Wer und wie viele leiden in Stuttgart unter Einsamkeit? Eine neue Untersuchung des Statistischen Amtes schlüsselt auf, welche Faktoren diese Gefühlslage verstärken.
Einsamkeit macht die meisten Menschen nicht nur unglücklich, sie macht auch krank. Nur: Wer und wie viele leiden in Stuttgart unter Einsamkeit? Laut einer Untersuchung des Statistischen Amtes der Stadt fühlen sich zwischen „drei und vier Prozent der volljährigen Stuttgarterinnen und Stuttgarter einsam“. Das sind immerhin etwa 20 000. Mit der Dunkelziffer könnten es noch mehr sein. Besonders betroffen davon sind Menschen mit Migrationshintergrund, aber auch wer eine schlechte Gesundheit hat oder ein geringes Einkommen, ist häufiger einsam und unglücklich. Das Alter ist dafür dagegen weniger wichtig als erwartet.
Depression, Demenz und Kreislauferkrankungen
Die Folgen chronischer Einsamkeit sind empirisch belegt, die Gefahr für psychische und körperliche Erkrankungen wie Depressionen, Demenz, Herz-Kreislauf-Erkrankungen bis hin zu einer verringerten Lebenserwartung wächst. Krankheit ist aber nicht nur eine Folge, ein schlechter Gesundheitszustand ist oft in ganz besonderem Maße auch eine Ursache für Einsamkeit. So gehören Menschen mit einem sehr guten körperlichen Befinden nur in 0,5 Prozent der Fälle zum Kreis der einsamen Personen. „Mit schwindender allgemeiner Gesundheit steigt diese Wahrscheinlichkeit jedoch signifikant an“, haben Stuttgarts Statistiker ermittelt. Menschen, die einen sehr schlechten Gesundheitszustand vorweisen, gehören danach mit einer Wahrscheinlichkeit von sogar rund 30 Prozent zu dieser Gruppe. Dafür gibt es auch eine ganz einfache Erklärung: Gesundheitliche Probleme schränken die Betroffenen sehr ein und erschweren eine Beteiligung am sozialen Leben.
Ein geringes Einkommen isoliert
Das gilt auch für Armut. Ein geringes oder sehr geringes Einkommen erhöht laut den Statistikern stark die Wahrscheinlichkeit, dass man sich unglücklich und einsam fühlt. Bei Personen mit hohem Einkommen liegt diese Wahrscheinlich dagegen deutlich unter einem Prozent. Denn geringe Einkünfte hätten nicht nur „Auswirkungen auf die Anzahl sozialer Kontakte. Niedrige Einkommen begrenzen auch die Möglichkeiten am gesellschaftlichen Leben in der Stadt teilzuhaben.“ Das mittlere Einkommen der Personen, die angeben, sich eher unglücklich zu fühlen, liege monatlich zwischen 1438 und 1815 Euro, die Referenzgruppe weise dagegen im Schnitt ein Haushaltsnettoeinkommen zwischen 2475 und 2571 Euro auf.
Verlust von Heimat und Beziehungen
Häufiger an Einsamkeit leiden laut dem Amt auch Menschen mit einem Migrationshintergrund. Erklären lässt sich dies damit, dass Migration stets mit dem Verlust von sozialen Beziehungen einhergehe. „In der neuen Heimat begegnen den Emigrierten dann Barrieren und Erschwernisse, die sowohl dem Aufbau von neuen sozialen Beziehungen als auch der Entwicklung eines Gefühls von Eingebundenheit entgegenstehen“. Zudem lasse sich beobachten, dass Menschen mit eigener oder familiärer Migrationserfahrung „häufig in zwei Welten leben“.
Entsprechend liege der Anteil dieser gesellschaftlichen Gruppe, die alleine sind und sich als unglücklich bezeichnen, „bei rund sechs Prozent. Für Menschen ohne Migrationshintergrund trifft dies nur in drei Prozent der Fälle zu“, heißt es dazu.
Alter weniger wichtig als erwartet
Als gewichtige Ursache für Einsamkeit betrachtet man gemeinhin das Alter. Schließlich treten im fortgeschrittenen Alter häufiger gesundheitliche Probleme auf, Mobilität und Kommunikationsfähigkeit sind oft eingeschränkt. Und je älter, desto größer ist auch die Wahrscheinlichkeit, dass der Partner oder die Partnerin und auch Freunde schon tot sind und man alleine ist, dass die Kinder längst aus dem Haus sind. Allerdings sei diese Ursache für ein Gefühl von Einsamkeit weit weniger prägend als erwartet. Das mittlere Alter der Betroffenen liege zwischen 53 und 60 Jahren.
Frauen nur wenig einsamer als Männer
Auch der Geschlechtereffekt, dass etwa Frauen deutlich häufiger als Männer über Einsamkeit klagen, wie dies manche Studien herausstellen, konnten die Stuttgarter Statistiker so nicht erkennen. Unter Einsamkeit leiden danach rund drei Prozent der Männer und etwa vier Prozent der Frauen. Auch ob man alleine lebt oder in einem Mehrpersonenhaushalt, scheint für diese Gefühlslage nicht entscheidend zu sein. Die Auswertung des Statistischen Amtes ergab danach, dass rund drei Prozent der Menschen, die mit mehreren anderen in einem Haushalt zusammenleben, dennoch einsam sind, unter den Singles seien es rund vier Prozent. Auch ob eine Person erwerbstätig ist oder nicht, habe keinen signifikanten Einfluss darauf, ob diese sich einsam fühlt oder nicht.
Niederschwellige Angebote für vereinsamte Menschen
Methode
Einsamkeit zu messen sei eine „anspruchsvolle Aufgabe“, räumt das Statistische Amt ein. Auf der Grundlage der Stuttgart-Umfrage vom Frühjahr 2021 hat man es trotzdem versucht. Danach gilt als einsam, wer sich maximal einmal im Monat mit Freunden, Verwandten oder privat mit Arbeitskollegen trifft, wer weniger als vier Menschen hat, mit denen er oder sie vertraulich sprechen kann, und wer sich als eher unglücklich bezeichnet.
Kampagne
„Gemeinsam – ZusammenHalt finden“ heißt die Kampagne der Stadt, die Menschen für die Situation ihrer Nachbarn, Freunde und Familienmitglieder sensibilisieren sowie der eigenen Einsamkeit vorbeugen soll.
Information
Die Kampagne setzt auf einer breiten Beteiligung vieler sozialer Institutionen und städtischer Ämter, die mit niederschwelligen Angeboten die Menschen willkommen heißen, sie beraten oder unterstützen. Die Angebote finden sich im Internet unter der Adresse www.stuttgart.de/gemeinsam. ury