Der Pavillon (damals ein Kiosk von Wittwer) und der Industriehof an der Lautenschlagerstraße im Jahr 1942. Foto: Stadtarchiv

Zwei markante Gebäude der Lautenschlagerstraße, die den Krieg überstanden haben, sind denkmalgeschützt. Unser Projekt „Stuttgart 1942“ blickt auf den heutigen Palast der Republik und den Industriehof.

Stuttgart - Nicht nur Berlin hat einen Palast der Republik: In Stuttgart ist ein ehemaliges Toilettenhäuschen unter diesem Namen zu einem erfolgreichen Gastrokonzept über drei Jahrzehnte geworden. Wenn wir zurückreisen in das Jahr 1942, als Fotografen von Straße zu Straße unterwegs waren, sehen wir, dass sich am oberen Ende der Lautenschlagerstraße optisch nicht viel verändert hat. Hinter dem mehreckigen Pavillon, der mal eine öffentliche Bedürfnisanstalt und ein Kiosk war, befindet sich damals wie heute das Gebäude des 1937 fertiggestellten Industriehofs. Die kantigen Figuren der Fassade verraten, aus welcher Zeit diese Immobilie stammt, die künftig neu genutzt werden soll – von einer Brauerei mit Außengastro.

 

Nicht nur der Bierausschank eint zwei markante Zeugnisse der Stadtgeschichte: Das ehemalige Toilettenhäuschen wie auch der ehemalige Industriehof stehen unter Denkmalschutz. Ach, wenn die Mauern nur Geschichten erzählen könnten!

Wittwer eröffnet in den 1930ern einen Kiosk im Klohäuschent

Die heutige Mini-Bar ist 1926 als Örtchen erbaut worden. In den 1930er Jahren hat die Familie Wittwer den kleinen Raum über den weiterhin zugänglichen Kellertoiletten zum Verkauf von Zeitungen und Zeitschriften gepachtet. Aus dem Kiosk wurde ein Buchladen, als Kriegsbomben die Hauptgeschäftsräume von Wittwer an der Schlossstraße zerstört hatten. Das Unternehmen baute in den 1960ern ein neues Domizil an der Königstraße, das bis heute das Stammhaus ist und inzwischen zu Thalia gehört.

Bis in die 1980er Jahre blieb der Wittwer-Kiosk über dem öffentlichen Männer- und Frauenklo. Danach wurde daraus der „Musentempel“, wie die Kneipe dort hieß, die mit mäßigem Erfolg einzog.

Aufwärts ging’s 1989 mit der Umwandlung zum Palast der Republik. Die kleine, meist überfüllte Bar bildete mit dem Unbekannten Tier im Metropolgebäude (bis 1996 aktiv) und dem Imbiss Zum Zum an der Bolzstraße (das dortige Gebäude wurde 2004 abgerissen) ein magisches Dreieck der Nacht. Legendäres, etwa von der einarmigen Currywurstverkäuferin, wird von diesem Straßenzug noch heute mit Wonne erzählt.

Eine „Klappe“ der Homosexuellen

Ein Ort mit wechselvoller Geschichte ist die Ecke Bolzstraße (damals Schlossstraße)/Lautenschlagerstraße. Gerücht oder Wahrheit? Adolf Hitler, so erzählt man sich, habe bei seinem Stuttgart-Besuch in den 1930ern, als die Häuser der Stadt mit Nazi-Fahnen voll hingen, plötzlich ein Bedürfnis verspürt. Auf dem Weg zu einer Veranstaltung soll er in den heutigen Palast der Republik gegangen sein, um das Pissoir im Keller aufzusuchen. Für Eingeweihte ist es deshalb das „braune Klo“. Der Legende nach führt ein unterirdischer Gang ins Nachbarhaus.

In dunklen Zeiten, als gleichgeschlechtliche Liebe unter Strafe stand, diente die Toilette als „Klappe“ zur Kontaktaufnahme von Homosexuellen. Auch nach dem Krieg mussten die Männer auf der Hut sein. Immer wieder mischten sich Polizisten in Zivil unter die Suchenden, denen eine Strafanzeige nach dem Paragrafen 175 drohte. Die Zeiten haben sich zum Glück geändert. Am Palast der Republik, der in normalen Zeiten (also ohne Corona-Beschränkungen) täglich bis 3 oder 4 Uhr in der Frühe geöffnet hat, zeigt sich auf faszinierende Weise, wie jung, bunt und quicklebendig Stuttgart ist.

Das Stuttgarter Varieté war führend in Deutschland

Die Straße in Richtung Schlossplatz, die damals Schlossstraße hieß, ist heute nach Eugen Bolz benannt. Als Widerstandskämpfer gegen das NS-Regime wurde der Politiker, der von 1928 bis 1933 Staatspräsident von Württemberg war, im Januar 1945 hingerichtet. Auf dieser Straße fuhren damals Straßenbahnen an dem Metropol-Gebäude vorbei, in dem sich bis 1922 der alte Stuttgarter Bahnhof befand. Im Ufa-Palast gaukelten in unserem Jahr 1942 Filme wie „Wir machen Musik“ mit Ilse Werner und „Hab mich lieb“ mit Marika Rökk heile Welt vor, die es da schon lange nicht mehr gab,

Wenige Schritte vom Klohäuschen und Industriehof entfernt befand sich ein fünfstöckiges Jugendstilhaus, in dem 1901 das Varieté eröffnet worden ist. „Friedrichsbau“ war auf der Fassade zu lesen. Darunter stand: „Wulle Bier“. Der Brauereichef Ernst Wulle war ein Förderer der Kultur.

Das prachtvolle Gebäude, das an Paris erinnert, fiel den Bomben des Kriegs zum Opfer. Neben Büros beherbergte der alte Friedrichsbau im ersten Stock einen 800 Personen fassenden Theatersaal. Das Publikum, schreibt der Kabarettist Uli Keuler in seiner Dissertation, war „gutbürgerlich, das Ambiente prunkhaft, aber nicht mondän“. Im Parterre befand sich ein „Bierrestaurant“. Eine Marmortreppe führte hinauf in den ersten Stock – in die Traumwelt eines mit Weiß und Gold geschmückten Theatersaals, mit viel Stuck, Putten, Blumen. Das Stuttgarter Varieté galt als führend in Deutschland und wechselte jeden Monat das Programm.