Millionen von Vögeln fliegen in Deutschland im Jahr gegen eine Glasscheibe und sterben. Foto: Nabu

Besucher des Friedhofs in Stuttgart-Birkach haben sich seit Jahren einen Wetterschutz für die zugige Feierhalle gewünscht. Den haben sie nun, allerdings gibt es neue Vorbehalte von Naturschützern. Die Scheiben seien eine Gefahr für seltene Tierarten.

Birkach - Markus Bihrer hat seinen Augen nicht getraut, als er vor Kurzem auf den Friedhof in Birkach gekommen ist. Die Frau des 93-jährigen Bewohners des Nikolaus-Cusanus-Hauses liegt auf dem Gottesacker beerdigt. Und als der Wittwer seiner verstorbenen Frau jüngst einen Besuch abgestattet hat, hat er die flatternden rot-weißen Bänder gesehen; sie sind an den nagelneuen Scheiben der Feierhalle fixiert. Arg wild sieht das Ganze aus, und wenig feierlich.

Zu dem 93-Jährigen hat sich inzwischen herumgesprochen, dass die Bänder eine Warnung für Vögel sein sollen. „Das leuchtet mir ja ein“, sagt Markus Bihrer. „Aber ich finde es trotzdem insgesamt unmöglich: Da planen sie eine so lange Zeit, und dann machen sie so einen Käse.“

Ein wichtiges Detail wurde übersehen

Die Kritik geht an die Adresse der Stadt Stuttgart. Diese hatte – auf vielfachen Wunsch von Bürgern – dem Unterstand auf dem Friedhof einen Wetterschutz verpasst. Der besteht aus Glasscheiben entlang der Längsseiten der Feierhalle. Insgesamt 60 000 Euro hatte der Gemeinderat für die Verglasung bewilligt, nachdem das Projekt im Bürgerhaushalt unter die ersten 100 aller Wünsche gekommen ist.

Nachdem es zunächst Kritik an der Ausführung gegeben hatte, weil die Scheiben vielen zu kurz geraten waren, dräut nun erneut Ungemach. Offenbar ist bei den Planungen und Arbeiten ein Detail übersehen worden: Das Amt für Umweltschutz ist nicht nach seiner Meinung gefragt worden. Aus der Presse haben die Mitarbeiter von der Verglasung erfahren. Und deshalb hängen auf dem Friedhof nun als Sofortmaßnahme die Flatterbänder.

Die frisch verglaste Birkacher Feierhalle hat nach Einschätzung von Wolfgang Wagner vom Amt für Umweltschutz der Stadt Stuttgart das Zeug zur Vogelfalle. Die Scheiben sind parallel angeordnet und für Vögel nicht zu erkennen. „Es ist zu erwarten, dass da Vogelschlag eintritt“, sagt er.

Viele Millionen Vögel sterben im Jahr

Die Schätzungen, wie viele Vögel in Deutschland jedes Jahr gegen eine Glasscheibe fliegen und sterben, gehen deutlich auseinander. So geht der Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland, kurz: BUND, von mehr als 18 Millionen Tieren im Jahr in Deutschland aus. Die Vogelschutzwarten der Bundesländer wiederum schätzen, dass in Deutschland mehr als zehn Millionen Vögel an Glasscheiben verenden. Die genaue Zahl kenne keiner, sagt Wolfgang Wagner. „Es ist aber auf jeden Fall eine höhere Millionenzahl.“

Als „hoch riskant“ für Vögel gelten Bauwerke mit transparenten Durchsichten – vor allem, wenn sie in einer Gegend mit vielen Bäumen und Sträuchern stehen. Beides trifft auf die Feierhalle auf dem Birkacher Friedhof zu. Das Amt für Umweltschutz vermutet, dass dort besonders geschützte Vogelarten nisten und herumflattern. Paragraf 44 des Bundesnaturschutzgesetzes verbietet das Töten oder Verletzen aller wild lebenden Tiere der besonders geschützten Arten, zu ihnen gehören die einheimischen Vogelarten.

Experten sollen die Vogelwelt begutachten

Für die Feierhalle muss das Friedhofsamt nun eine Tierökologische Untersuchung in Auftrag geben. Experten werden nun die Vogelwelt auf dem Birkacher Friedhof in Augenschein nehmen. Sollte sich herausstellen, dass die Scheiben eine Todesfalle darstellen, muss die Stadt handeln.

Die Flatterbänder würden dann langfristig von einer anderen, hübscheren Lösung abgelöst werden. Denkbar wären Vogelsilhouetten. Es gibt aber auch charmantere Lösungen, die weniger an Bushaltestellen erinnern. Wolfgang Wagner vom Amt für Umweltschutz berichtet von Holzklöppeln, die in der Wilhelma wegen eines hohen Vogelschlags am Glas baumeln.

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