Behr in Feuerbach produziert Kühlsysteme für die Autoindustrie. Auf einem Teil des Geländes schräg gegenüber der Zentrale sollen nun Künstler einziehen. Foto: Peter Petsch

Platz ist rar in Stuttgart – und teuer. Deshalb werden Brachen meist sofort bebaut und zu Geld gemacht. Die Investoren, die das Behr-Werk in Feuerbach gekauft haben, haben andere Pläne: Sie wollen die Fabrik sanieren und Künstler und Kreative locken.

Stuttgart - Es ist eines dieser Wörter, das Politiker so gerne im Mund führen: Strukturwandel. Was das bedeutet? Das zeigt sich gerade in Feuerbach zwischen der Siemensstraße und der Mauserstraße. Bis 2010 produzierte Behr hier Kühler, künftig produzieren Kreative hier Wörter, Ideen und Unterhaltung. So planen es die beiden Investoren, die das 13 600 Quadratmeter große Areal gekauft haben. Selbst treten sie allerdings nicht in Erscheinung, ihre Interessen vertritt Sevil Özlük, Inhaberin der Kornwestheimer Agentur pdt. Den Investoren liegt das Gelände am Herzen, nicht weit entfernt davon sind sie beruflich zu Hause, ist zu erfahren. Doch ebenso wenig wie die Namen der beiden Herren möchte Özlük den Kaufpreis verraten. Um so lieber redet sie hingegen über das Konzept, das gemeinsam mit der Stuttgarter Agentur Südwind entworfen wurde und unter den Etiketten „Kreativzentrum“ und „Künstlerdorf“ vermarktet wird. Als Vorbild dient das Gaswerk in Rottweil, das in ein Kulturzentrum umgewandelt wurde.

Was kann man sich unter diesen Schlagwörtern vorstellen? „Insgesamt sollen 10 000 Quadratmeter Werkstätten, Büroräume, Ausstellungsräume, Veranstaltungsräume, Proberäume, Gastronomie und Ateliers entstehen“, sagt sie, sowie eine Kindertagesstätte, natürlich mit dem Zusatz „kreativ“. Die Interessenten stehen Schlange, sagt Özlük, „wir haben 450 Anfragen von Filmern, Musikern, Agenturen, Grafikern, Werbern, Künstlern, Bildhauern, Bildungseinrichtungen, Fotografen, auch eine Modeschule hat sich gemeldet.“ Am 15. September schon sollen die ersten Mieter einziehen. „Das hängt noch daran, ob die Telefon- und Stromleitungen bis dahin gezogen und alles angeschlossen ist.“ Bis zu 1,5 Millionen Euro lassen sich die Investoren die Sanierung der Büros und Werkstätten kosten.

Auf dem Gelände könnte eine Halle für Veranstaltungen entstehen

Die Nachricht, dass in Feuerbach eine Wagenhalle 2.0 entsteht, dieses Mal allerdings durch Investoren und nicht durch die Künstler selbst wie am Nordbahnhof, hat die Konzertveranstalter neugierig gemacht. Denn auf dem Gelände ist auch eine große Halle, sie diente einst als Produktionsstätte und könnte bei Konzerten 3000 bis 5000 Zuhörern Platz bieten. Eine dringend vermisste Spielstätte – so stapeln sich bereits die Anfragen bei Özlük. „Das soll aber keine reine Konzerthalle werden“, sagt sie, „wir denken auch an Flohmärkte, Events aller Art, Kunstmessen, Vernissagen.“ Dafür indes gilt es noch eine Hürde zu nehmen. Der Bebauungsplan setzt enge Grenzen, er schreibt für das Gebiet Industrie und Gewerbe vor. Das heißt, die Büros darf man beziehen, denn die Menschen arbeiten ja, aber bei vergnüglichen Veranstaltungen wie Konzerten oder für die Gastronomie müsste man den Bebauungsplan ändern.

„Das ist Sache des Gemeinderats“, sagt die Stadt. Deshalb putzt Özlük nun auch Klinken, wirbt bei der Verwaltung und den Fraktionen für das Projekt. Doch nicht nur dort leistet sie Überzeugungsarbeit. Auch in der Nachbarschaft. Denn der Strukturwandel ist im Industriegebiet Feuerbach-Ost seit langem im Gange. Gleich gegenüber liegt die Moschee der Türkisch-Islamischen Union der Anstalt für Religion, kurz Ditib. Sie ist die größte Moschee in Baden-Württemberg.

Sie gibt es seit gut 20 Jahren, früher produzierte hier die Firma Roth. Nachdem sie das Gelände aufgab, zogen die Muslime ein. Darum herum eröffneten viele türkischstämmige Stuttgarter Geschäfte, man kann hier Tee trinken, Reisen buchen, Schmuck, Kleidung und Essen kaufen. Auch die Großbäckerei Metropole hat sich angesiedelt. „Die Wirtschaftskraft ist mit 35 000 Besuchern im Monat erheblich und wird sich nach dem Ausbau weiter entwickeln“, sagt Özlük. Das ganze Areal werde aufgewertet, sagt sie, dies habe sie auch bei Gesprächen immer wieder betont. „Ich war in der Moschee, ich war überall und habe unser Konzept vorgestellt“, sagt sie, „es ist überall auf Anklang gestoßen.“

Nach ihrer Vorstellung sollte das gesamte Gelände, also inklusive Moschee samt Nachbarn, zu einem planungsrechtlichen Sondergebiet zusammengeführt werden. Denn damals, als die Moschee einzog, war der Widerstand groß. Der Wirtschaftsförderer sagte, das Industriegebiet müsse „rein bleiben“. Und die CDU „befürchtete eine Gefährdung des Industriestandortes Feuerbach“. Der Bebauungsplan blieb – doch die Moschee kam, und der Strukturwandel auch.

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