Der Asemwald ist eine Hochhaussiedlung, die zu Stuttgart-Plieningen gehört. Foto: Caroline Holowiecki

Seit 1972 gibt es das kleine Ladenzentrum in der Hochhaus-Wohnstadt Stuttgart-Asemwald. Der Standort hat seither einige Wechsel gesehen, doch manche Geschäfte gibt es seit vielen, vielen Jahren. Was ist deren Geheimnis?

Asemwald - Wolfgang Kundt kennt jeden, und jeder kennt Wolfgang Kundt. Der 68-Jährige macht nur einen Schritt aus der Haustür und wird schon angesprochen. Hier ein Hallo, dort ein Plausch. Seit 1975 lebt er im Asemwald, also nahezu seit dem Beginn. Zudem ist er Mitglied des Verwaltungsbeirats. Da lernt man so manchen kennen. Und sieht, wer kommt, wer bleibt und wer wieder geht.

Jüngst ist einer gekommen: der nagelneue Supermarkt, ein Edeka Xpress. Rund 8000 Artikel auf 550 komplett renovierten Quadratmetern. Der Laden hat Ende 2018 eröffnet, nachdem der Konzern seine Discounter-Schiene Treff 3000 eingestampft hatte. Auch im Asemwald hatte seit 2000 ein Treff firmiert. Zuvor ein Allfrisch, liest man in der Stadtteil-Zeitschrift, und wieder zuvor, seit der Eröffnung des Ladenzentrums 1972, ein Nanz.

Es gibt sogar einen Eissport-Fachhandel

Schon während der Bauzeit hatte Nanz die Arbeiter über eine Verkaufsbaracke versorgt. „Damit Sie sich mehr leisten können“, so hatte der Markt 1973 geworben. Omo-Waschmittel im Drei-Kilo-Pack kostete 7,98 D-Mark im Angebot, die Cannstatter Spätzle 98 Pfennig. „Da gab es alles, was wir so gebraucht haben“, erinnert sich Wolfgang Kundt. Auch heute gibt es im Asemwald vieles, was man so braucht. Einen Sanitärbetrieb, einen Eissport-Fachhandel, eine Beratungsstelle der Diakonie, Praxen, ein Fitnessstudio samt Bistro und Solarium und mehr. Wolfgang Kundt weiß zu jedem Eckle etwas zu berichten. Ehemals standen mitten auf der Ladenstraße Telefonzellen. Wo jetzt ein Raumausstatter firmiert, war bis vor einigen Jahren ein Blumenladen.

Der Handel hat an etlichen Stellen Dienstleistern Platz gemacht. Im heutigen Fußpflegesalon etwa wurde ehemals Mode verkauft. So mancher Dame sei die Anprobe daheim ermöglicht worden, erinnert sich Wolfgang Kundt, „das war ein Service. Da waren die Asemwälder sicher verwöhnt“. Auch Wäsche wurde feilgeboten. An der Stelle gibt es heute Thai-Massagen. „Es sind so viele rein und raus“, sagt er. „Die, die hier waren und kaputtgegangen sind, sind weg, weil doch zu wenige Kunden gekommen sind.“ Und die Bank hat vor Kurzem ihren Schalterbetrieb aufgegeben und auf Automaten umgestellt. Älteren – im Asemwald liege das Durchschnittsalter bei 68 – bereitet das allerdings Probleme, weiß Wolfgang Kundt.

Einige Urgesteine sind geblieben

Doch es gibt auch erstaunlich viele Konstanten. Seit 1974 verkauft das Unternehmen Veit Backwaren, vor wenigen Jahren wurde der Verkaufsraum um ein Café erweitert, das auch am Wochenende öffnet. Laut Wolfgang Kundt wird das Angebot „extrem gut“ angenommen. Sonntags müsse man sich sputen, um den Lieblingskuchen zu bekommen. Auch Ekaterini „Katarina“ Anastasiadou gehört zum Inventar. Ihr Vater hatte Anfang der 2000er Jahre in den Räumen der ehemaligen Stuttgarter Bank sein Feinkostlädle eröffnet, seit 2015 ist die 55-jährige Tochter am Drücker. „Meine Kunden kenne ich, mit vielen bin ich per du. Es ist ein kleines Dorf.“

Asemwald-Urgesteine sind die Eheleute Winter, die den Friseurladen betreiben. Er, Ralph (58), hat 1979 seine Ausbildung in dem Salon begonnen, der damals unter dem Namen Overmann lief, sie, Jeannette (53), kam 1982 als Lehrling dazu. Erst kam 1990 die Geschäftsübernahme, dann die Liebe, dann die Heirat, und heute stellt Ralph Winter klar: „Da wir seit 40 Jahren da sind, kennen wir den ganzen Asemwald.“ Teilweise kämen schon die Urenkel zum Haareschneiden, „das ist das Nette“. Er sagt aber auch: 50 Prozent der Kunden seien von außerhalb. Bei ihm, aber auch bei den Kollegen, „sonst könnten sich die Geschäfte nicht halten“.

Ein Metzger und eine Apotheke fehlen

Ralph Winter lobt das Ladenzentrum. Vor allem der neue Supermarkt und das Bäcker-Café hätten es aufgewertet. Der Wunsch nach einer Apotheke komme immer wieder auf, doch ohne Ärzte rentiere sich das nicht, außerdem kompensiere ein Medizin-Bringdienst aus Birkach das Fehlen. Wolfgang Kundt vermisst nach eigener Aussage nichts. Oder doch? „Der Nanz hatte früher eine richtige Wursttheke“, fällt ihm ein. Sein Nachbar Eberhard Walliser sieht es genauso. Es mangele an einem „gescheiter Metzger“. Was regelmäßig fehlt, sind zudem die Einkaufswagen des Supermarkts. Viele Kunden fahren die Einkäufe bis vor die Wohnung, den Wagen aber nicht zurück. Immerhin ist das ein Zeichen: Der Markt wird rege genutzt. Der Verwaltungsbeirat ermuntere alle, vor Ort zu kaufen, sagt Wolfgang Kundt, „im Großen und Ganzen funktioniert das“.

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