Eigentlich sollte die Baustelle längst beendet sein. Nun heißt es, dass sie noch bis Frühjahr 2019 andauert. Foto: Tilman Baur

Seit mehr als einem Jahr wird im Ortskern von Stuttgart-Degerloch im großen Stil gebaut. Das hat Auswirkungen auf die ansässigen Läden: Die Kunden bleiben weg.

Degerloch - Gisela Zettlitz ist sauer. Ihr Second-Hand-Modeladen Anziehend in der Karl-Pfaff-Straße lebt von Laufkundschaft: von Leuten, die vorbeispazieren oder mit dem Auto vorbeifahren und den Laden auf diese Weise entdecken. Die Wanderbaustelle im Ortskern rund um Löwen-, Karl-Pfaff- und Felix-Dahn-Straße hat bei Zettlitz einen starken Kundenschwund verursacht.

„Es gab keinen Durchgangsverkehr mehr, die Kunden blieben weg“, sagt die Inhaberin. An manchen Tagen habe sie gar keinen Umsatz gemacht. Nur Stammkunden seien noch gekommen. Doch auch die hätten Probleme gehabt, so Zettlitz, denn durch die blockierte Zufahrt von Mai bis Oktober seien auch die Kundenparkplätze im Hinterhof nicht erreichbar gewesen. Zettlitz kritisiert die Informationspolitik der Stadt und des Kabelbetreibers Netze BW. Infos über den Stand der Dinge habe sie nur von den Bauarbeitern bekommen. „Auf meine Frage, wann die Baustelle fertig ist, hieß es dann immer: ‚Es ist fertig, wenn es fertig ist‘“, so Zettlitz.

Es werden mehrere Dinge zugleich erneuert

Seit 2017 sind die Bauarbeiten im Gang. Sie sind komplex: das Tiefbauamt führt Kanalarbeiten durch, gleichzeitig ersetzt EnBW-Tochter Netze BW Gas-, Wasser-, Strom- und Telefonanschlüsse. Das Tiefbauamt strebt nach heutigem Stand an, die Arbeiten im Frühjahr 2019 zu beenden. Derzeit blockiert die Baustelle die Kreuzung Karl-Pfaff/Felix-Dahn-Straße.

Von einer „Katastrophe“ spricht Alexander Fleißer. Er betreibt den Laden Dampfbrüder gleich nebenan, in dem er E-Zigaretten samt Zubehör verkauft. „Sechs bis acht Wochen hatten wir miserable Park- und Zulaufmöglichkeiten“, so Fleißer. Dabei hätte die Baustelle bereits in diesem Jahr beendet werden sollen. Sein Geschäft habe zum Glück nicht stark gelitten. „Man sucht unseren Laden gezielt“, sagt Fleißer, auf Laufkundschaft sei der Shop nicht angewiesen. Doch er hätte sich gewünscht, mehr über den Stand der Dinge zu erfahren: „Die Infos waren miserabel.“

„Gefühlt hat man fünf Mal die Straße neu aufgerissen“

So sieht es auch Jens Tusche. Ein paar Häuser weiter betreibt er einen Fotoladen. „Da kam gar nichts. Alle Infos musste ich mir bei der Stadt selbst besorgen oder die Bauarbeiter fragen“, erzählt er. Ob er geschäftliche Einbußen gehabt habe? „Sicher“, so Tusche. Auch der Lärm sei ein Problem gewesen. Jetzt hoffe er, dass alles schnell vorbeigehe. Doch Tusche zweifelt daran. „Eigentlich hätte alles im Mai 2018 fertig sei sollen. Jetzt zieht es sich noch bis weit ins neue Jahr.“

Probleme hat die Baustelle auch dem Computerladen Edicta an der Ecke Löwen-/Karl-Pfaff-Straße gemacht. „Fast täglich haben sich Kunden beschwert“, sagt Mitarbeiter Mario Conticello. Denn statt wie gewohnt direkt vor dem Laden zu parken, mussten die ihre schweren Rechner lang schleppen. Lärm und Vibrationen hätten zeitweise den Laden zum Beben gebracht. „Wir mussten deshalb die Maschinen im hinteren Raum abschalten.“ Massive Kundeneinbrüche hat der auf die Beratung älterer Menschen spezialisierte Laden keine verzeichnet. Allenfalls Druckerpatronen habe man weniger verkauft. Trotzdem: Der Missmut über die ständigen Verzögerungen hält an. „Gefühlt hat man fünf Mal die Straße neu aufgerissen“, sagt Conticello. Eine Prognose darüber, wann alles zu Ende ist, wagt er deshalb gar nicht erst.

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