigt

Das Problem: Die Verkehrsplaner berücksichtigten hier ausschließlich die Autofahrersicht. Das geschieht häufig – auch heute noch. Thornton zeigt dies auch an anderer Stelle auf: Am Fußgängerübergang über die Konrad-Adenauer-Straße auf Höhe der Leonhardskirche. Um diese Straße zu überqueren, die „die Stadt wie ein reißender Strom teilt“, so Thornton, muss man hintereinander auf mehrere Ampeln achten – und im Zweifel bei Rot auf eine der Verkehrsinseln warten. „Die Ampelphase ist für die Fußgänger zu kurz und nicht optimal geschaltet – die Autofahrer hingegen profitieren, da sie nicht so lange warten müssen“, sagt Thornton. Das sei besonders unglücklich, da eine der Verkehrsinseln viel zu schmal sei: „Ich möchte nicht zwischen den vorbeirasenden Autos warten müssen“, so Thornton. Schon gar nicht mit einem Kind.

Auch mit Kinderwagen hat man schwer in Stuttgart. An den Rathauspassagen müht sich Mihaela Berechet ab: Die Rampe für Kinderwägen, Rollstühle und Fahrrader ist zwar kurz, aber steil. „Diese Lösung haben wir als Provisorium beschlossen und gebaut – ein schlechtes Provisorium, das nun bereits seit zehn Jahren bestand hat“, sagt Kienzle. Damit so etwas künftig nicht mehr vorkommt, solle man bei Bauvorhaben, die als vorübergehend angemeldet werden, gleich auch einen Schlusspunkt setzen, so ihr Idee.

Eine weitere Anregung der Expertin Thornton betrifft die Stelen, die den Fußgängern den Weg weisen: „Man erfährt nicht, wie weit der Ort, zu dem man möchte, entfernt ist“, sagt sie. Zudem fände sie einen Plan, auf dem der aktuelle Standpunkt verankert ist, hilfreich.

Die Probleme beheben möchte die Stadt durchaus. Aber Geld in die Hand nehmen, das nicht so gern. „Manchmal können kleine Veränderungen viel bewegen“, sagt Kienzle, „Tiefbau ist oft teuer.“ Und die Kassen leer.

Universität erarbeitet ein Konzept

Doch das Projekt ist so angelegt, dass es langsam anlaufen, aber nachhaltig wirken soll. Die Universität Stuttgart erarbeitet ein wissenschaftliches Konzept, es gibt weitere Stadtspaziergänge, Telefoninterviews mit Bürgern, ein Fußgängerforum und Fußgängeraktionstage – auch um die Menschen zum Zu-Fuß-Gehen zu bewegen. Und zum Thema „besseres Zu-Fuß-Gehen in Stuttgart lässt sich gewiss einiges bewegen: Thornton „sieht da ein großes Potenzial in Stuttgart“ .

Aktion Stadtspaziergang: Was fällt Ihnen auf, wenn Sie zu Fuß in Stuttgart unterwegs sind? Was ist verbesserungswürdig? Was ist vielleicht sogar vorbildlich? Schreiben Sie uns Ihre Erfahrungen – per Mail an lokales@stn.zgs.de oder an Stuttgarter Nachrichten, Lokales, Aktion Stadtspaziergang, Postfach 10 44 52, 70039 Stuttgart.Oder hinterlassen Sie uns hier einen Kommentar.

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