Stuttgart früher Marienplatz als beliebter Treff

Von Uwe Bogen 

Benannt ist diese Oase im dicht bewohnten Stadtviertel seit 1876 nach Maria von Waldeck und Pyrmont, der späteren Frau von König Wilhelm II.

Stuttgart - Wer genau hinschaut auf das obere Foto des Marienplatzes, erkennt Kinder, die in kurzen Hosen nur auf dem Weg toben. Auf die Rasenfläche, die es damals an dieser zentralen Stelle des Stuttgarter Südens noch gab, traute sich wohl keiner. Die Bänke sind gut belegt. Vorne fährt die Linie 3 der Straßenbahn vorbei. „Zahnradbahn nach Degerloch“ steht auf der Glasfassade des Kiosks. Das Foto stammt aus dem Jahr 1938. Zwei Jahre zuvor war der Bahnhof der Zacke, die seit 1884 (zunächst dampfbetrieben) den steilen Weg nach oben kletterte, von der Filderstraße auf den Marienplatz verlegt worden. Oben auf der Halbhöhenlage bauten Fabrikbesitzer ihre Villen, unten im Tal siedelten sich die kleinen Leute an.

Benannt ist diese Oase im dicht bewohnten Stadtviertel seit 1876 nach Maria von Waldeck und Pyrmont, der späteren Frau von König Wilhelm II. Im Jahr 1892 kam eine Attraktion hinzu: Albert Hangleiter errichtete hier ein Zirkusgebäude, das beheizt und mit elektrischem Licht ausgestattet war. Es fasste 3500 Personen. Neben Zirkusaufführungen gab es bis 1914 Sportveranstaltungen, Maifeiern und Parteitage – der Marienplatz war ein beliebter Treff von Massen.

Stuttgart hieß im Dritten Reich „Stadt der Auslandsdeutschen“

Später missbrauchten die Nazis die zen­trale Fläche als „Platz der SA“, wie auf der Postkarte steht (siehe zweites Foto in der Bildergalerie), die uns Leser Heinz Dörfler geschickt hat. Stuttgart, so ist darauf zu lesen, hieß im Dritten Reich „Stadt der Auslandsdeutschen“. Marcel Zügel weiß, warum. „Jede Stadt bekam damals einen Zusatztitel verliehen“, schreibt er auf der Facebook-Seite des Stuttgart-Albums: „Das Wort Auslandsdeutsche war eine Beschreibung für Menschen, die deutsch waren, aber im Ausland lebten. Im alten Waisenhaus am Charlottenplatz, dem heutigen Institut für Auslandsbeziehungen, befand sich der Sitz der Auslandsdeutschen, weshalb Stuttgart im Nazireich zu diesem Titel kam.“

Auf der Postkarte fällt auf der linke Seite das Wort „Samen“ auf – hier befand sich das Geschäft Samen Schmid. „Den gab es noch sehr lang am Marienplatz“, wie Sabine Puschmann im Stuttgart-Album gepostet hat. Und Günther Ahner schreibt: „Hier hat mein Vater immer Samen gekauft.“

Heftig umstritten war im Jahr 2003 die Neugestaltung des Marienplatzes, der zu einem sozialen Brennpunkt mit Drogendealern geworden war. Anwohner waren zunächst in der Mehrheit entsetzt über den Entwurf von Architekt Heinz Lermann ohne Sonnenschutz. Die Stadt hingegen rühmte den Ort als „frei und mediterran“. Es dauerte, bis der Marienplatz angenommen wurde und sich von der Betonwüste zu einem Szenetreff entwickelte. Ein Platz erwacht. Heute gilt der Ort mit der angrenzenden Gastronomie und mit seinem Fest im Sommer als cooler Ort im „wilden Süden“.

Lust auf mehr? Dann blättern Sie doch durch unsere historischen Bildergalerien in unserer Rubrik "Stuttagrt früher".

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