Abrissbirnen kennen keine Nostalgie, Menschen umso mehr. Wenn ein Stück vom alten Stuttgart verschwindet, ist das höchst emotional – denn viele verlieren damit einen Teil ihrer Kindheit und Jugend. Wir blicken auf unvergessene Abbrüche zurück.
Verliert die Stadt mit dem Abriss von Gebäuden ihren Charakter? Der Kleine Schlossplatz ist seit Generationen ein Ort der großen Gefühle. Seine Geschichte ist eine Geschichte des Streits, der Irrtümer, der Hochgefühle. Vor dem Bahnprojekt Stuttgart 21 ist in dieser Stadt über kaum ein anderes Thema so heftig gestritten worden wie über diese zentralen Meter der Königstraße.
Denn hier schlägt das Herz der Stadt. Hart umkämpft war jeder Schritt von der Ruine des Kronprinzenpalais bis zum verglasten Kunstmuseum. Die schönsten Erinnerungen betreffen die Jahre 1993 bis 2002. Damals hat eine 30 Meter breite Freilufttribüne als Provisorium die hektische Stadt auf wunderbare Weise entschleunigt. Beim Gedanken an die legendäre Freitreppe wächst bei vielen die Sehnsucht nach vergangenen Zeiten.
Als vor 22 Jahren zwischen dem Königsbau und dem Buchhaus Wittwer der Kleine Schlossplatz dem Erdboden gleichgemacht wurde, dachten viele, die Stadt schaffe ihren neu erwachten Elan schon wieder ab. Die Kritiker konnten oder wollten nicht ahnen, dass mit dem Kunstmuseum etwas Neues entstehen sollte, auf das Stuttgart heute ebenso stolz ist.
Es war nicht der erste Abriss an diesem zentralen Ort. Nach der Bombardierung im Zweiten Weltkrieg standen nur noch die Außenmauern des 1844 bis 1850 für Kronprinz Karl und seine Frau Olga errichteten Wohnhauses. Ein Wiederaufbau wäre möglich gewesen. Doch OB Arnulf Klett wollte den Grundriss der zerstörten Innenstadt neu ordnen und den Verkehrsweg in den Stuttgarter Westen öffnen. 1956 einigten sich Stadt und Land unter heftigen Protesten, dem Kronprinzenpalais ein Ende zu bereiten. Aber erst 1962 und 1963 wurde der Abriss vollzogen.
Ein Betonplatte mit Verkaufspavillons
Mit dem Bau des Planietunnels entstand der Kleine Schlossplatz. Etwa sechs Meter über dem Niveau der Königstraße stülpten die Architekten einen Deckel über den Verkehrsknotenpunkt von Straßenbahn und Autos. Stadtbalkon nannte man diese Betonplatte mit Verkaufspavillons. Als 1977 die Königstraße zur Fußgängerzone wurde, blieben die Autofahrbahnen mit ihren schwarzen dunklen Löchern unter dem Betondeckel verwaist. Denn der Verkehr wurde um einen Stock tiefer gelegt.
Der Kleine Schlossplatz ist das beste Beispiel dafür, wie eine Stadt fortwährend ihr Gesicht verändert. Doch es gibt noch viele andere Orte, die sich, nachdem Abrissbirnen zugeschlagen haben, ins kollektive Gedächtnis der Stadt eingebrannt haben.
Zu den architektonischen Glanzpunkten der Stadt zählte das Gebäude des Musikhauses Barth am Rotebühlplatz nicht unbedingt, trotzdem vermissen es viele heute noch – wegen seiner inneren Werte. Der 1966 erbaute Waschbetonklotz war das Tor zu einer neuen, verheißungsvollen Welt aus Pop und Rock. 1996 gab das im Jahr 1878 von Robert Barth gegründete Unternehmen auf – die Konkurrenz der Elektromärkte war zu groß geworden. Wirte schraubten vom Firmenschild die letzten beiden Buchstaben ab. Mit ihrer Radio Bar wurde das Gebäude noch mal zu einem jungen Zentrum der Stadt, ehe es 2000 für das Geschäftshaus City-Plaza abgerissen worden ist.
Das 1939 eröffnete Terminal 3 des Stuttgarter Flughafens musste im Jahr 2000 weichen. Viele fragten sich, warum diese markante Gebäude nicht unter Denkmalschutz stand. Sind wirtschaftliche Interessen stärker als der Wert der Vergangenheit? Mit dem Abriss des Nord- und Südflügels des Stuttgarter Hauptbahnhofs verschärfte sich der Konflikt um Stuttgart 21 noch weiter.
Nicht nur die Bomben der Alliierten sind schuld daran, dass bedeutende Teile der Architektur von Stuttgart fehlen. Auch nach Kriegsende ging die Zerstörung weiter. Der Abriss des Kaufhauses Schocken an der Eberhardstraße im Mai 1960 gilt bis heute als Sünde der Stadtbaugeschichte. Der Mendelssohnbau musste verschwinden, um die Straße „autogerecht“ zu verbreitern. Die Behörden waren damals nicht bereit, das Warenhaus mit der markanten Fassade unter Denkmalschutz zu stellen.
2013 musste eine Kirche für das Gerber weichen
Vieles, was im Krieg zerstört wurde, hätte wieder aufgebaut werden können: etwa die alte Landesbibliothek, die Garnisonskirche, der Marktplatzflügel des Rathauses, das alte Steinhaus (das älteste erhaltene Wohnhaus im Kessel), die Karlsschule, das TWS-Gebäude aus den 30er Jahren in der Lautenschlagerstraße. Tatsächlich abgerissen wurden unter anderem die königliche Reithalle für den Bau des Landtags und die Verbreiterung der B 14, die Wohnhäuser aus der Gründerzeit am Neckartor (für den Neubau des Innenministeriums), das Bahndepot am Marienplatz für die B 14- Verbreiterung, die kleine Auferstehungskirche, die 2013 für das Gerber weichen musste.
Aber auch zahllose Gebäuden, die keinen Bekanntheitsgrad hatten, sind nach dem Krieg abgerissen worden – in den 60ern etwa entlang der B14 und für den U-Bahn-Bau an der Hauptstätter Straße und an der Torstraße.
Die große Zeit der Abrisse scheint nun vorbei, wie die Zahlen belegen. Die legendären Abbrüche der Vergangenheit aber sind in den Köpfen fest verankert. Wer die alten Fotos sieht von verschwundenen Gebäuden, spürt Wehmut, mitunter auch Ärger. Bei den Abrissen sollte man jedoch immer auch bedenken, in welcher Zeit sie geschahen – und darüber nachdenken, wie man aus Fehlentscheidungen der Vergangenheit für die Zukunft lernen kann.
Ist Stuttgart eine Abrissstadt?
Serie
In der Serie „Ist Stuttgart eine Abrissstadt?“ zeigen wir, wie viel in Stuttgart in den vergangenen Jahrzehnten abgerissen worden ist, wie Abrisse das Stadtbild verändert haben und was das für die Menschen in Stuttgart bedeutet.