In dem Hort oberhalb der Pizzeria Masaniello auf der Waldau wurden bis zuletzt 20 Kinder betreut. Foto: Factum//Jürgen Bach

Die Kindertageseinrichtung am Königsträßle 15 in Stuttgart-Degerloch macht dicht. Die Eltern wurden über die Schließung erst am Ende der Sommerferien informiert. Einige wollen nun rechtlich gegen die Stadt vorgehen.

Degerloch - Wenn ein Zwölfjähriger plötzlich jeden Tag seine Eltern fragt, ob „es etwas Neues vom Anwalt gebe“, kann irgendwas nicht ganz rund laufen. Im Falle von Felix Neumann, einem Jungen aus Degerloch, geht es darum: Der Hort am Königsträßle 15 in Degerloch, in dem Felix fünf Jahre lang beinahe jeden Mittag und Nachmittag unter der Woche verbracht hat, schließt – und dies ziemlich spontan. Am Donnerstag gab es noch ein kurzfristig einberufenes Abschiedsfest für die 20 Kinder und deren Eltern, am Freitag war dann der letzte Öffnungstag.

Familie Neumann hat einen Anwalt eingeschaltet

Erst vor gut zwei Wochen, am 30. August, hatte eine Mitarbeiterin des Jugendamts einen Brief an die Eltern verschickt, dass der Hort zum 15. September schließen werde. „Die zeitnahe bevorstehende Schließung wurde notwendig, da einerseits die Nutzungsvereinbarung für die Räume von anderer Seite schon gekündigt wurde und wir in einer anderen Einrichtung großen Personalnotstand haben, sodass dort eine Schließung verhindert werden muss“, heißt es. Mehrere Horteltern haben den Brief erst vor wenigen Tagen lesen können, weil sie in den Sommerferien mit ihren Kindern verreist waren.

„Dieses Kurzfristige, Überfallartige geht gar nicht“, meint Undine Neumann (51), die Mutter des zwölfjährigen Felix. Sie und ihr Mann haben deshalb einen Anwalt eingeschaltet. Der hat ihnen bereits mitgeteilt, dass das spontane Vorgehen der Stadt nicht rechtens sei. Zwar war den meisten Eltern schon länger klar, dass der Hort nicht mehr ewig bestehen würde. Dass es nun aber so schnell gehen würde, hat viele dann doch sehr überrascht.

Stadt fördert Schülerhäuser statt Horte

Mitte Juli hatten die Eltern nämlich noch einen Brief erhalten, in dem stand, dass der Hort zwar bald geschlossen werde solle, „der Betrieb vorerst jedoch uneingeschränkt weitergehe.“ Sogar Neuanmeldungen für das Schuljahr 2019/2020, welches ja erst am Donnerstag begonnen hat, wurden noch angenommen.

In Stuttgart einen Betreuungsplatz für Kinder unter 3 Jahren zu finden, ist nicht leicht. Unser Kitakompass gibt Tipps für die Suche, erklärt Betreuungskonzepte und wie man sich anmeldet.

„Wir haben schon länger das Gefühl, dass die Stadt Stuttgart Horte nicht mehr will, weil es in Schulen ja nun die Ganztagsbetreuung gibt“, sagt Undine Neumann. Die Leiterin des Stuttgarter Jugendamts, Susanne Heynen, bestätigt diesen Eindruck: Der Hort schließe, weil alle Grundschulen in Degerloch Schülerhäuser für die Nachmittagsbetreuung hätten und es auch an den Grundschulen eine Ganztagsbetreuung gebe, sagt sie. „Eine angedachte und beantragte Umstellung der Einrichtung Königsträßle auf jüngere Kinder wurde seitens des Jugendamts zwar beantragt, die ermittelten Kosten für die erforderlichen Umbaumaßnahmen wurden jedoch nicht bewilligt.“

An den Schulen gibt es keine Ferienbetreuung

Für den Ärger der Horteltern zeigt Heynen wenig Verständnis: „Es ist seit einem Jahr bekannt und kommuniziert, dass der Hort schließen wird“, sagt sie. Lediglich der konkrete Zeitpunkt sei nun „eher kurzfristig bekannt gegeben worden.“ Dies liege auch darin begründet, dass festgestellt worden war, dass in der Küche des Horts Bauarbeiten nötig gewesen seien. „Bei einer anstehenden Schließung ist sicher nachvollziehbar, dass unter wirtschaftlichen Gesichtspunkten keine Investitionen mehr erfolgen.“

Für den zwölfjährigen Felix Neumann, die 19 anderen Kinder sowie deren Eltern ist das bitter: „In der Nachmittagsbetreuung an den Schulen werden keine Pädagogen eingesetzt“, argumentiert Undine Neumann. Außerdem sei in dem kleinen Hort die Distanz zwischen den Erzieherinnen und den Kindern immer sehr gering gewesen, „die Erzieherinnen haben auch mal Wasserschlachten mit den Kindern gemacht“, sagt sie schmunzelnd. Und ein großer Pluspunkt im Vergleich zu der angebotenen Betreuung an Schulen sei das Angebot in den Ferien. „Es wird nun alles komplizierter; wir müssen umplanen und neu organisieren“, sagt Neumann.

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