Im Sommer hat die Regenbogen-Gruppe SPDqueer Müll rund um den Fernsehturm eingesammelt. Darunter waren auch einige Kondome. Foto: Lichtgut/Julian Rettig

Früher ist Alfons Kautzmann gerne rund um den Fernsehturm spazieren gegangen. Nun versucht er, das zu vermeiden. Das liegt an monatelang abgestellten Anhängern, Müll und Männern, die sich am Fernsehturm zum Sex treffen.

Degerloch/S-Ost - „Die Situation ist unappetitlich geworden“, sagt Alfons Kautzmann. Der Rentner aus dem Stuttgarter Osten spricht über den Fernsehturm, den Parkplatz davor und den Wald drumherum. Früher ist Kautzmann oft dort spazieren gegangen, er mochte die Gegend mit dem Blick auf das Stuttgarter Wahrzeichen. „Heute probiere ich, das zu vermeiden, mittlerweile herrscht dort beinahe eine asoziale Stimmung.“ Er hat den Eindruck, dass seit der Schließung des Fernsehturms aus Brandschutzgründen von 2013 bis 2016 die Gegend zunehmend verwahrlose.

Kautzmann ärgert sich über verschiedene Dinge: Zum einen sind da die Anhänger, die teilweise monatelang auf dem Parkplatz vor dem Fernsehturm abgestellt werden. „Einige Firmen nutzen das als Dauerparkplatz“, sagt er. Er hat beobachtet, dass es immer dieselben Anhänger sind, die dort parken. Kürzlich hat er deshalb mit dem Ordnungsamt der Stadt telefoniert. Ein Mitarbeiter sagte ihm, dass Anhänger grundsätzlich 14 Tage am Stück an derselben Stelle parken dürften. „Das wusste ich auch vorher schon. Aber die Anhänger am Fernsehturm stehen ja viel länger als zwei Wochen dort“, berichtet er.

Anhänger werden nur minimal bewegt

Was Alfons Kautzmann daran so stört, sind die unterschiedlichen Maßstäbe, die angesetzt werden: „Bei Privatleuten drückt die Stadt kein Auge zu, da bekommt man sofort ein Knöllchen, wenn man falsch oder ohne Parkschein parkt. Und am Fernsehturm wird einfach weggeschaut, wenn dort monatelang Anhänger stehen.“ Er könnte sich vorstellen, dass die Dauerparker auch deshalb mehr geworden seien, weil zum 1. Dezember in Teilen des Stuttgarter Ostens ein Parkraummanagement eingeführt wurde. Seitdem dürfen in den entsprechenden Gebieten nur noch Anwohner mit Parkausweis kostenlos auf den Straßen parken, alle anderen müssen bezahlen. Möglich also, dass einige ihr Auto lieber kostenfrei am Fernsehturm abstellen und von dort die restliche Strecke Richtung Osten mit der Stadtbahn oder dem Bus zurücklegen.

Eine Sprecherin der Stadt sagt, dass die Anhänger auf dem Parkplatz vor dem Fernsehturm bereits im Fokus der Verkehrsüberwachung stünden: „Bei Verkehrskontrollen wurden die dort geparkten Anhänger und deren Standorte auch notiert. Bei der Nachkontrolle machen wir leider sehr oft die Erfahrung, dass die Anhänger nur um ein bis zwei Meter vor- oder zurückbewegt wurden. Durch diese kleine Veränderung des Standorts beginnt die Zwei-Wochen-Frist neu. Denn: Es nicht nachzuweisen, ob der Anhänger nur wenig bewegt oder tatsächlich benutzt wurde.“ Die Überwachung der Anhänger erfordere daher regelmäßige Kontrollen über einen längeren Zeitraum.

Männer probieren, Blickkontakt aufzunehmen

Die dauerhaft abgestellten Anhänger sind nicht das Einzige, was Alfons Kautzmann stört. Ebenfalls störend findet er den herumliegenden Müll, die sehr präsente Werbung am Gazi-Stadion und die Tatsache, dass der Fernsehturm ein Treffpunkt ist für Homosexuelle auf der Suche nach einem Liebesabenteuer.

Tatsächlich sind auf dem Parkplatz regelmäßig Männer zu sehen, die für längere Zeit zu zweit in dem Klohäuschen hinter dem Kiosk verschwinden. Bei wärmeren Temperaturen ist der angrenzende Wald beliebt. Aus diesem Grund hat die SPDqueer, die Regenbogen-Gruppe innerhalb der Partei, im vergangenen Sommer dort eine große Aufräumaktion gestartet. Neben klassischem Müll haben sie auch einige Kondome eingesammelt – jedoch war dies nur ein kleiner Teil.

Alfons Kautzmann findet dieses Treiben wenig amüsant: „Da fühlt man sich belästigt“, sagt er. Er berichtet, dass es immer wieder die gleichen Männer seien, die auf dem Parkplatz vor dem Fernsehturm präsent seien. Sobald man als Mann etwas länger dort im Auto sitze, würden sofort andere Männer Interesse signalisieren. „Die laufen oder fahren dann langsam am eigenen Auto vorbei und probieren, Blickkontakt aufzunehmen.“

„Prostitution spielt eine untergeordnete Rolle“, sagt der Polizeisprecher

Ein Sprecher der Stuttgarter Polizei sagt, dass es sich bei diesen Männern vor allem um solche handele, die sich vorher im Internet oder per App gezielt zu sexuellen Abenteuern verabreden. „Das spielt sich vor allem im privaten Bereich ab, Prostitution spielt eine untergeordnete Rolle“, sagt er. Hin und wieder würden Polizeistreifen dort vorbeifahren und nach dem Rechten sehen, in der Regel würden sie jedoch nichts Auffälliges feststellen.

Alfons Kautzmann würde sich wünschen, dass die Polizei am Fernsehturm noch deutlicher präsent ist und dass sich auch die Stadt mehr um die Pflege ihres Wahrzeichens bemühe. „Diese Verwahrlosung passt nicht zu dem Image, das man dort eigentlich pflegt“, sagt er. „An so besonderen Plätzen wie dem Fernsehturm sollte es sauber sein.“ Dies sei auch wichtig für das Bild nach außen: Mittlerweile will er schon gar keine Besucher mehr mitnehmen, um ihnen den Fernsehturm und den doch eigentlich unvergleichlich schönen Blick von oben zu zeigen.

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