Allgemeinmediziner finden auch in Stuttgart keinen Nachwuchs mehr Foto: dpa

Hausärzte in der Region Stuttgart sorgen sich um Nachfolger. Das Klinikum Stuttgart und die Bezirksärztekammer Nordwürttemberg wollen nun gemeinsam mit niedergelassenen Ärzten den Beruf des Hausarztes für den Nachwuchs attraktiver machen.

Hausärzte in der Region Stuttgart sorgen sich um Nachfolger. Das Klinikum Stuttgart und die Bezirksärztekammer Nordwürttemberg wollen nun gemeinsam mit niedergelassenen Ärzten den Beruf des Hausarztes für den Nachwuchs attraktiver machen.

Stuttgart - Markus Klett, Vorsitzender der Ärzteschaft Stuttgart, schildert ein alarmierendes Szenario: „Nicht nur auf dem Land herrscht Ärztemangel, auch in Großstädten wie Stuttgart sinkt die Zahl der Hausärzte beständig.“ Wegen einer vergleichsweise hohen Dichte an Fachärzten würde der Mangel an niedergelassenen Allgemeinmedizinern jedoch in der Großstadt nicht so sehr auffallen. In Stuttgart stehen demnach rund 1400 fachärztliche Praxen rund 500 Hausärzten gegenüber. Vor zwanzig Jahren kamen laut Klett auf 700 Fachärzte noch 700 Allgemeinmediziner. In wenigen Jahren rechnet er mit einem erneuten Schwund von 100 Ärzten, wenn die heute über 55-Jährigen in den Ruhestand gehen. Denn Nachfolger suchen viele Hausärzte in der Region Stuttgart vergebens. „Heute schon ist die Versorgung durch Hausärzte in manchen Gebieten wie zum Beispiel im Stuttgarter Norden ausgedünnt“, sagt Klett, der seit über 30 Jahren eine Praxis in Bad Cannstatt hat.

Um diesem Trend entgegenzuwirken, haben sich die Bezirksärztekammer Nordwürttemberg, das Klinikum Stuttgart und niedergelassene Hausärzte zusammengetan, um die Weiterbildung zum Allgemeinmediziner gemeinsam attraktiver zu gestalten. Von dem Weiterbildungsverbund versprechen sich alle Seiten Vorteile. Zunächst soll die Weiterbildung für den Nachwuchs, der sich nach dem Studium für eine Fachrichtung entscheiden muss, attraktiver werden. Während angehende Allgemeinmediziner bisher im Gegensatz zu angehenden Fachärzten die verschiedenen Komponenten der Weiterbildung selbst zusammensuchen mussten und keine langfristige Planungssicherheit hatten, können sie nun das neue Netzwerk aus Klinikum und niedergelassenen Praxen nutzen.

Von der insgesamt fünfjährigen Facharztweiterbildung werden in der Regel drei Jahre im Krankenhaus und zwei Jahre in einer hausärztlichen Praxis absolviert. Einen Großteil der Weiterbildung werden die jungen Ärzte in der Interdisziplinären Notaufnahme des Katharinenhospitals verbringen, die von Tobias Schilling geleitet wird. „Ich sehe mich als den Allgemeinmediziner des Krankenhauses“, sagt Schilling. Daher sei die Ausbildung in der Notaufnahme auch ideal für Berufsanfänger, um ein breites Feld kennenzulernen und damit für die Praxis gerüstet zu sein. Darüber hinaus können die Absolventen auch in die verschiedenen Stationen des Klinikums hineinschnuppern. „Durch das Netzwerk müssen sich die jungen Ärzte nicht darum sorgen, wie sie nach der Weiterbildung im Krankenhaus an eine niedergelassene Praxis herankommen“, sagt Jürgen Graf, Klinischer Direktor des Klinikums Stuttgart. Somit würde der Verbund einige klassische Hürden abbauen, die bisher dafür sorgten, dass Medizinstudenten von der Allgemeinmedizin Abstand nehmen.

Doch auch der Einsatz des Klinikums ist nicht ganz uneigennützig, wie Graf erläutert: „So lernen wir die Ärzte kennen, die sich künftig um uns herum in den Praxen niederlassen.“ Dadurch werde Vertrauen zwischen niedergelassenen Ärzten und Klinikum aufgebaut und dadurch – so die Hoffnung – Patienten eher an das bekannte Krankenhaus überwiesen.

„Wir dürfen nicht länger als Konkurrenten um den Nachwuchs buhlen, sondern das Krankenhaus muss Kandidaten in die hausärztlichen Praxen gehen lassen“, sagt Klaus Baier, Präsident der Bezirksärztekammer Nordwürttemberg. Schließlich würde die gesamte Region davon profitieren, wenn die ärztliche Versorgung in Zukunft gewährleistet sei. Bisher beteiligen sich elf niedergelassene Hausärzte an dem Verbund. Ist die Kooperation erfolgreich, soll sie auf andere Regionen ausgeweitet werden.

Doch gegen wirtschaftliche Zwänge, denen Hausärzte stärker unterliegen als ihre fachärztlichen Kollegen, kann der Verbund keine Abhilfe schaffen. „Unter den Ärzten sind die Hausärzte die am schlechtesten bezahlten“, redet Graf Klartext. Und Klett ergänzt: „Die Beratung von Patienten ist wirtschaftlich gesehen nichts wert.“ Dabei muss er zwölf Stunden am Tag für seine Patienten da sein. Rahmenbedingungen, die trotz einer verbesserten Weiterbildung auch in Zukunft junge Ärzte abschrecken könnten.

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