Finanzbürgermeister Thomas Fuhrmann hatte das Bauvorhaben der Stuttgarter Straßenbahnen AG (SSB) als „De-luxe-Gebäude“ bezeichnet. Doch warum ist das Projekt der städtischen Tochter mit 230 Millionen Euro so teuer geworden?
Der Landeshauptstadt, die seit 2018 schuldenfrei ist, droht im Jahr 2028 der Finanzkollaps. Denn rund 3,4 Milliarden Euro Schulden würde sie bei planmäßiger Abarbeitung aller Investitionsvorhaben in den kommenden fünf Jahren ansammeln. Das Regierungspräsidium schlug Alarm und forderte die Stadt auf, dieser Entwicklung massiv gegenzusteuern. Entweder Stuttgart speckt seine Investitionsliste ab oder erhöht seine Einnahmen. Sprich: Steuern erhöhen und den Bürger verstärkt zur Kasse bitten.
Als Finanzbürgermeister Thomas Fuhrmann Ende Juni den Verwaltungsausschuss über die prekäre Lage informierte, konnte sich Stuttgarts oberster Kassenwart einen Seitenhieb an die Stadträtinnen und Stadträte nicht verkneifen. Bei all den vielen großen und kleinen Investitionen müsse natürlich der Grundsatz „Pflicht vor Kür“ gelten. Doch „muss es dabei immer die De-luxe-Version sein“, hinterfragte Fuhrmann neben dem Hallenbad in Zuffenhausen auch den künftigen Betriebshof der Stuttgarter Straßenbahnen AG, der in den kommenden Jahren in Ditzingen-Ost gebaut werden soll. „Er wird sicher der schönste – aber auch der teuerste in Europa“, so Fuhrmann.
Kosten liegen bei 230 Millionen Euro
Doch hat der Gemeinderat der städtischen Tochter tatsächlich ein Gebäude „de luxe“ genehmigt? Lagen die ersten Schätzungen der SSB-Verantwortlichen 2018 noch bei rund 70 Millionen Euro, so werden wohl nach Inbetriebnahme des Betriebshofs im Jahr 2030 gut 230 Millionen Euro auf dem Preisschild stehen.
Damit ist der Betriebshof sicher eines der teuersten Projekte in der Geschichte der Stuttgarter Straßenbahnen, für Chefplaner Volker Christiani dennoch „kein Gebäude de luxe“. Zumal die vor sechs Jahren erhobenen Zahlen auf Grundlage von vorhergehenden Projekte entstanden und eigentlich zu keinem Zeitpunkt zu halten und eher unrealistisch gewesen seien.
Betriebshof Remseck kostete 70 Millionen Mark
Als Beispiel nennt Christiani den Betriebshof in Remseck-Aldingen, der kurz nach der Eröffnung der U 14 im Jahr 2000 eingeweiht wurde. Die gut 200 Meter lange und 40 Meter breite Halle bietet Platz für 40 Züge, verfügt über eine zweigleisige Betriebswerkstatt mit vier Bearbeitungsplätzen und eine 88 Meter lange eingleisige Waschhalle. Dazu kommt noch ein Stellwerk mit einer Kanzel in neun Meter Höhe, aus der der Überblick über die gesamte Anlage gewährleistet ist. Die Kosten: rund 70 Millionen Mark.
„Berücksichtigt man sämtliche Steigerungen in allen für den Bau relevanten Bereichen von damals bis 2023, so würde der Betriebshof Remseck-Aldingen heute 100 Millionen Euro kosten“, so der SSB-Chefplaner. Allerdings ohne die umwelt- und klimarelevanten baulichen Ansprüche, die man heute für solch einen gewaltigen Eingriff in ein Landschaftsschutzgebiet vorweisen müsse.
Energiezentrale für Nahwärmenetz
„Unser vierter Betriebshof ist ein in allen Bereichen sehr anspruchsvolles Bauvorhaben und nicht mit den drei anderen zu vergleichen“, sagt Volker Christiani. Geothermieanlage im Außenbereich, Abwasserwärmetauscher und nicht zuletzt die 4300 Quadratmeter große Photovoltaikanlage, die aus 2150 Modulen besteht, seien zwar zeitgemäß und richtig, haben allerdings ihren Preis. „Den größten Batzen machen jedoch die brutalen Baupreissteigerungen aus“, so Christiani. Die hätten sich in den vergangenen acht Jahren mit 53 Prozent mehr als verdoppelt. Außerdem müsse man auch in den kommenden Jahren bis zum Baubeginn mit weiteren Preissteigerungen rechnen, für die bereits ein Zuschlag in der Bausumme enthalten sei.
Flächensparendes Bauen ist teuer
Was ebenfalls viel Geld kostet, ist das „flächensparende Bauen“. Von Anfang war es die Vorgabe, sich nicht auf einer grünen Wiese „großzügig auszutoben“. Im Gegenteil, so wenig landwirtschaftliche Flächen wie möglich in Anspruch nehmen, lautete die Maxime. „Das ist uns gelungen, war aber aufwendig und teuer“, so der SSB-Chefplaner. So kostet allein das komplexe Gleis- und Weichenfeld vor der Einfahrt in den Betriebshof rund 3,2 Millionen Euro.
Doch auch beim gut 210 Millionen Euro teuren Trassenbau von Weilimdorf über Hausen bis nach Ditzingen haben sich die SSB-Planer bewusst für die teurere Lösung entschieden. „Nach der Haltestelle Rastatter Straße werden wir aus der Bestandsstrecke der U 6 ausschleifen und runter auf die B 295 eine neue Brücke bauen“, so Christiani. So ein Bauwerk ist sehr teuer. Doch nur so könne die Trasse südlich entlang der Bundesstraße rund 1,2 Kilometer bis zur ersten Haltestelle vor der Kreuzung Flachter Straße/Gerlinger Straße/B 295 verlaufen. „Die oberirdische Lösung wäre einfacher und vor allem sehr viel billiger gewesen“, sagt der Chefplaner. Allerdings hätte dort der Gleisbau mehr Felder und Äcker in Anspruch genommen. Die vielen Weilimdorfer Landwirte und Kleingärtner seien deshalb sehr dankbar über die teure Trassenvariante gewesen.
Kostenposten des SSB-Betriebshofs
Landschaftsschutz
Allein die Stützwand zur flächensparenden Einpassung ins Gelände kostet rund 5,3 Millionen Euro.
Photovoltaik
Die 4300 Quadratmeter große Photovoltaikanlage, die aus 2150 Modulen besteht, schlägt mit 3,6 Millionen Euro zu Buche.
Größeres Dach
Es wird statt 13 500 jetzt 21 000 Quadratmeter groß und kostet 6,3 Millionen mehr.
Regenrückhaltung
Unter anderem sind Wasserbecken und Rigolen (unter der Erdoberfläche angeordneter Pufferspeicher, der eingeleitetes Regenwasser aufnehmen kann) geplant. Die Kosten: 1,2 Millionen Euro.
Brandschutz
Die Anforderungen an den Brandschutz sind gewachsen und kosten fast zwei Millionen Euro.
Flächenerwerb
Für den Bau des Betriebshofs muss für rund eine Million Euro Gelände gekauft werden.
Gleis- und Weichenfeld
Die Gleiskonfiguration vor dem Betriebshof kostet 3,2 Millionen Euro.
Sonstiges
Rund 11,7 Millionen Euro sind hier fällig. Unter anderem bauen die SSB eine größere Halle (47 statt 40 Stellplätze) und müssen zudem einen riesigen Löschwassertank aufgrund geringen Wasseranschlusses einbauen. Der geforderte Hügel südlich des Geländes als öffentliche Fläche sowie die Geothermie treiben den Baupreis ebenfalls in die Höhe.