Von wegen Liebesglück: König Wilhelm I. von Württemberg betrog seine Frau Katharina – auch wenn der Maler Carl von Sales ihn auf einem Gemälde von 1820 mit deren Porträtbüste von Johann Heinrich Dannecker (1818) darstellte. Foto: e/Daniel Stauch

Gibt es etwas Schöneres als die Liebe? Das Haus der Geschichte Baden-Württemberg zeigt in einer neuen Sonderschau erstaunliche Abgründe eines großen Gefühls.

Auf solche Liebesbriefe kann man verzichten. Wenn Wilhelm seiner Katharina schrieb, so berichtete er von Kriegstreiben und Säbelrasseln. So richtig scheint der württembergische König seine Gattin nicht geliebt zu haben, sonst hätte er sie nicht so hemmungslos betrogen.

 

Wenn heute junge Frauen von einer Märchenhochzeit träumen, um endlich Prinzessin sein zu können, scheren sie sich nicht darum, wie es den hohen Herrschaften erging, die zum Beispiel auf der Burg Hohenzollern ihr Dasein fristeten. Der neugotische Prachtbau in Hechingen ist einfach nur eine stilvolle Kulisse, in der Paare derzeit gern heiraten, weil es sich so gut auf den Fotos macht.

Umwelt, Vaterland, Hitler

Ob großes Theater der Liebe förderlich ist? Diese Frage wird nicht beantwortet im Haus der Geschichte Baden-Württemberg in Stuttgart, das sich nach Gier und Hass in seiner neuen Ausstellung nun das angeblich schönste aller Gefühle vorgenommen hat: die Liebe. Und die ist rot – weshalb lange rote Vorhänge angeschafft wurden, rote Podeste und rote Tische, auf denen man allerdings oft vergeblich nach einem wohlig-warmen Gefühl sucht. Das liegt auch daran, dass hinter großen Liebesschwüren mitunter nur kühle Berechnung steckt – wie bei Charles Woodcock, einem Metzgersohn aus den USA. Er schrieb dem hemmungslos verliebten König Karl I. von Württemberg zwar flammende Briefe, war aber wohl mehr an einem Adelstitel interessiert.

Alle Facetten der Liebe werden abgeklopft

Dass es in dieser neuen Ausstellung eher kühl, ja geradezu unterkühlt zugeht, liegt auch daran, dass das Thema recht nüchtern abgearbeitet wird und möglichst viele Facetten beleuchten werden sollen: Da geht es um die Liebe zum verstorbenen Kind, zur Umwelt, zum Vaterland – oder auch zu Adolf Hitler, dessen Büste sich die Menschen gern in die Wohnung stellten. Hetero- und homosexuelle Paare werden vorgestellt und allerhand Privatleute, die die Musik verbindet oder die Religion trennt. Noch in den fünfziger Jahren drohte Paaren verschiedener Konfessionen, bei einer Heirat exkommuniziert zu werden.

Aus dem Baden-Württemberg-Lied wurde nichts

Dabei wurden für die Ausstellung manch interessante Ereignisse aus der Geschichte des Landes ausgegraben. So schreibt der Rundfunk 1985 einen Wettbewerb aus für ein Baden-Württemberg-Lied. 450 Vorschläge gingen ein, Liebe zu dem Bindestrich-Land sucht man in den Texten allerdings so vergeblich wie bei dem landwirtschaftliche Pflug, mit dem Pershing-Raketen transportiert wurden. Er erinnert an die Friedensbewegung in den 1980er Jahren. Dann wieder zeigen Fotos und Zeichnungen, wie der Maler und Schuhfetischist Rudolf Schlichter mit seinen sexuellen Obsessionen und Gewaltfantasien umging. Ob es dabei wirklich um Liebe geht oder doch eher um Lust, sei dahingestellt.

Abwesenheit von Liebe

Der Begriff Liebe wird also sehr weit gedacht – und umfasst Seitenblicke auf Solidarität, Zivilcourage oder Unterstützung von Asylbewerbern. Auch der Abwesenheit von Liebe wird viel Platz eingeräumt – so stolpert man über „Brandschuttproben“ aus einer zerstörten Geflüchtetenunterkunft in Weissach oder Fotos der Greenpeace-Aktivisten, die 1983 im Heißluftballon über die DDR-Grenze flogen, um gegen Atomwaffentests zu protestieren.

Haare eines verstorbenen Kindes

Solche inhaltlichen Unschärfen könnte man hinnehmen, hätten die Kuratoren zumindest die Chance genutzt, Lust auf die ausgestellten Objekte zu wecken. Stattdessen werden sie durch allzu ausführliche, detailverliebte Erklärungen und Beschreibungen zur Nebensache degradiert, die die Informationen garnieren und illustrieren. Erstaunlich, wie schwer es den Kuratoren fällt, den Gemälden, Fotografien und Kleidern, dem präparierten Pferdeskelett oder dem Blumenstillleben aus den Haaren eines verstorbenen Kindes einen würdigen Auftritt zu gewähren.

Margot Weil blieb nur ein Stofftäschchen von ihren Eltern

Dabei können selbst in beiläufigen Objekten bewegende Geschichte stecken – wie in dem bunten Stofftäschchen für Taschentücher. Die Mama hat es ihrer Tochter Margot mitgegeben, als diese 1938 mit einem Kindertransport ins Ausland geschickt wurde in der Hoffnung auf ein besseres Leben als in Nazideutschland. Gut erging es Margot Weil aber nicht bei der Basler Familie, die sie aufnahm. Aber immerhin, sie hat überlebt – als Einzige ihrer Familie, von der ihr nichts als dieses kleine Stoffetui blieb.

Liebe. Bis 23. Juli, geöffnet Di bis So 10 bis 18 Uhr, Donnerstag bis 21 Uhr