Über Getränke hätten sich die Wahlhelfer am Sonntagabend gefreut. Foto: Mauritius

Einige Wahlhelfer, die am 26. Mai in Stuttgart-Degerloch die Ergebnisse der Briefwahl ermittelt haben, beklagen die mangelnde Wertschätzung, die ihnen von der Stadt Stuttgart entgegengebracht worden sei. Was war da los?

Degerloch - Renate Weippert ist noch ganz außer sich. „Die Stadt hat einen schweren Fehler gemacht“, sagt die 65-Jährige. „Dass es für die Wahlhelfer am Sonntag keine Getränke gab, zeugt nicht gerade von Wertschätzung“, sagt die Hoffelderin. Erstmals war sie als Wahlhelferin im Einsatz, und sie ist entsetzt, wie mit den ehrenamtlichen Helfern umgegangen wurde, die im SSB-Veranstaltungszentrum auf der Waldau stundenlang geholfen haben, die per Briefwahl eingegangenen Wahlscheine und Stimmen zu zählen.

Weippert: „Ich bin an meine körperlichen Grenzen gestoßen“

Eigentlich hatte die Stadt Weipperts Sohn als Wahlhelfer gewinnen wollen. Weil der aber seit geraumer Zeit in Tübingen lebt, erklärte sich Renate Weippert selbst bereit, am Wahlsonntag einzuspringen. „Man braucht ja ehrenamtliche Helfer, das ist für mich ganz klar“, sagt sie. Dass sie und andere der 450 bis 500 Wahlhelfer bei der Stimmauszählung aber unter Durst leiden würden, war ihr nicht bewusst. Auch sei sie im Vorfeld nicht darauf hingewiesen worden, dass man mit der gewährten Wahlhelferpauschale in Höhe von 66 Euro selbst für die Verpflegung hätte sorgen müssen. Es ist aber nicht nur die mangelnde Wertschätzung, die Weippert beklagt. „Ich bin auch schlicht an körperliche Grenzen gekommen“, sagt sie.

Von 14 bis etwa 23 Uhr war Weippert auf der Waldau im Einsatz. Bis 18 Uhr habe man vor Ort Getränke und Snacks kaufen können. Als per Durchsage bekannt gegeben wurde, dass der Verkauf um 18 Uhr endet, wollte sich die Realschullehrerin eine Flasche Wasser kaufen. Schockierend für sie: 9 Euro habe sie dafür bezahlen müssen. Zudem habe ihr der Mitarbeiter des Veranstaltungszentrums zunächst gar keine Flasche verkaufen wollen, sondern nur Wasser in Gläsern. Flaschen, so habe er es begründet, seien im Saal nicht erlaubt. „Doch andere, die wohl wussten, dass es für Helfer von Seiten der Stadt nichts zu trinken gibt, hatten ihre Getränkeflaschen unterm Tisch stehen“, sagt sie. Sauer stößt ihr nach wie vor auf, dass sie quasi auch nur ein Achselzucken als Antwort erhielt, als sie sich darüber bei dem für die Auszählung zuständigen Mitarbeiter der Stadt beschwert habe.

Bis zum Schluss im Akkord Stimmen gezählt

Dass man, weil es an Helfern fehlte, zudem kaum Pausen machen konnte und bis zum Schluss quasi im Akkord arbeiten musste, ärgert sie ebenfalls. „Ich habe noch nie unter so schlechten Bedingungen so schnell gearbeitet“, sagt sie. So hätten die Wahlzettel teils auf dem Boden sortiert werden müssen, weil Tische fehlten. „Und ich habe es im Kreuz“, sagt Weippert. „Ich habe mich an diesem Tag wie ein Sklavin gefühlt“, bringt sie schließlich ihren ganzen Brass auf den Punkt. Dies habe aber nur an der Menge der Arbeit, nicht am Umgangston gelegen. Der sei stets gut und freundlich gewesen.

Auch Werner Vorderwülbecke aus Birkach hat kein Verständnis dafür, dass die Helfer – trotz 66 Euro Wahlhelferentschädigung – im SSB-Veranstaltungszentrum keinerlei Getränke zur Verfügung gestellt bekamen. Vorderwülbecke hatte sich mit seiner Frau und Tochter an dem Auszählmarathon beteiligt – „und wir haben es grundsätzlich auch gerne gemacht“. Es sei aber sehr warm gewesen, „wir hatten alle Durst und eine klebrige Zunge“, sagt der einst hauptberuflich bei der Gewerkschaft Verdi tätige Birkacher. „So ein bisschen was fürs leibliche Wohl der vielen Helfer hätte man schon tun können“, sagt er und empfiehlt den neugewählten Räten, künftig darauf zu achten, dass die Auszählung „würdig über die Bühne geht. Von mir aus sollte es vielleicht nur 60 Euro Wahlhelferentschädigung geben, dafür aber freie Getränke“, sagt er. In Hamburg, wo er früher lebte, sei es selbstverständlich gewesen, dass Wahlhelfer Getränke kriegen.

Entschädigung sei als Erfrischungspauschale bekannt

Weippert hat sich am Montag beim für den Wahlablauf zuständigen Statistikamt beschwert. Dort habe man wenig Verständnis gezeigt, auch kein Bedauern. Auf Anfrage unserer Zeitung teilt ein Sprecher der Stadt mit, dass die Wahlhelferentschädigung „als Erfrischungspauschale“ bekannt sei. Ein Hinweis darauf, dass es keine Getränke oder Snacks von Seiten der Stadt gebe, hätten die Wahlhelfer nicht erhalten. Für die nächsten Wahlen werde aber geprüft, „ob die Aufstellung eines Wasserspenders möglich ist. Dann könnten sich die Wahlhelfer über 18 Uhr hinaus mit Getränken versorgen“.

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