Hier arbeitet sie: Klaudia Dietewich in ihrem Atelier in Hoffeld. Foto: Bosch

Von der Sozialpädagogin zur freiberufliche Künstlerin. Klaudia Dietewich stellt derzeit ihre Bilder in der Slag Gallery in Brooklyn aus. Sie erzählt, wie in New York Ausstellungen ablaufen und warum sie sich vor allem mit Asphalt beschäftigt.

Hoffeld - In ihrem Atelier steht noch das große Modell aus Styropor, das den Ausstellungsraum der Slag Gallery in Brooklyn, New York, abbildet. An den Styroporwänden des Modells hängen im Kleinformat Fotos, ausgedruckt auf Papier. Bevor Klaudia Dietewich Anfang Januar nach New York geflogen ist, hat sich die Künstlerin aus Hoffeld genau überlegt, an welcher Wand des Ausstellungsraumes welche ihrer Fotografien hängen sollen.

Eigentlich sind Ausstellungen mittlerweile Normalität für die 57-jährige Künstlerin – aber eine Ausstellung in der Slag Gallery in Brooklyn ist auch für sie nicht die Regel. „Das ist schon etwas Besonderes. Ich hätte nicht erwartet, dass ich mit meinen Bildern mal in New York sein werde“, sagt Klaudia Dietewich. Für sie war das die erste Ausstellung in den USA. Da sie den Ausstellungsraum vorher nicht besichtigen konnte, hatte sie sich im Vorhinein das Modell gebastelt.

Klaudia Dietewich fotografiert vor allem die Straße

Eigentlich stammt Klaudia Dietewich gar nicht aus dem Kunstbereich. Sie hat nicht Kunst, sondern Sozialpädagogik studiert und fast 20 Jahre lang beim Stuttgarter Jugendamt gearbeitet. Kunst war für sie eher ein Hobby und lief nebenher. „Ich habe mit der Malerei angefangen und mich lange mit der Siebdruck-Technik beschäftigt.“ Im Jahr 2007 legte sie dann ein Sabbatjahr ein – ein Jahr, das dazu führte, das die Kunst für sie an Bedeutung gewonnen hat. Während einer langen Radtour mit ihrem Ehemann fing sie an, professionell zu fotografieren.

„Beim Radfahren schaut man ja zwangsläufig viel auf die Straße, und da fiel mir auf: Die Kunst liegt auf der Straße.“ Viele ihrer Fotografien zeigen die Muster im Asphalt – allerdings wählt Klaudia Dietewich die Ausschnitte stets so, dass der Betrachter nicht erkennt, wo und was genau sie da fotografiert hat. „Kunst bedeutet für mich Ästhetik und dass jeder Mensch, der sich die Bilder anschaut, etwas Eigenes darauf entdeckt“, erläutert Dietewich. Was man jeweils in den Fotografien sehe, hänge mit den eigenen Erfahrungen und den Bildern zusammen, die man im Kopf habe.

Pinkfarbene Kreise können verschieden interpretiert werden

So zeigt eine Fotoserie beispielsweise pinkfarbene Kreise auf einer Straße. Die Kreise wurden von Bauarbeitern aufgemalt, um die Stellen zu kennzeichnen, an denen etwas repariert werden muss. „Sieht man die Fotos nebeneinander, könnte man an das Enso-Prinzip aus dem buddhistischen Zen denken“, sagt Dietewich. Dieses Prinzip besagt, dass nur wer innerlich gesammelt und im Gleichgewicht ist, einen ausgewogenen Enso – also einen perfekten Kreis – malen könne. So interpretiert, könne man an den Kreisen also den psychischen Zustand der Bauarbeiter erkennen. Werden die Fotos alle in Reihe nebeneinander aufgehängt, erinnerten sie aber auch an Augen, die einen beobachteen.

Klaudia Dietewich fotografiert allerdings nicht ausschließlich Asphalt. Die meisten Bilder entstehen in Städten, oft in Industriegebieten. Abstrakt sind ihre Fotos alle; keines zeigt ein Gebäude im Ganzen oder eine klassische Landschaft. Alle Fotografien haben als Titel den Ort und das Datum, an dem das Foto entstanden ist. „So bekommen sie auch einen dokumentarischen Charakter“, erklärt Dietewich.

„Als ich die Kündigung abgab, hatte ich kurz Angst“

Mittlerweile ist die Hoffelderin seit fast acht Jahren freiberufliche Künstlerin. „Als ich damals beim Jugendamt die Kündigung abgegeben hatte, hatte ich ein kurzes Gefühl von Angst“, gibt sie zu. „Ich war immer eine Teamarbeiterin, und es war komisch, künftig völlig allein zu arbeiten.“ Doch den Schritt habe sie keine Sekunde bereut: „Das war eine Chance, noch mal ein zweites Leben zu beginnen.“

Die Ausstellung in Brooklyn, die noch bis zum 4. Februar ihre Bilder zeigt, war für sie dabei die beeindruckendste bisher – auch, weil dort manches anders gehandhabt wird. „Dort gibt es bei einer Vernissage beispielsweise keine Rede, so wie das bei uns üblich ist“, sagt sie. „Die Leute sind einfach herumgelaufen, haben gegessen und getrunken und mir viele Fragen gestellt. Das war eine tolle Stimmung.“

Generell ist Klaudia Dietewich viel unterwegs – New York, Buenos Aires, Paris, Reykjavik, die Färöer Inseln. In diesem Jahr geht es für ein Projekt mit der Friedensorganisation Mayors For Peace nach Japan. „Ich freue mich aber jedes Mal, wenn ich nach Hause nach Hoffeld komme“, sagt sie. „Ich brauche diese Zeit ohne Pläne und Termine auch, um wieder aufzutanken und um neue Ideen zu entwickeln.“

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