Der Wilhelmsplatz in Bad Cannstatt gilt nicht gerade als Schönheit. Wer sich am Platz umhört, der bekommt ein paar wirklich harte Worte zu hören, trifft aber auch auf Fans.
Bei Temperaturen über 30 Grad fühlt sich der Wilhelmsplatz in Bad Cannstatt an, als würde man über eine Herdplatte laufen. Über Stunden hinweg speichert der viele Beton die Hitze, ein paar seitlich wachsende Pflanzen und ein gelegentlich plätschernder Brunnen schaffen kaum Linderung. Doch es ist nicht nur die Hitze, die diesen Ort zu einem schwierigen Pflaster macht.
Seit Jahren wird der Wilhelmsplatz immer wieder als einer der hässlichsten Plätze Stuttgarts gehandelt – wenn auch ohne objektive Statistik. Schönheit liegt bekanntlich im Auge des Betrachters. Einst war der Platz als repräsentatives Zentrum gedacht, heute ist er vor allem eines: ein funktionaler Verkehrsknotenpunkt im Herzen von Bad Cannstatt. Im Minutentakt fahren Stadtbahnen ein und aus, und das gleichmäßige Dröhnen der Motoren mischt sich zu einem ständigen, lauten Hintergrundrauschen.
Immerhin Kneipen ums Eck
„Das ist kein Ort, an dem man gerne verweilt“, sagt eine 27-jährige Cannstatterin, während sie mit ihrem 32-jährigen Freund über den Platz geht. Doch bei aller Kritik sieht sie auch einen Vorteil: Der „Corner Cannstatt“, eine der Kultkneipen des Stadtteils, ist von hier aus schnell zu erreichen. „Da kann man sich den Ort wenigstens schöntrinken“, meint sie mit einem Augenzwinkern.
Ihr Freund betrachtet die Situation nüchterner: „Hier sind viele Menschen unterwegs, die aus schwierigen ökonomischen Verhältnissen kommen.“ Das mache den Platz nicht unbedingt einladender, sagt er – fügt aber hinzu, dass es durchaus Wege gebe, etwas zu verändern. Sein Fazit: „Stuttgart verschenkt hier viel Potenzial.“
„Ich frage mich manchmal, wann hier eigentlich die Putzkolonne kommt“, sagt eine Frau, die vor 30 Jahren in Bad Cannstatt gewohnt hat und auch heute noch häufig hier unterwegs ist. Schon am frühen Morgen liege oft viel Müll herum. „Ich war kürzlich in Tübingen – da schämt man sich fast ein bisschen für Cannstatt“, meint sie kopfschüttelnd.
„Schön ist er nicht“, sagt ein 61-jähriger Mann vom Burgholzhof, der ebenfalls zum Bezirk Bad Cannstatt gehört. Immerhin: Die Überdachung sei praktisch – so müsse man beim Warten auf die Bahn wenigstens nicht im Regen stehen. Dennoch hat auch er einen klaren Eindruck: „Der Platz wird von den Leuten nicht wirklich wertgeschätzt.“ Es liege einfach zu viel Müll herum, sagt er. Außerdem müsse dringend eine Lösung gefunden werden, um den Autoverkehr zu reduzieren.
Ein junger Mann findet noch härtere Worte: „Einfach brutal hässlich.“ Es bräuchte mehr Sitzplätze, außerdem wäre es wünschenswert, der Platz würde moderner, findet er. Wenn möglich, dann versuche er, den Ort eher zu meiden. Auch weil es nachts manchmal „komisch wird“. Eine Dame, die seit Langem im Bezirk wohnt, spricht gar von einem„sozialen Brennpunkt“.
Aber was ist dran? Polizeipressesprecher Stephan Widmann ordnet die Situation aus Sicht der Polizei ein: „Was die Straftaten betrifft, ist der Platz nicht auffällig“, sagt er. Im Gegenteil – schwere Delikte wie Raub und Körperverletzung seien sogar rückläufig. So habe die Polizei im Jahr 2023 noch 25 sogenannte Rohheitsdelikte verzeichnet, im vergangenen Jahr waren es nur noch 17. Von einem sozialen Brennpunkt könne man daher nicht sprechen, betont Widmann – auch wenn an diesem Ort grundsätzlich viel Betrieb herrsche. Im zuständigen Revier nehme man wahr, dass sich hier viele „sozial geschädigte“ Menschen aufhielten. Was er damit meine? „Alkoholiker und zum Beispiel Wohnungslose“, sagt er. Das habe möglicherweise Auswirkungen auf das subjektive Sicherheitsempfinden der Passantinnen und Passanten. „Das ist eben ein zentraler Dreh- und Angelpunkt“, sagt er.
Immerhin können sich Stuttgarterinnen und Stuttgarter mit nostalgischer Ader alte Aufnahmen des Platzes anschauen. Auf einem Foto aus dem Jahr 1926 sind die Bahnlinien zu sehen – und auch ein Brunnen, wenn auch in ganz anderer Form als der heutige. Ansonsten erinnert jedoch kaum noch etwas an das Erscheinungsbild von damals.
Heute trifft man in Cannstatt jedoch nicht nur Nostalgiker und Kritiker, der Platz hat auch ein paar Fans. Für viele jüngere Cannstatter scheint der Ort fast ein kleiner Treffpunkt zu sein. „Cannstatt ist schon schön und gut zum Chillen“, bringt es ein junger Mann – um die 18 Jahre alt – auf den Punkt. Der Kumpel, mit dem er unterwegs ist, sagt sogar: „Ein Leben ohne ihn könnte ich mir nicht vorstellen.“ Von hier aus sei man schnell überall in der Stadt, außerdem gebe es überall Einkaufsmöglichkeiten. Sie verstehen die Aufregung um den Platz nicht so recht: „Das gehöre halt irgendwie zur Stadt, anderswo sei das ja auch nicht so viel anders.“
Im Doppelhaushalt 2024/2025 hat der Gemeinderat für den Platz immerhin 395 700 Euro Planungsmittel beschlossen. Mit dem Geld soll der Wilhelmsplatz umgestaltet werden, aber was genau passieren soll, dazu liegen bislang keine Informationen seitens der Stadt vor.