Erschreckende Entwicklung: Trotz hoher Strafen flüchten immer mehr Fahrer vom Unfallort:

Stuttgart - Trotz hoher Strafen steigt die Zahl der Unfallfluchten seit Jahren. In Stuttgart macht sich inzwischen fast jeder vierte Verursacher aus dem Staub, selbst wenn es sich nur um Bagatellschäden handelt. Die Gründe dafür sind vielschichtig.

Das Vorgehen ist dreist. Am Mittwochvormittag überquert eine 24-Jährige die Kronprinzstraße in der Innenstadt. Plötzlich biegt ein blauer Kleinbus mit Münchner Kennzeichen in die Straße ein. Doch der Fahrer bremst nicht etwa. Er gibt Gas und fährt der Frau über den Fuß. Der etwa 45 Jahre alte Mann steigt aus, beschimpft die junge Frau. Als er wieder einsteigen will, geht sie ihm nach und gestikuliert. Er schlägt die Autotür zu und bricht ihr dabei den Arm. Der Mann fährt davon, die 24-Jährige muss von Rettungskräften ins Krankenhaus gebracht werden.

Fahrerflucht entwickelt sich immer mehr zu einem Massendelikt. Allein in Stuttgart ist die Zahl des "unerlaubten Entfernens vom Unfallort", so die offizielle Bezeichnung, innerhalb von zehn Jahren von 4500 auf zuletzt fast 5700 gestiegen. Zwar gab es auch mehr Unfälle, aber bei weitem nicht im selben Maß. Der Anteil der Fälle mit Fahrerflucht an allen Unfällen in der Stadt ist deshalb in diesem Zeitraum von 20 auf 23,4 Prozent gestiegen.

Polizei findet 53 Prozent der Flüchtigen

Fälle wie der in der Kronprinzstraße sind dabei die Ausnahme. Zwar gab es im Jahr 2010 in Stuttgart bei Unfällen mit Fahrerflucht 18 Schwer- und 174 Leichtverletzte und somit einen deutlichen Anstieg. Doch meistens, in 97 Prozent der Fälle, handelt es sich um reine Sachschäden, wenn der Täter türmt. Das Opfer bemerkt den Zwischenfall erst später, und oft genug geht es um Kleinigkeiten. Ein Kratzer beim Einparken, eine Delle beim Zurücksetzen. Dinge, die Versicherungen regeln und die eigentlich nicht dafür stehen, die Flucht zu ergreifen, zumal saftige Strafen drohen.

Die Frage, warum das Delikt dennoch immer häufiger vorkommt, ist auch für Experten schwer zu beantworten. "Das Thema macht uns große Sorgen", sagt Roland Haider, Leiter der Stuttgarter Verkehrspolizei. Dort geht man davon aus, dass der mögliche Verlust von Rabatten bei der Kraftfahrzeugversicherung für viele Täter eine Rolle spielt. Zudem gebe es eine Tendenz zur Bagatellisierung von Schäden. Gerade nachts solle durch die Flucht zudem verhindert werden, dass eine Trunkenheitsfahrt auffliege. Manchmal flüchten Fahrer auch, weil sie keinen Führerschein besitzen.

Der Auto Club Europa (ACE) geht bundesweit von 500.000 Opfern pro Jahr aus. Viele davon brächten die Delikte aber gar nicht erst zur Anzeige. "Vieles wird zunächst gar nicht oder zu spät entdeckt", sagt ACE-Sprecher Rainer Hillgärtner. Die Polizei verlange bei der Aufnahme aber genaue Angaben der Uhrzeit, des Orts oder möglicherweise beteiligter Fahrzeuge. Das lasse sich jedoch für viele Betroffene im Nachhinein nicht mehr feststellen. "Die Geschädigten haben ein Gespür dafür, was der Polizei überhaupt möglich ist", sagt Hillgärtner, "viele verzichten auf eine Anzeige, weil sie glauben, dass die ohnehin nichts bringt."

Ein Stück weit unterstrichen wird diese Annahme von den Aufklärungsquoten. In Stuttgart findet die Polizei gut 53 Prozent der Flüchtigen, wenn es sich um Unfälle mit Verletzten handelt. Bei Sachschäden werden nur 29,4 Prozent der Verursacher ermittelt. Damit bewegt man sich im bundesweiten Vergleich eher am unteren Ende. Laut einer ACE-Erhebung lag die Aufklärungsquote im Jahr 2009 in Köln mit 54,1 Prozent am höchsten, in allen anderen großen Städten zwischen 30 und 49 Prozent. Die deutliche Mehrheit der Unfallverursacher kommt also ungeschoren davon.

Die Stuttgarter Polizei will es dabei nicht bewenden lassen. Eine gesonderte Untersuchung soll zeigen, ob und wo es örtliche und zeitliche Schwerpunkte für das Delikt gibt. Zu viel Hoffnung allerdings setzen die Beamten nicht in die Auswertung. "Wir nehmen das unter die Lupe, wissen aber noch nicht, ob man daraus wird Schlüsse ziehen können", sagt Polizeisprecher Jens Lauer.

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