Der Nesenbach in Stuttgarts Stadtbild: Hier an der Lusthausruine im Schlossgarten – klicken Sie sich durch unsere Bildergalerie. Foto: Ostertag

Der Architekt Roland Ostertag fordert, den Nesenbach wieder an die Oberfläche zu holen – und stellt einige Beispiele vor.

Stuttgart - 53 Jahre lang hat Roland Ostertag als Architekt auch in Stuttgart gewirkt, zum Beispiel beim Bosch-Areal. Seit drei Jahren zeigt er im eigenen kleinen Museum im Haus Gähkopf 3 unter dem Ausstellungstitel „Stuttgart – woher, wohin?“ begangene Sünden und mögliche Chancen der Stadtgestaltung.

Eine Chance sieht der frühere Hochschullehrer für die Landeshauptstadt darin, den in Abwasserrohren versunkenen Nesenbach wieder ans Tageslicht zu holen. Beim Pressetermin am Dienstag forderte der 81-Jährige ein Gesamtkonzept für den Nesenbach „von der Quelle bis zur Mündung“, also von den Honigwiesen in Vaihingen, wo der Bachlauf hinter einem VW/Audi-Autohaus auf kurzer Strecke offen liegt, bis zum Neckar.

Enormes Potenzial mit einem „Neuen Nesenbach“

Das neu eingefügte Thema Wasser geht Ostertag in seiner sieben Kapitel umfassenden Ausstellung offensiv, ja ungeduldig an. Das hat seinen Grund. Die Stadt brauche „übergeordnete Ideen“, sagt der Architekt, sei auf der Suche nach Identität und könne diese durch das Öffnen der verdolten Bachläufe finden. Die Idee ist nicht neu, sondern wurde schon in den 80er Jahren vom Architekturforum diskutiert, 2001 in einem Wettbewerb „Wasser in der Stadt“ belebt, verschwand aber wieder in der Schublade. „Es ist endlich an der Zeit, die Idee energisch zu verfolgen und schrittweise zu realisieren“, sagt Ostertag. Mit einem „Neuen Nesenbach“ verfüge die Stadt über ein enormes Potenzial an Unverwechselbarkeit und Einzigartigkeit. Wasser, sagt Ostertag, sei genügend da. „Es rauscht unterirdisch in Abwasserkanälen auf bis zu fünf Meter Breite zur Kläranlage.“

Die Nesenbach-Zuflüsse und der Nesenbach selbst wurden schon ab dem 18. Jahrhundert mehr und mehr verdolt, um den Gestank in der Stadt zu beseitigen. Es entstanden Mischsystem-Kanäle aus häuslichen Abwässern, sauberem Bachwasser und Oberflächenwasser von Dächern und Straßen. Dieses System müsste modifiziert werden. Das Schmutzwasser bliebe im Untergrund, Bachwasser könnte in einem extra Rohr im Kanal geführt und wo möglich an die Oberfläche geholt werden. „Stuttgart hat 70 Quellen, die Schüttung erreicht bis zu 25 Liter pro Sekunde, das würde für einen 15 bis 20 Zentimeter tiefen Bachlauf ausreichen“, so Ostertag. Dessen Lage solle dem historischen Verlauf des Nesenbachs folgen, er könnte also zum Beispiel in Vaihingen in der Bachstraße entlang des Einkaufszentrums Schwabengalerie plätschern, den Südheimer Platz beleben und in der Nesenbachstraße fließen. Auch die Karlstraße könnte laut Ostertag durch einen Bachlauf „mit bescheidenen Mitteln eine hohe Attraktivität erhalten und die Innenstadt aufwerten“. An Landtag und Neuem Schloss vorbei würde der Nesenbach in den Eckensee gelenkt, im Schlossgarten könnte er an der Ruine des Lusthauses entlanggeführt werden. Sehr aufwendig, aber schon in einem Masterplan der Stadt aus dem Jahr 2004 vorgesehen, wäre die offene Einleitung beim Mineralbad Leuze in den Neckar.

Für drei Bach-Abschnitte rechnet Ostertag mit Kosten von 3,5 Millionen Euro. Viel Geld, wenn man weiß, dass der Gemeinderat zum Beispiel bei der neuen Stadtbibliothek ein Bassin aus Kostengründen gestrichen hat und auf dem Freihofplatz in Stammheim wegen fehlender 1000 Euro ein Brunnen nicht repariert werden kann. Ostertag fordert, Prioritäten zu setzen. Seine Ausstellung ist samstags von 11 bis 15 Uhr und nach Terminvereinbarung unter Telefon 07 11 / 60 53 37 zu sehen. Zum Thema Wasser ist eine rund 100 Seiten starke Broschüre erschienen, die gegen eine Schutzgebühr erworben werden kann.

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