Kaltental ist schöner als man denkt, davon ist Raiko Grieb überzeugt. Foto: Alexandra Kratz

Raiko Grieb ist der ehrenamtliche Bezirksvorsteher im Stuttgarter Süden, zu dem auch Kaltental gehört. Im Interview spricht er über die Chancen des Stadtteils, in ein Sanierungsprogramm aufgenommen zu werden

Kaltental – - Seit Sommer 2014 ist Raiko Grieb der ehrenamtliche Bezirksvorsteher im Stuttgarter Süden, zu dem auch Kaltental gehört. Im Interview spricht der sozialdemokratische Lokalpolitiker über die Chancen des Stadtteils, in ein Sanierungsprogramm aufgenommen zu werden.
Herr Grieb, was fällt Ihnen als Erstes ein, wenn Sie an Kaltental denken?
Ich glaube, dass Kaltental ein unterschätzter Stadtteil ist. Viele Stuttgarter sehen einfach nur die Böblinger Straße, und die ist wahrlich keine Schönheit. Schön ist es aber oben auf den beiden Hügeln. Am Ende der Schwarzwaldstraße gibt es zum Beispiel eine Bank, die zu meinen Lieblingsplätzen gehört. Von dort aus blickt man auf die Streuobstwiese. Dort hat man nicht mehr das Gefühl, in der Großstadt zu sein. Da ist es eher wie im Heckengäu. Auch die Jugendfarm Elsental ist ein Idyll. Kaltental ist schöner, als viele gemeinhin denken.
Kaltental will Stadterneuerungsgebiet werden. Ist das sinnvoll?
Dieses Projekt voranzutreiben, ist meiner Meinung nach eine der wichtigsten Aufgaben im kommenden Jahr. Viele Stadtteile konkurrieren darum, Stadterneuerungsgebiet werden zu dürfen. In diesem Wettbewerb müssen wir gegenüber dem Gemeinderat deutlich machen, was ein Sanierungsprogramm in Kaltental für das Lebensgefühl der Menschen dort bedeuten würde und wie sich der Stadtteil entwickeln könnte. Zum Glück hat sich die Zukunftswerkstatt dieser Aufgabe angenommen und schon viele Aktionen organisiert, um die Bevölkerung einzubinden. Dafür bin ich dankbar.
Wenn Sie Geld hätten, was würden Sie damit als Erstes in Kaltental verändern?
Ich würde eine Lösung suchen, um die ­natürliche Barrieren besser überwinden zu können. Kaltental wird von der Böblinger Straße zerschnitten. Links und rechts führen extrem steile Wege nach oben. Für ältere Menschen, aber auch für Eltern mit Kinderwagen sind die eine echte Hürde. Das ist ein Grund dafür, warum viele Menschen in Kaltental oft zwangsläufig das Auto nehmen. Wir brauchen neue Verbindungswege. Ich finde, wenn man Geld hätte, könnte man bei der Topografie über öffentliche Aufzüge oder über Rolltreppen nachdenken. Marburg, Vitoria im Baskenland, Lissabon und andere Städte machen es vor.
Es gibt ja eine Brücke, die vom evangelischen zum katholischen Hügel führt.
Ja, aber leider kann die Brücke nicht vollkommen barrierefrei erreicht werden. Und sie befindet sich leider auch nicht in einer zentralen Lage. Vielleich könnte und sollte man zusammen mit der Bevölkerung über neue Möglichkeiten nachdenken.
Was ist aus dem Ortsbus geworden? Der wäre doch auch eine Möglichkeit, um Barrieren zu überwinden?
Im Pilotversuch hat sich der Ortsbus nicht getragen. Ich glaube, mit der SSB wird es kurzfristig keine Lösung geben. Im Bezirksbeirat war er des Öfteren ein Thema und soll im kommenden Jahr bei den dortigen Beratungen zum Nahverkehrsentwicklungsplan nochmals diskutiert werden. Ich will offen sein: Kurzfristig können wahrscheinlich nur Nachbarschaftsnetzwerke helfen, bei denen man sich gegenseitig unterstützt.
Wie schätzen Sie denn die Chancen ein, dass Kaltental tatsächlich ein Stadterneuerungsgebiet wird?
Wenn es gelingt, den Fokus der Ämter und des Gemeinderats auf den Stadtteil zu lenken und sie dazu zu bringen, sich die Sachen vor Ort anzuschauen, dann ist schon viel gewonnen. Der Bezirksbeirat Süd hat sich über die Parteigrenzen hinweg hinter das Projekt gestellt. Er forderte auf Platz eins seiner Prioritätenliste für den Doppelhaushalt, dass Kaltental Stadterneuerungsgebiet wird. Schon dadurch hat sich im vergangenen Jahr viel getan. Und endlich hat die Stadt mit der Umgestaltung des Dreiecksplätzles an der Böblinger Straße begonnen. Im Frühjahr soll dort noch gepflanzt und Bänke sollen aufgestellt werden.
Das zweite große Thema im Jahr 2015 war die Nahversorgung. Wie sehen Sie die Situation in Kaltental?
Insgesamt schlecht. Auf dem katholischen Hügel ist der Lebensmittelladen von Abbas Khalil eine Institution. Im vergangenen Jahr war ich öfter dort, unter anderem mit der Wirtschaftsförderung. Herr Khalil kennt viele seiner Kunden persönlich. Es ist nicht nur ein Lebensmittelladen, sondern ein Treffpunkt und Café-Ersatz. Auf dem anderen Hügel ist die Situation weniger gut. Auf Initiative der Wirtschaftsförderung hat man mit Khalil und einem Start-up-Unternehmen einen Lieferservice ins Leben gerufen. Aber der läuft meines Wissens nach weniger gut. Die Wirtschaftsförderung hat auch verschiedene andere Möglichkeiten durchgespielt, um die Nahversorgung zu verbessern. Aber der Aldi in Heslach und die Läden in Vaihingen sind eine große Konkurrenz. Die schlechte Nahversorgung hat eben auch was mit dem Verhalten der Konsumenten zu tun. Daher glaube ich, dass unter diesen Voraussetzungen wohl oder übel dennoch verschiedene Lieferangebote die Zukunft sind – nicht nur für Kaltental, sondern auch für andere Stadtteile.
Insgesamt gesehen: War 2015 ein gutes oder ein schlechtes Jahr für den Stadtteil?
Ein gutes Jahr. Alle Parteien im Bezirksbeirat befürworten, dass Kaltental Stadterneuerungsgebiet wird. Die Stadt hat mit der Umgestaltung des Dreiecksplätzles begonnen. Seit 1999 steigt die Einwohnerzahl. Was gibt es Besseres für einen Stadtteil, als dass die Menschen hinziehen wollen? Der Stadtteil entwickelt sich. Natürlich braucht man für so eine Entwicklung einen langen Atem. Aber ich meine, dass die Kaltentaler insgesamt glücklich sein können.