Manfred Hölzel und sein Wallach Don Bosco verstehen sich blind. Foto:  

Manfred Hölzel hat 36 Jahre lang seinen Reitbetrieb in Stuttgart-Möhringen geführt. Jetzt übernimmt ein Verein den Betrieb. Wir waren dort.

Möhringen - Was wäre aus Manfred Hölzel geworden, hätte sein Vater nicht nach dem Zweiten Weltkrieg eine Reitschule gegründet? Was, wenn diese Reitschule nicht 1953 von Bad Cannstatt nach Möhringen in die Untere Körschmühle gezogen wäre? Und was, wenn der junge Manfred keine Ausbildung zum Pferdewirtschaftsmeister gemacht hätte und 1970 selbst die Zügel des Betriebs in die Hand genommen hätte? Oder gar als junger Mensch ganz andere Wünsche gehabt hätte? „Was anderes als die Reitschule kam für mich nicht in Frage“, sagt der 77-Jährige heute. Ein anderer Plan für sein Leben – gar einer ohne Pferde – kam ihm nie in den Sinn. Warum auch?

Wie abseits der Zivilisation

Manfred Hölzel, Jahrgang 1941, ist in und um die Untere Körschmühle groß geworden. Idyllisch liegt das unter Denkmalschutz gestellte Ensemble im Körschtal zwischen Möhringen und Fasanenhof. Jetzt im März, wenn noch keine Blätter an den Bäumen hängen, sind die benachbarten Hochhäuser durch die kahlen Baumkronen gut zu sehen. Auf der anderen Seite des Tals erkennt man die Ortsrandbebauung von Möhringen. Im Sommer verschwindet das alles. Dann traben die Pferde über den großen Sandplatz und der Mensch wähnt sich fast schon abseits der Zivilisation. Daneben gluckert die Körsch und das Wasser im Erbgraben fließt seiner Wege. Wer möchte von diesem Ort schon fort?

Manfred Hölzel nicht. Seit seine Familie 1953 nach Möhringen zog und neben der Mühle eine Reithalle und Stallungen baute, hat er nicht woanders gewohnt. Er ließ sich ausbilden zum Pferdewirtschaftsmeister, zum Reitlehrer und Turnierrichter. An die Anfangszeiten kann er sich gut erinnern: „Als meinem Vater die Mühle angeboten wurde, ist er vom Burgholzhof, wo seine Reitschule seit 1948 bestand, hochgeritten“, erzählt Hölzel. Das habe mehrere Stunden gedauert. Doch sein Vater Martin Hölzel, Jahrgang 1916, befand die Körschmühle als ideal. „Wir hatten schließlich 16 Schulpferde und dazu eine Pensionspferdehaltung“, berichtet Hölzel. Seine Mutter Erna war die gute Seele des Betriebs und führte das Restaurant, das auch heute noch im ehemaligen Mahlraum der historischen Mühle untergebracht ist. Ein echter Familienbetrieb. Doch 1970 starb Hölzel Senior und Manfred, damals keine 30 Jahre alt, übernahm die Leitung.

Die Tiere vertrauen

„Unser Reitbetrieb war damals ganz anders“, erinnert sich Hölzel: In den Reitstunden waren immer zehn bis zwölf Reiter und Pferde und man ist hintereinander in einer sogenannten Abteilung geritten. Danach traf man sich in der Martinsklause in der Mühle zum Essen. Heute gibt es keine Schulpferde mehr in der Unteren Körschmühle. Meist sind es die Pferdebesitzer selbst oder ihre Reitbeteiligungen, die entweder alleine oder zu zweit eine Reitstunde nehmen.

Den Betrieb hat nach Hölzels Pensionierung im Jahr 2006 sein Schwiegersohn Ralf Müller für zehn Jahre übernommen. Seit 2016 ist die Anlage an den Reisportverein Stuttgart Untere Körschmühle (RSV) verpachtet, der eigens dafür gegründet wurde. „Das ist kostengünstiger für die Einsteller, weil ein gemeinnütziger Verein nicht verdienen will, sondern wirtschaftet, um zu reinvestieren“, sagt Manfred Hölzel. Seit 2019 – also erst seit gut zehn Wochen – ist Holger Schulze Betriebsleiter der Körschmühle. Das freut wiederum Hölzel: Schließlich gelte Schulze fachlich und menschlich als Kapazität. Der Reitlehrer und Berufsreiter ist erfolgreicher Ausbilder, Turnierreiter und Trainer des württembergischen Dressur-Regional-Kaders. Derzeit hat er rund 35 Berittpferde – also Pferde, die er selbst ausbildet – unter seinen Fittichen.

An diesem Morgen sitzt er auf Herzog Max, einem großen Fuchswallach, und reitet den Zehnjährigen auf dem Sandplatz vor der Mühle. Am liebsten arbeitet Schulze mit seinen Pferden draußen. „So gewöhnen sie sich an die Natur und sind auch im Turnier nicht so schreckhaft bei äußeren Reizen“, sagt der Berufsreiter. Dabei geht es Schulze darum, die Tiere pferdegerecht so auszubilden, dass seine Kunden das nachreiten können, was er den Pferden beigebracht hat. Und: „Das Vertrauen der Pferde halte ich für sehr wichtig“, so Schulze, der seit 40 Jahren seinen Beruf ausübt.

Sein Freund, der Rappe

Manfred Hölzel steht am Rand des Sandplatzes und schaut zufrieden zu. „Holger Schulze ist ein Glücksfall für uns“, sagt Hölzel und lächelt. Hölzel selbst setzt sich nur noch zwei oder drei Mal pro Woche auf ein Pferd. Dabei hat der Mann selbst sechs eigene Tiere – darunter auch den wunderschönen Rappwallach Don Bosco.

Was Manfred Hölzel mit diesen edlen Tieren verbindet, welchen innigen Draht dieser Mann zu Pferden hat, kann jeder sehen, der ihn ein wenig beim Umgang mit seinen Rössern beobachtet. Speziell für ein paar Fotos für die Zeitung holt Hölzel seinen 13-jährigen Wallach aus der frisch mit goldgelbem Stroh eingestreuten Box. Geduldig lässt sich der Rappe das schwarze Halfter überziehen und herausführen. Gelassen, aber neugierig, steht Don Bosco unangebunden in der Stallgasse, während Manfred Hölzel noch kurz mit einer Bürste über das glänzende Fell streicht. Kurz schnuppert das Pferd an seinem Stallgenossen. Doch sonst steht das große Tier völlig gelassen in der Gasse und lässt Hölzel agieren. Der zupft noch ein paar Strohhalme aus der Mähne und führt das Tier auf eine Wiese vor der Körschmühle. Der Wallach folgt Hölzel gehorsam und entspannt: Da verstehen sich zwei blind.

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