Weil die Lehrer krank sind, müssen sich Schüler zurzeit zum Teil wieder Aufgaben im Digitalunterricht selbst erarbeiten. Foto: Imago Images/Bernd Feil

Grippewelle, Corona, Erkältungsinfekte – die hohen Krankenzahlen machen auch den Schulen in Stuttgart zu schaffen. Mancherorts werden ganze Jahrgänge zusammengelegt und in der Turnhalle unterrichtet.

Während Schulleiter Jürgen Alber Auskunft über den Krankenstand an der Grund- und Werkrealschule Ostheim gibt, sitzen zwei Schüler bei ihm im Rektorat und machen Aufgaben. „Anders geht es gerade nicht, wir unterrichten die Schülerinnen und Schüler wo und wie es geht“, sagt Alber. Hauptsache, es fällt möglichst wenig Unterricht aus. Ein Drittel seines 29-köpfigen Kollegiums ist derzeit krank zu Hause. In der Schülerschaft wird zwar auch viel gerotzt und gehustet, aber die Kinder kämen trotzdem: „Die Eltern schicken sie teilweise auch krank in die Schule, weil sie arbeiten müssen. Da mache ich ihnen auch gar keinen Vorwurf“, sagt Alber.

 

Fernunterricht ist an seiner Schule keine Alternative: „Das ist für unsere Schülerschaft nicht gut.“ Deshalb versuchen sie in Ostheim, zumindest die Stunden in den Kernfächern zu gewährleisten. Für die verbliebenen Kolleginnen und Kollegen bedeutet das Überstunden und für die Schulleitung, dass sie voll in den Unterricht miteinsteigen muss und die eigentliche Arbeit dann abends erledigt: „Ich arbeite derzeit 55 bis 60 Stunden pro Woche“, sagt Alber.

Viele Schulen haben ohnehin zu wenig Lehrkräfte

Eine so fordernde Zeit wie in diesem Winter habe er noch nie erlebt, sagt Alber. Denn die Krankenwelle trifft Schulen, die ohnehin unter dem Lehrkräftemangel ächzen. Vertretungslehrer sind nirgends zu bekommen, bereits pensionierte Kräfte helfen schon mit, wo sie können. Von anderen Schulen hat Alber gehört, dass dort Jahrgänge schon mal zusammengelegt und in der Turnhalle beschult würden.

Auch an der Raichberg-Realschule im Osten wirkt sich die aktuelle Infektwelle „mehr als sonst“ aus, sagt Rektorin Beate Vöhringer. In jeder Klasse fehlten zurzeit im Schnitt fünf bis sechs Schüler. Auch das Lehrerkollegium ist stark betroffen, Anfang der Woche waren sechs von 28 Lehrkräften krank. Das heißt, die Verbleibenden müssen, wo es geht und man Stunden tauschen kann, einspringen, „sodass der Vormittagsunterricht abgedeckt ist“, erklärt die Rektorin. Da man aber eine Halbtagsschule sei, könne man auch „Randstunden entfallen lassen“. Das sei für die Eltern in Ordnung, das hat Beate Vöhringer abgeklärt. „Die wissen ja, dass es gar nicht anders geht.“

Mitunter sind halbe Klassen krank

Angespannt ist auch die Lage an den Gymnasien. Vorigen Woche waren etwa am Dillmann-Gymnasium in einer Mittelstufenklasse „mehr als die Hälfte der Schüler krank“, erzählt Schulleiter Manfred Birk, der kommissarische geschäftsführende Leiter der Stuttgarter Gymnasien. Am Mittwoch haben 79 von 633 Schüler gefehlt. „Das ist nicht so viel, das ist jahreszeitlich typisch“, sagt der Schulleiter. Vor allem aber mussten krankheitshalber auch zwölf von 60 Lehrern daheim bleiben. Das führe dazu, dass eine Lehrkraft auch mal zwei Klassen beaufsichtigen müsse in den unteren Stufen. In den höheren Klassen macht man Digitalunterricht, die Schüler bekommen Aufgaben über die Plattform Moodle. „Die Coronaphase hat uns eine gewisse Flexibilität im Schulalltag gebracht“, sagt Manfred Birk. Insgesamt komme man als Schule durch die Infektwelle „an die Grenze, wir können aber noch damit umgehen“.

Wie gut das gelingt, hängt auch davon ab, wie eine Schule überhaupt personell ausgestattet ist. Im Ebelu, dem Eberhard-Ludwigs-Gymnasium, waren am Mittwoch 60 von 450 Schülern krankgemeldet, am Montag waren es sogar 137. „Ein gutes Viertel ist es ständig“, sagt Schulleiter Mario Zecher. Zum Glück sei nur „eine Handvoll“ Lehrer betroffen. Wer krank, aber in der Lage sei, stelle den Schülern der höheren Klassen Aufgaben, die diese dann selbst erarbeiten. Für die Kleineren gibt es ein internes Vertretungskonzept. „Die kurzfristigen Ausfälle können wir ausgleichen“, sagt Mario Zecher. Ein weitaus größeres Problem sind längerfristige Abwesenheiten. So seien von den 70 Lehrkräften derzeit elf wegen Schwangerschaft oder Mutterschaft abwesend, erklärt der Schulleiter. Für die gebe es „mangels Personal auf dem Markt“ keine Vertretungen.

Stoff und Arbeiten müssen nachgeholt werden

Auch im Schickhardt-Gymnasium fehlen im 60-köpfigen Lehrerkollegium zehn bis zwölf Prozent der Kräfte. Noch etwas höher ist der Krankenstand unter den rund 600 Schülern. „Etwa hundert sind es immer“, sagt Schulleiter Ralph Nigl. Vorige Woche fehlten an einem Tag sogar einmal rund 200 Pennäler. Insgesamt seien die Krankheitsfälle zurzeit „deutlich massiver“ als zu Coronazeiten. Vor allem seien die Betroffenen nicht nur kurz, sondern oft ein bis zwei Wochen krank. Insgesamt aber kriege man das hin. Ralph Nigl sieht das Problem eher in den Folgen der Infektwelle. Schließlich müssten die Schüler nicht nur den Stoff nachholen, sondern an Ersatzterminen auch verpasste Klassenarbeiten.

Entspannung an manchen Schulen

An manchen Schulen ist die Situation kurz vor den Weihnachtsferien aber auch entspannt – zumindest was den Krankenstand anbelangt. So etwa an der Grund- und Werkrealschule Gablenberg. „Der Höhepunkt der Krankheitswelle lag bei uns Mitte November, da war in einzelnen Klassen fast die Hälfte der Kinder krank. Dies ging einher mit einem hohen Krankenstand bei Lehrkräften“, sagt Schulleiter Uwe Heilek. An einzelnen Tagen hätten deshalb Klassen zusammengelegt werden müssen, in der Sekundarstufe gab es vereinzelt Fernunterricht.

Auch an der Rosensteinschule, einer Grund- und Werkrealschule, seien die Krankmeldungen überschaubar, sagt deren Leiter Detlef Storm. Vor zwei Wochen hätten sie Engpässe gehabt, aber auch nicht mehr als in anderen Jahren während der Erkältungszeit. Entwarnung will er aber nicht geben, denn erfahrungsgemäß komme die eigentliche Durststrecke erst noch in den Monaten Januar und Februar.