Eine Maultaschenmauer soll Berliner und Schwaben trennen Foto: FS

Den Blick lassen wir heute zu den Emigranten schweifen. In Berlin wird es den Schwaben ja schwer gemacht, Kultur und Lebensart zu verbreiten. Die Eingeborenen beharren auf ihren Eigenheiten. Nun bekennen die Exilanten Farbe und fordern einen eigenen Bezirk: Schwabylon.

Stuttgart - Den Blick lassen wir heute zu den Emigranten schweifen. In Berlin wird es den Schwaben ja schwer gemacht, Kultur und Lebensart zu verbreiten. Die Eingeborenen beharren auf ihren Eigenheiten. Nun bekennen die Exilanten Farbe und fordern einen eigenen Bezirk: Schwabylon.

So weit ist es gekommen. Nachdem die Schwaben am Prenzlauer Berg immer wieder geschmäht werden, hat sich nun eine Guerilla gegründet. Free Schwabylon hat in einem Manifest „die autoritäre Berliner Minderheit“ aufgefordert, Schwabylon unverzüglich zu verlassen. Man werde nun damit beginnen, eine Mauer aus Maultaschen um das schwabylonische Bezirksgebiet zu errichten. Diese Maultaschenmauer sei kein „Antiberliner Schutzwall“, sie markiere die schwäbische Enklave. „In den Mauern Schwabylons muss niemand unter menschenunwürdigen Bedingungen bei Lebensmitteldiscountern arbeiten. Biomärkte werden die Stätten schwäbischen Selbstbewusstseins sein.“ In Berlin werden selbst Schwaben zu Rebellen. Da staunt man in der Heimat und fragt sich: Habt Ihr trotz Revolte noch Zeit für die Kehrwoche?

„I bin en Berliner“

Natürlich ist der Aufstand sauber ­durchgeplant. Im Dreischritt schreitet er voran. Wie das Spätzleschaben. Erst ­rühren, also „agitieren und rekrutieren“, dann schaben, also „kämpfen und verdrängen der Berliner Minderheit“ und schließlich schöpfen, also Gründen eines ­autonomen schwäbischen Bezirks. Wie überhaupt die Spätzle vielseitig Verwendung findet. Nicht nur als Sinnbild, ­sondern auch als Waffen. Sollten die ­Berliner nicht weichen, werde man den Kiez mit einer ein Zentimeter dicken Schicht Spätzle überziehen. Ein Aktivist sagte, man habe bereits gerechnet: Die Materialkosten würden sich nach ­Biopreisen auf 170 000 Euro belaufen. Geschabt werde ehrenamtlich. Und er schließt mit den Worten: „Wir schaben, weil wir es haben.“

Unterstützung kommt auch aus den ­ursprünglichen Siedlungsgebieten. Steffi Oeben aus Wendlingen besitzt eine ­Werbeagentur und war über die Schmierereien an der Rykestraße in Berlin so entsetzt, dass sie etwas tun wollte. Dumpfbacken hatten an eine Hauswand nahe der jüdischen Synagoge gesprüht: „Kauft nicht bei Schwab’n!“ „Dümmer geht’s nicht“, dachte sich Oeben und will den Landsleuten ihre Solidarität versichern. Sie entwarf Anstecker. Mit drei Motiven. Nummer eins zeigt einen Berliner, also den mit Marmelade gefüllten, mit dem Slogan: „I bin en Berliner“. Dann vereinen sich Currywurst und Brezel, und das Trio komplettiert ein Button, der den Träger als „Experten in Sachen ­Kehrwoche“ ausweist. Die Buttons gibt es in Berlin in Feinkost-Läden, wo, Sie ­ahnen es, natürlich Schwäbisches ­verkauft wird. Auch die Macher des ­Theaterstücks „Schwabenhatz“ werden es unter die Leute bringen. Das Stück tourt derzeit durch Berlin. Geschrieben hat es der Emigrant Felix Huby, Wahl- Berliner mit Stuttgarter Wurzeln. Darin stellen die Schauspieler die Macken und Mödele von Berliner und Schwaben dar. Übrigens ein Stück, das der Erziehung dient. Vor der Erstaufführung ­beschimpfte ein zorniger Anrufer den Regisseur Achim Ruppel. Der Mann war einer jener Sprayer, der „Schwaben raus“ gesprüht hatte. Getreu Ruppels Motto „Hassen dürft ihr uns, aber zuerst wird g’veschpert“, gestaltet der Anrufer nun das Bühnenbild von “Schwabenhatz“. Tja Berlin, so sieht Toleranz aus. Auch die Schauspielerin Susanne Theil darf mit auf die Bühne – sie ist Badenerin.