Wenn Wochenmarkt ist, ist auf dem Marktzplatz in Stuttgart auch was los. Foto: 7aktuell.de/David M. Skiba

Der Marktplatz in Stuttgart fristet ein Schattendasein. Wenn nicht Markt oder ein Festival ist, ist der Platz vor dem Rathaus wie leergefegt. Andere Städte im Land sind da weiter und rücken ihre Marktplätze ins rechte Licht.

Stuttgart - Der Stuttgarter Marktplatz galt Auswärtigen wie Einheimischen abseits von Weindorf oder Weihnachtsmarkt eher als Unort. Viel Beton, kaum Sitzgelegenheiten, das letzte Café am Platz seit Jahren dicht. Doch nun scheint sich auch die Landeshauptstadt darauf zu besinnen, dass der Platz im Zentrum mehr sein kann als ein Ort für Kundgebungen und gelegentlich stattfindende Kulturfestivals.

Den Marktplatz aus seinem Schattendasein holen

Ab kommendem Jahr soll der Marktplatz zwei Jahre lang saniert und aufgehübscht werden: Wasserspiele, Bänke und eine frisch gepflasterte Oberfläche sollen künftig zum Verweilen einladen. Auch der historische Marktbrunnen wird aus seinem Schattendasein geholt und restauriert.

Lang hat es gedauert, bis den Stadtvätern und -müttern dämmerte, dass es so nicht weitergehen kann. Schon 2005 hatte der Stuttgarter Gemeinderat beschlossen, den Marktplatz umzugestalten. Möglicherweise hat ja auch der Blick in andere Kommunen des Landes geholfen. Wir geben einen kleinen Überblick über gelungene Beispiele, wie aus einem drögen Platz ein Wohlfühlort werden kann.

Synagogenplatz in Freiburg

Der jüngste Platz in Freiburg ist bereits der beliebteste – vor allem abends und nachts bei dem jungen und feierlaunigen Publikum der 230 000 Einwohner zählenden Universitätsstadt in Südbaden. Tagsüber dient er als Verweilstätte an einem zentralen Verkehrsknotenpunkt zwischen historischer Innenstadt und dem Hauptbahnhof. Cafés und Eisdielen in der Nähe bieten Erfrischung „to go“. Mehr ist nicht nötig, um den Platz bei Sonnenschein zu beleben. Geplant sind zudem Freiluftkonzerte, auch Kundgebungen wurden dort schon abgehalten. Der 130 mal 130 Quadratmeter große Platz der Alten Synagoge zwischen Universität und Stadttheater hieß früher Werth­mannplatz. Der heutige Name erinnert an die frühere Synagoge an der südwestlichen Ecke des Platzes, die in der Pogromnacht vom 9. auf den 10. November 1938 von Nazis in Brand gesteckt und danach abgerissen wurde. Der Platz diente lange Zeit als Parkfläche. Im Zuge der Neuordnung des Werthmannringes und des Baues einer unlängst eröffneten neuen Tramstrecke wurde 2016 der größte Teil des Platzes mit hellen Granitplatten abgedeckt. Exakt auf dem Grundriss der früheren Synagoge wurde ein flaches Bassin angelegt. Der Platz wurde am 2. August 2017 nach mehr als zehn Jahren Planung eröffnet. Schon nach kurzer Zeit wurde deutlich, dass sich historisches Gedenken am Synagogenbrunnen und Freizeitspaß in die Quere kommen mussten. Badende Kinder und feuchtfröhliche Junggesellenabschiede im Bassin wurden nicht nur von der jüdischen Gemeinde als unwürdig und geschichtsvergessen eingestuft. Die Hinterlassenschaften von feiernden Gruppen auf dem Platz zwangen die Stadt Freiburg zur Anschaffung kostspieliger zusätzlicher Reinigungstechnik („Steambeast“). Um ein angemessenes Gedenken an den geschichtsträchtigen Ort zu gewährleisten, soll der Zugang zum Synagogenbrunnen mit einer Umrandung erschwert werden. Wie das Müllproblem zu lösen ist, bleibt unklar.

Neue Mitte in Göppingen

Als die Neue Mitte in Göppingen vor 16 Jahren fertig wurde, befürchteten viele, die Generalsanierung des Stadtzentrums würde sich als Millionengrab erweisen. Den damaligen Oberbürgermeister Reinhard Frank hat die Kostensteigerung von 12 auf 15 Millionen Euro wohl die Wiederwahl gekostet. Damals wurde über das gläserne Café am Marktplatz gebruddelt, über den Sauerwasserbrunnen und die Wasserspiele sowieso. Auch der neue durchgehende Belag aus hellen Granitplatten war nicht jedermanns Sache. Heute kommen Delegationen aus anderen Städten, um sich anzuschauen, wie man einem Stadtzentrum neues Leben einhauchen kann. Denn seit der Durchgangsverkehr aus der Hauptstraße verbannt wurde und so der autofreie Marktplatz entstand, haben sich neue Geschäfte angesiedelt und zusätzliche Kunden in die Stadt gelockt. Alteingesessene Textilhändler bauen inzwischen ebenfalls aus und werden künftig weitere Kunden anlocken. Ein Übriges tut die Gastronomie.

Die Stadt hat aus den Erfahrungen gelernt und weitergemacht: Die Sanierung des Schlossplatzes vor vier Jahren galt sofort als Erfolg. Keine Autos, dafür historische Gebäude, Kopfsteinpflaster, Sitzgelegenheiten, Gastronomie und viele Events, die Gastronomen, Bürger und Stadt gemeinsam stemmen, locken im Sommer die Besucher an. Göppingen hat auch entdeckt, dass Kleinigkeiten oft entscheidend sind: Über die Innenstadt wurden Bänke verteilt und Blumenkübel danebengestellt. Sobald die Sonne scheint, gibt es kaum eine Bank, auf der nicht jemand Platz nimmt. Jetzt hat die Stadt den Kornhausplatz saniert. Noch fehlen einige Elemente, doch die Stadt ist guter Hoffnung, obwohl sich der ambitionierteste Teil der Planung – eine komplett mit Pflanzen bedeckte Fassade – zerschlagen hat. Denn die Zutaten haben sich ja andernorts schon bewährt: Bäume und Pflanzen auf dem Platz, Bänke, Wasserspiele und Gastronomie.

Marktplatz in Ludwigsburg

Der Ludwigsburger Marktplatz war längst nicht immer so mediterran und quirlig bis in die späten Abendstunden. Noch Anfang der 90er-Jahre herrschte hier der Autoverkehr: eine Zufahrt und eine Abfahrt, Betonpoller, Asphalt und Abgase. Allerdings gab es deutlich mehr Einzelhandelsgeschäfte: Dürr am Markt verkaufte Haushaltswaren, Roy Sports bot Sportartikel. Der Umschwung erfolgte, als der Marktplatz autofrei wurde und einen hellen Pflasterbelag erhielt. Das hat zwar die Geschäfte vertrieben – stattdessen hat sich Gastronomie angesiedelt. Dieser Entwicklung trägt die Stadt nun Rechnung, indem die Außenbewirtung in den Sommermonaten bis auf Mitternacht ausgedehnt wird. Damit hat der Platz eine hohe Aufenthaltsqualität, wie es die Stadtplaner formulieren würden. Anders ausgedrückt: abends ist der Platz nicht mehr tot, sondern quicklebendig. Nach großen Veranstaltungen im Forum am Schlosspark strömen die Gäste in die Cafés und Restaurants. Aber auch tagsüber will man nach einem Einkaufsbummel oder dem Besuch von Schloss und Blüba noch eine Latte Macchiato schlürfen oder italienisch essen gehen. So haben sich die Funktionen verlagert: Die Geschäfte sind in den Seitenstraßen, der Marktplatz ist ein Flanierzentrum und stärkt indirekt den Einzelhandel. Die Entwicklung ist aber noch nicht abgeschlossen, wie der Ludwigsburger Wirtschaftsförderer Frank Steinert erklärt. Gerade im Sommer wird der Steinplatz extrem heiß, Bäume sollen Schatten spenden. Nur wo sie stehen sollen, ist noch umstritten.

Marktplatz in Bietigheim-Bissingen

Vom Parkplatz zum Marktplatz – so prägnant lässt sich die Verwandlung des Marktplatzes in Bietigheim beschreiben. Dort, wo heute die Fußgängerzone ist, lief lange die Hauptdurchgangsstraße Bietigheims entlang. Der Marktplatz selbst war auch viel kleiner als heute: Nur das kleine Dreieck zwischen dem Brunnen und dem Rathaus wurde von Händlern genutzt. Der nördlich davon gelegene Platz zwischen den Arkaden und dem Gebäude, in dem heute eine Kreissparkasse ist, war ursprünglich mit Häusern bebaut. Diese fielen aber einem Stadtbrand 1921 zum Opfer.

Fortan wusste man bei der Stadt lange nicht, was man aus der frei gewordenen schrägen Fläche machen sollte. Die Nationalsozialisten nutzten sie für ihre Aufmärsche, später parkten Autos dort.

All das änderte sich mit der großen Stadtsanierung. Bis zur Landesgartenschau 1989 sollte die Altstadt für Besucher schick gemacht werden. Der schiefe Platz wurde begradigt und bekam einen Treppenabsatz. Zudem wurden Platanen gepflanzt. So rückte das Rathaus optisch wieder mehr in den Vordergrund des Areals. Der neu gestaltete Marktplatz gehört zusammen mit den vielen neuen Grünflächen, die im Rahmen der Landesgartenschau entstanden, zu den großen Verdiensten des ehemaligen Oberbürgermeisters Manfred List (CDU). Heute bietet der Platz vor allem im Sommer einen schönen Aufenthalt. Es gibt eine Außenbewirtung durch ein italienisches Restaurant am nördlichen Ende des Platzes. Der Name des Restaurants passt: „La Piazza“.

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