Eine gute Tiermama: Evelin Hafner wollte schon immer Hühner haben. Foto: Caroline Holowiecki

Im Garten der Familie Hafner in der Hochhäuser-Wohnstadt Stuttgart-Asemwald leben Hühner, aber nicht irgendwelche. Die 16-jährige Evelin hat sie aus schlechter Haltung gerettet. Um ihre Mutter von der Idee zu überzeugen, musste die 16-Jährige Schnecken ins Spiel bringen.

Asemwald - Lilly und Schneeflocke sind Angsthasen. Von Batman könnten sie sich eine Scheibe abschneiden. Sie – Batman ist weiblich – kommt herbeigerannt, wenn Besuch kommt, und nimmt nicht selten unverblümt auf dessen Schoß Platz. Biggie hat sich ihren Namen durch ihre rundlichen Formen verdient. Weißbrust ist die Neue, aber hat sich schon bestens integriert. Superman, die Ranghöchste in der Clique, ist manchmal eine echte Zicke. Und Peter? Der ist als einziger Mann natürlich der Boss. Evelin Hafner kennt ihre Hühner gut. Jedes hat eine eigene Persönlichkeit. Unaufgeregt nehmen einige das Gras unter dem Gartentisch unter die Lupe, picken zwischen den Füßen der 16-Jährigen, andere nehmen ein Sandbad oder gehen im Gebüsch auf Expedition. Peter beobachtet alles mit geschwellter weißer Brust, während ihm sein feuerroter Kamm lässig übers Auge hängt.

Dabei sah der Hahn vor einem Jahr noch erbärmlich aus. Mager war er, die gerupften Federn waren rosa. Möglicherweise enthielt sein Futter einen Farbstoff, glaubt die Familie. Auch um die Hennen stand es nicht gut. Weißbrust etwa hat ihren Namen nicht von ungefähr. „Sie hatte vorne fast keine Federn“, sagt Evelin Hafner. Ihre Hühner sind ausgediente Legehennen. Die meisten stammen aus der Boden-Massentierhaltung. Der Verein „Rettet das Huhn“ holt bundesweit Tiere wie Batman, Lilly und Co. aus Ställen und vermittelt sie an Privatleute, Schutzvertrag inklusive. Jörg Berle aus Ludwigsburg koordiniert seit rund vier Jahren die Tätigkeit in Baden-Württemberg. Etwa 2500 Hühner hat er seither vermittelt. Tendenz: steigend. „Lebensmittelskandale tragen dazu bei, dass die Menschen sehr sensibel sind“, sagt er. Immer mehr Menschen setzten daher aufs Ei aus dem eigenen Garten.

Die Szenen im Massenstall sind schockierend

Bei Evelin Hafner sind die Eier Nebensache. „Ich wollte immer Hühner. Ich finde sie richtig niedlich“, sagt sie. Mit zwölf konfrontierte sie ihre Eltern erstmals damit, dass sie Vögel haben wollte – die zeigten ihr zunächst den Vogel. Drei Kinder und ein Hund in einer Wohnung in der Hochhäuser-Wohnstadt Asemwald, und dann ausgerechnet Hühner. Doch schließlich überzeugte Evelin ihre Mutter mit einer besonderen Eigenschaft der Federviecher: Schnecken sind ihre Leibspeise.

Dreimal haben die Hafners in drei Jahren über „Rettet das Huhn“ Hennen zu sich geholt. Evelin Hafner berichtet von schockierenden Szenen in einem Massenstall. „Es war stockdunkel und hat gestunken. Die Hühner waren halbnackt. Man hört so was immer, aber wenn man es selbst sieht, ist es richtig schlimm“, sagt sie Schülerin. Der Gockel: ein Zufallsfund zwischen Hennen. Die Familie beschloss spontan, ihn auch mitzunehmen, denn Evelin Hafner weiß: „Hähne will keiner haben, weil sie krähen.“ Im großen Garten der Hafners zeigt Peter aber, was er draufhat. Mit dem Habicht, der sich in der Vergangenheit zwei Hühner geholt hat, gibt es seither keinen Stress mehr. Übernachten dürfen die sieben im leer geräumten Gartenhaus, tagsüber haben sie Freigang. Im Asemwald hat die braun-weiße Schar schon echte Fans. Viele kommen mit Brot vorbei.

Bald legen die Hühner keine Eier mehr

Zum Dank für das Leben in Freiheit gibt es täglich vier Eier. Lang wird das aber nicht mehr so bleiben. Jörg Berle erklärt, dass Hochleistungshennen schon mit zwölf bis 18 Monaten einen Großteil ihrer Legequalität einbüßen. „Für den Bauern ist es dann nicht mehr wirtschaftlich“, sagt er. Endstation: Suppentopf, „oft macht man aus den Hennen aber Tierfutter, an denen ist ja nichts dran“, weiß er. Hier setzt „Rettet das Huhn“ an. In der Regel überlassen die Landwirte dem Verein die ausgedienten Hühner unentgeltlich, um sich die Transportkosten zum Schlachter zu sparen. Den Hafners ist klar: Die Hennen und ihr Hahn im Korb dürfen im Asemwald ihren Lebensabend verbringen – Eier hin oder her. Und Hühnchen kommt in der Familie schon lang nicht mehr auf den Tisch.

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