Der nächste Teil unserer Filmserie über Alltag und Filmpropaganda im Zweiten Weltkrieg handelt vom „Judenladen“ in der Seestraße, dem einzigen Laden in Stuttgart, wo jüdische Menschen noch einkaufen durften – und das unter ganz anderen Bedingungen als den im Film gezeigten.
Die Nationalsozialisten haben die Ausgrenzung von Menschen bis hin zu ihrer Vernichtung auch über die Sprache vollzogen. Sie wählten dafür häufig die Präposition „Sonder“. Unter diesem Tarnbegriff wüteten die „Sondereinsatzgruppen“ im Osten, wurden Menschen einer „Sonderbehandlung“ zugeführt, also ermordet, gab es „Sondergerichte“ zur Ausschaltung politischer Gegner und „Sonderhäftlinge“ in den Konzentrationslagern.
In dieses Sprachmuster gehört auch die sogenannte Sonderverkaufsstelle für jüdische Menschen in Stuttgart. Sie wurde im April 1941 in der Seestraße 39 im Stuttgarter Norden in den Räumlichkeiten der ehemaligen Gaststätte Zum Kriegsberg eingerichtet. Die „Sonderverkaufsstelle“ bestand aus zwei Verkaufsräumen für Lebensmittel und andere Produkte des täglichen Bedarfs – Seifen, Bürsten oder Kosmetika. Die „Sonderstellung“ dieses Ladens bestand darin, dass es der einzige in Stuttgart war, in dem die damals noch rund 1600 Jüdinnen und Juden in der Stadt einkaufen durften. Auf ihren Lebensmittelmarken war ein „J“ für Jude aufgedruckt. Sie konnten nur in der „Sonderverkaufsstelle“ eingelöst werden.
NS-Propagandafilm zeigt volle Verkaufsregale
Jean Lommen, der damals im Auftrag der Stadt Stuttgart jene Kriegsfilmchronik anfertigte, die Thema unserer Serie „Stuttgart im Zweiten Weltkrieg“ ist, verwendete einige Mühe darauf, den „Judenladen“ in der Seestraße im nationalsozialistischen Sinne abzulichten. Zu sehen sind in dem am 14. und 21. November 1941 gedrehten fünfeinhalbminütigen Film die Anlieferung von Lebensmitteln durch Lastwagen, wartende Menschen mit „Judenstern“ und den emsigen Betrieb in einem Verkaufsraum, wo Jüdinnen und Juden auf reich gefüllte Auslagen blicken und einkaufen.
Der Historiker Michael Herzog vom Stadtarchiv Stuttgart, der die Aufnahmen begutachtet hat, zählt das Warenangebot auf: „Reichlich gefüllte Brotkörbe, Kannen mit Öl, Eierkisten, Brot und Mehlsäcke, Fleisch und Wurst.“ Durch die umfangreiche Anlieferung und die voll bestückten Auslagen solle gezeigt werden, dass es für jüdische Menschen genügend Lebensmittel gab, erklärt Herzog und betont: „Dies entspricht nicht der Wahrheit. Die Rationen waren zuvor bereits deutlich unter denen der übrigen Bevölkerung.“ Auch die Wirklichkeit in der „Sonderverkaufsstelle“ sah anders aus: „Viele Lebensmittel waren nicht, nur selten oder nur in sehr schlechter Qualität zu bekommen – beispielsweise ranzige Butter oder entrahmter Käse“, so der Historiker: „Brot, Butter, Mehl und Öl gab es nur selten.“ Für sogenannte Mangelwaren wie Fisch, Geflügel, Schokolade und Kaffee hätten jüdische Menschen damals überhaupt keine Lebensmittelmarken mehr erhalten.
Der Filmemacher bemühte sich um „gewünschte Typenbilder“
Außerdem musste man erst einmal in die Seestraße gelangen. Herzog zufolge waren viele der Jüdinnen und Juden zehn oder mehr Stunden im Arbeitseinsatz und schafften es nicht bis Ladenschluss um 18 Uhr dorthin. Zudem galt für jüdische Menschen seit Kriegsbeginn 1939 eine Ausgangssperre: Ab 20 Uhr im Winter und 21 Uhr im Sommer durften sie nicht mehr unterwegs sein. Von 1942 an durften Jüdinnen und Juden auch keine Busse und Straßenbahnen mehr benutzen. „Der Fußweg aus den äußeren Stadtbezirken in die Seestraße konnte mehrere Stunden dauern“, rechnet Herzog vor: „Hinzu kamen Willkür und Schikanen durch die Ladeninhaber.“
Der Propagandacharakter des Films ist für den Historiker augenfällig: Er betone „rassistische Stereotype über jüdische Menschen“, erklärt Herzog. Vorgeführt werde der „reiche Jude“ mit vermeintlich „spezifisch jüdischen Gesichtszügen“. Diese verzerrte Darstellung zu produzieren kostete den Filmemacher offenbar einige Mühe. Herzog zitiert aus einem Filmprotokoll Lommens an die Stadtverwaltung, in dem es heißt: „Durch Ausdehnung der Aufnahmearbeit gelang es jedoch, die gewünschten Typenbilder zu erhalten.“ Am deutlichsten tritt der Propagandacharakter des Streifens in einem an die Zuschauer gerichteten Zwischentitel hervor. Darin wird behauptet: „Im Gegensatz zu den Behauptungen der jüdischen Hetzer im Ausland standen die Rationen für Juden mit denen der deutschen Bevölkerung auf gleicher Höhe.“
Einige der im Film gezeigten Menschen wurden kurz darauf deportiert
Propaganda, Lüge, Verzerrung – für Herzog zeigt der Film über die „Sonderverkaufsstelle“ beispielhaft, „wie wichtig eine Kontextualisierung anhand weiterer Dokumente und Perspektiven für einen reflektierten Umgang ist“. Deshalb nutzt er ihn auch regelmäßig für Workshops mit Schulklassen. Es geht darum, jungen Menschen aufzuzeigen, wie Wirklichkeit durch Manipulation verfälscht werden kann.
In Wahrheit war sie unerbittlich: Nach Erkenntnissen des Stadtarchivs wurden einige der im Film gezeigten jüdischen Menschen kurze Zeit nach den Aufnahmen in das sogenannte Sammellager auf dem Killesberg gebracht und am 1. Dezember 1941 vom Nordbahnhof aus per Zug nach Riga deportiert. Von den 1013 Zuginsassen kamen alle bis auf 43 durch Hunger, Kälte, Misshandlung und Mord ums Leben. Darunter war Zeugenaussagen zufolge auch die 28-jährige Krankenschwester Eva Stettiner, die in dem „Judenladen“-Film direkt in die Kamera blickt und an die in der Seestraße 112 heute ein Stolperstein erinnert. Wie auch an ihre Mutter, Käthe Stettiner.
Die „Sonderverkaufsstelle“ hatte auch danach noch geöffnet. Als „besonders zynisch“ empfindet es Herzog, dass die in Stuttgart verbliebene, immer kleiner werdende jüdische Gemeinde „den finanziellen Verlust der ,Sonderverkaufsstelle‘ auch noch ausgleichen musste – weil es immer weniger Kunden gab“.
Themen, die in dieser Serie bislang erschienen sind:
Folge 1: NS-Propaganda (bereits erschienen und hier anzuschauen)
Folge 2: Marienplatz (bereits erschienen und hier anzuschauen)
Folge 3: Deportation (bereits erschienen und hier anzuschauen)
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