Bereits 2017 wurde der Masterplan „Stadt am Fluss“ ausgerufen. Wie eine Perlenkette sollten neue Projekte den Neckar um Stuttgart für die Bürger erlebbar machen. Doch bislang ist davon fast nichts zu sehen. Ein Überblick über den Stand der Planungen.
Stuttgart liegt am Neckar, aber der „wilde Fluss“, so die keltische Übersetzung des Namens, ist an den allermeisten Orten überhaupt nicht zugänglich. Seit Jahrzehnten wird das Thema „Stadt am Fluss“ daher rauf und runter diskutiert. Die ersten Ideen entstanden bereits in den 1980er Jahren, und Alt-OB Fritz Kuhn rief gar einen Masterplan „Lebensraum Neckar“ aus. Wie an einer Perlenschnur aufgereiht, sollen verschiedene Projekte den Neckar für die Menschen wieder erlebbarer machen. Doch was die Umsetzung angeht, herrscht fast überall Stillstand. Warum? Und was genau ist geplant? Wir geben einen Überblick.
Lindenschulviertel
Im Oktober erfolgte der Spatenstich für die Umgestaltung des Neckarufers an der Straße Am Ölhafen im Lindenschulviertel in Untertürkheim. Bis Ende des Jahres soll der erste Bauabschnitt abgeschlossen sein. „Es gab leider Verzögerungen bei der Materiallieferung des Stahltragwerks für den Steg“, erklärt Stadtsprecher Sven Matis. Mehr als 1500 Kubikmeter Erde wurden abgetragen, der Neckardamm neu modelliert. Es entsteht eine Stufenanlage als Sitzgelegenheit, die am Wasser in einen Holzsteg mündet. Zudem entsteht eine grüne Liegewiese.
Der zweite Bauabschnitt mit der Neuordnung der Verkehrs- und Freiflächen inklusive öffentlicher Toilettenanlage soll 2025 beginnen und Ende 2026 abgeschlossen sein. Im dritten und letzten Teil folgt das eigentliche Schmuckstück, eine auf dem Neckar schwimmende Plattform mit zwei Schiffsanlegestellen. „Dafür müssen aber noch geotechnische Untersuchungen erfolgen“, betont Matis. Die Bauzeit von rund einem Jahr soll 2027 starten. Aufgrund der Baupreissteigerungen sollen die Kosten anstatt bei 2,1 bei rund vier Millionen Euro liegen.
Wasenufer
Die Projekte „Wasenquerung und Wasenufer sind weiter in Bearbeitung“, erklärt Matis. Dahinter verbirgt sich ein ehrgeiziges Ziel. Schließlich soll der heutige Weg zwischen König-Karls-Brücke und dem Campingplatz am Wasen, den Radfahrer und Fußgänger nutzen, in großem Stil umgebaut werden und eine Flaniermeile entstehen. Doch noch gibt es Gesprächsbedarf hinsichtlich der Breite des Radwegs für die inzwischen mehr als eine Million Radler pro Jahr. Die Stadtverwaltung will diesen auf die andere Neckarseite auf den geplanten Radschnellweg nach Esslingen umlenken. Das soll aber frühestens in zehn bis zwölf Jahren der Fall sein. Für das Wasenufer hat das eine noch längere Wartezeit zur Folge: Nicht vor 2032 wird es fertiggestellt werden können.
Die Kosten haben es in sich: Diese sind seit dem Projektbeschluss 2019 von 12,5 auf rund 30 Millionen Euro gestiegen. Und mit der Fertigstellung der geplanten Wasenquerung, die das neue Wohn- und Gewerbegebiet auf dem ehemaligen Güterbahnhof-Areal im Neckarpark mit dem Fluss, aber auch mit Stuttgart-Ost verbindet, ist frühestens in zehn bis 15 Jahren zu rechnen.
Neckarknie
Die Pläne aus dem bereits 2018 durchgeführten Architektenwettbewerb spiegeln weiterhin die langfristigen Ziele zwischen der Cannstatter Altstadt und Neckarvorstadt wider. Es ist das größte Projekt. Der Entwurf der Arbeitsgemeinschaft der Landschaftsarchitekturbüros Grünewelle aus Grünkraut bei Ravensburg und silands/Gresz + Kaiser aus Ulm sieht eine großzügige Freiraumgestaltung entlang des Seilerwasens mit flachen, offenen Wiesenbereichen vor. Auf der anderen Uferseite im Bereich der Rillingmauer sollen neue Sitztreppenanlagen, ein Stadtbalkon sowie eine Promenade entstehen.
Allerdings kollidiert dieses mit weiteren Vorhaben. So müssen die Schnittstellen mit den geplanten Neubauten der Rosenstein- und Wilhelmsbrücke abgestimmt werden. Der Bedarf des Neckar-Käptn’s und der Neubau des Musikforums auf dem ehemaligen Rilling-Gelände muss berücksichtigt werden. Auf jeden Fall „soll eine attraktive ufernahe Fußgängerunterführung unter den Brücken ermöglicht werden“, betont Matis.
Offen ist auch die Zukunft der Eisenbahnbrücke. Sollte ab Ende 2026 Stuttgart 21 in Betrieb gehen, wird diese durch den Neubau ersetzt. In Stuttgart setzt sich ein breites Bündnis für den Erhalt der Brücke und die Umwandlung in einen grünen Park mit Radschnellverbindung in die Innenstadt ein. Aufgrund der anderen, vorrangigen Projekte könne kein konkreter Zeitplan genannt werden oder keine konkreten Kosten. Die „weitere Konzeption findet aber in enger Absprache statt“.
Hechtkopf
Die kleine Halbinsel beim Sicherheitshafen an der Hofener Straße in Bad Cannstatt steht seit Jahren auf dem Programm – geschehen ist aber noch nichts. Geplant ist eine Multifunktionsfläche mit Treppenstufen und einer Flachwasserzone, die den Neckar spürbar machen soll. Allerdings befindet sich der sogenannte Hechtkopf im Heilquellenschutzgebiet, deshalb wird „eine tiefer gehende geotechnische Untersuchung benötigt“, sagt Matis. Die Absprachen mit dem Wasser- und Schifffahrtsamt seien abgeschlossen. Im Anschluss sollen die Planungen – unter anderem auch die Frage der Ansiedlung einer Außengastronomie – vorangetrieben werden. So könnte der inzwischen rund vier Millionen Euro teure Umbau am Sicherheitshafen 2026 begonnen und zwei Jahre später abgeschlossen werden.
Uferpark Austraße
Das Projekt an der Uferstraße in Münster setzt sich aus verschiedenen Bausteinen zusammen. Allerdings entwickelt sich auch dieser Abschnitt zur Hängepartie. Bereits 2017 wurde der Wasserspielplatz eingeweiht, vergangenen Monat ein neuer Aussichtspunkt in den Weinbergen und eine Wegeverbindung zum Cannstatter Schnarrenberg fertiggestellt. Derzeit läuft der Bau der Neckarterrassen. Dabei sollen die steilen Weinberge eingeebnet werden und zum Verweilen einladen. „Allerdings kommt es zu Verzögerungen“, erklärt Matis.
Das liege zum einen daran, dass aus Rücksicht auf den Schutz der Mauereidechsen nur abschnittsweise gearbeitet werden könne. Zum anderen liege es an den topografischen Herausforderungen. Als letzter Baustein ist die Aufwertung des Neckarufers zwischen Aubrücke und dem Ausflugslokal Riverhouse geplant. Dabei wechseln sich naturnahe Uferbereiche, Aussichtsplattformen, Sitzgelegenheiten und eine Liegewiese ab. Das Problem: Ein Zeitplan steht nicht fest. Aufgrund von Personalmangel bei der Stadtverwaltung könne der Abschnitt derzeit nicht bearbeitet werden.
Auwiesen
Im Stadtbezirk Mühlhausen soll in den Wagrainäckern hinter der Golf Driving Range beim Stuttgart-Cannstatter Ruderclub an der Hofener Straße ein Feuchtbiotop entstehen. Die Wasserversorgung erfolgt über ein Verbindungsbauwerk zum Neckar, das in der Regel geöffnet bleibt. So unterliegt das Feuchtbiotop den gleichen Wasserstandsschwankungen wie im Neckar – vergleichbar einer natürlichen Auenlandschaft.
Auch an der Neckarwiese verzögert sich der Baubeginn immer wieder. Eigentlich hätte bereits 2024 der Startschuss erfolgen sollen. „Aufgrund von Nachforderungen der Naturschutzbehörde müssen die Pläne aktualisiert und in Teilen ergänzt werden“, erklärt der Stadtsprecher. Die dafür notwendigen archäologischen und Bodenuntersuchungen sollen wegen des Eingriffs in die Natur erst kurz vor Baubeginn erfolgen. Dieser soll nun 2027 erfolgen, die Genehmigungsunterlagen im ersten Halbjahr 2025 eingereicht werden. Die Bauzeit ist auf zwei Jahre veranschlagt, die Kosten werden auf rund sechs Millionen Euro geschätzt.
Finanzierung
Apropos Kosten: Bereits im Jahr 2015 hatte der Gemeinderat für den Masterplan „Erlebnisraum Neckar“ 14,5 Millionen Euro an Planungsmitteln bereitgestellt. Durch Kostensteigerungen und Verzögerungen haben sich die Projekte jedoch verteuert. „Alle im Bau befindlichen Projekte und auch die Planungsmittel für alle weiteren Vorhaben sind finanziert“, betont Matis. Damit nicht weiter Stillstand herrscht in der „Stadt am Fluss“.