Der OGV wird seinen Stempel vorerst weiter benutzen können. Bei einer Abstimmung fehlte eine Stimme, sonst wäre der Verein Geschichte gewesen. Foto: Archiv Judith A. Sägesser

Der Obst- und Gartenbauverein in Stuttgart-Heumaden ringt mit seiner Auflösung, vergangenes Jahr hat es bereits den Albverein erwischt. Fürs öffentliche Leben im Ortsteil heißt das: Weniger Ehrenamtliche müssen mehr machen – oder Veranstaltungen entfallen ganz.

Heumaden - Eine einzige Stimme hatte gefehlt. Dann wäre der Obst- und Gartenbauverein Heumaden Geschichte gewesen. Nach mehr als 90 Jahren. Am Samstag haben die Mitglieder bei einer Sondersitzung über die Auflösung abgestimmt, aber Ingrid Schmidt die nötige Dreiviertelmehrheit verwehrt. „Ich weiß nicht, wie die Leute sich das vorstellen, die Beiräte waren auch gefrustet“, sagt sie. Ingrid Schmidt steht dem Verein seit drei Jahren kommissarisch vor und will das Amt abgeben. „Ich bin jetzt auch über 70“, sagt sie. Mehrfach habe der Vorstand an Mitglieder appelliert, sich aufstellen zu lassen – erfolglos. Die Altersstruktur gibt es wohl nicht her. Von den 115 Mitgliedern sind 37 über 80, 38 über 70. Lediglich sechs mit 50 oder drunter sind dabei. „Die Jüngeren haben keine Zeit“, sagt sie.

Der Albverein musste nach 116 Jahren aufgeben

Wie es weitergeht, ist unklar. Ingrid Schmidt will sich bis zur nächsten Hauptversammlung juristisch beraten lassen. Es wird Neuwahlen geben müssen, acht Vorstandsmitglieder werden gebraucht, „das schafft niemand“, prophezeit Ingrid Schmidt. Auch eine neue Satzung müsse nach knapp 35 Jahren her. Dabei sei es zuletzt schon um den Vereinszweck – Förderung der Obst- und Gartenkultur, Schnittunterweisungen oder Lehrfahrten – nicht mehr so gut bestellt gewesen. Viele Ältere hätten ihre Gärten längst abgegeben, das Veranstaltungsprogramm habe man mangels Zulauf abgespeckt. Ingrid Schmidt glaubt, dass viele Ältere wegen des Miteinanders nicht loslassen wollen. „Aber nur wegen der Geselligkeit kann man keinen Verein pflegen“, sagt sie.

Clubs landauf, landab kennen solche Probleme. Ähnliche Schwierigkeiten plagten zuletzt auch die Heumadener Ortsgruppe des Albvereins – bis zur Auflösung im Januar 2017, nach 116 Jahren. Horst Dreizler war 20 Jahre Vorsitzender, ablösen wollte ihn aus den eigenen Reihen keiner. Hauptgrund auch hier: die Altersstruktur. „Ich bin jetzt 65. Die nächsten waren 75 aufwärts“, sagt er, zumal viele der zuletzt etwa 120 Mitglieder nur noch auf dem Papier aktiv gewesen seien, „wir sind am Wochenende zu fünft gewandert“. Junge Leute spazierten zwar auch gern durch die Natur, weiß Horst Dreizler, „aber die verabreden sich kurzfristig im Internet, die wollen sich nicht binden“.

Innovative Konzepte sollen Vereine retten

Im Rathaus werden solche Entwicklungen bedauert, denn in den aktuell 6560 Stuttgarter Clubs gehe es um mehr als nur ums Singen, Sporteln oder Basteln. „Die Vereine übernehmen eine wichtige gesellschaftliche Aufgabe: Sie bringen Menschen unabhängig von Alter oder sozialer Schicht zusammen, hier treffen der Bauarbeiter auf den Studienrat und die Architektin auf die Verkäuferin“, sagt Martin Thronberens, ein Sprecher der Stadtverwaltung. Hinzu kommt: Gerade in Heumaden werden Leute händeringend gebraucht. 2020 wird das 900-Jahr-Ortsjubiläum gefeiert, und „die Planung, die Idee, die Konzeption, alles wird durch Freiwillige auf die Beine gestellt“, sagt Matthias Schneider, Sprecher des Organisationsteams und TSV-Vorsitzender. Falle jemand weg, müssten andere mehr stemmen oder neue Akteure gewonnen werden. Laut Matthias Schneider soll im Fall des Mai-Festes für den OGV künftig die Kirchengemeinde einspringen.

Matthias Schneider mahnt, dass die Vereine heute mehr denn je gefordert seien, innovative Konzepte zu entwickeln, um den Alterungsprozess aufzuhalten. So freut sich etwa Bernhard Clauß, Vorsitzender des Backhausvereins, über regen Zulauf von Jüngeren, die das Backen nach alter Tradition wiederentdeckt haben. Der Liederkranz wiederum hat erfolgreich eine Kooperation mit der Schule gestartet. Anderswo jedoch wanken Traditionen. Was passiert, wenn die Vereinsstruktur bröckelt, hat man in Heumaden vor einen Jahr am Volkstrauertag gesehen. Die zentrale Gedenkveranstaltung für den gesamten Bezirk fiel aus. Der Vorsitzende hatte aus gesundheitlichen Gründen sein Ausscheiden angekündigt. Laut Homepage ist die Position bis heute vakant.

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