So prachtvoll sah der Ballsaal der Villa Berg um 1880 aus. Foto: StN

Werden in der Villa Berg wie einst wieder Künstler auftreten? Am 23. Mai, kurz vor der Wahl, entscheidet Stuttgarts Gemeinderat über die Zukunft des Kleinods. Wir blicken auf den vergoldeten Ballsaal, auf Radiokonzerte und den Verfall zurück.

Stuttgart - „Allein gegen alle“ – so hieß es, wenn der legendäre Hans Rosenthal das in den 1960er und 1970er Jahren beliebte Radiospiel quer durch die Bundesrepublik moderierte. Ein Hörer oder eine Hörerin trat gegen eine Stadt an. War Stuttgart beim Ratewettkampf dran, ging es in die Villa Berg – in den „Großen Sendesaal“, wie man den ehemalige Ballsaal, den Kronprinz Karl und seiner Frau Olga im 19. Jahrhundert zum Walzertanz mit Gästen nutzten, damals nannte.

Im Facebook-Forum unseres Stuttgart-Album erinnern sich Kommentatoren gern an Konzerte, die sie in der einstigen Sommerresidenz des Kronprinzenpaars erlebt haben. Sabine Weinroth war 1977 vom Auftritt von Dunja Rajter begeistert. Dirk Wein besuchte hier 1999 das Geburtskonzert der Fantastischen Vier, die ihr Zehnjähriges feierten, und Regine Hugendubel freut sich noch immer, wie die damalige SDR Big Band das alterehrwürdige Gemäuer erbeben ließ.

Wird in einigen Jahren, wenn die Sanierung und der Anbau zum Preis von geplanten 62,6 Millionen Euro beendet ist, die Villa Berg als „Haus der Musik und Kultur“ ihrem historischen Erbe gerecht? Am 23. Mai, drei Tage vor der Kommunalwahl, will der Stuttgarter Gemeinderat darüber entscheiden.

2016 erklärt OB Kuhn die Villa Berg zur Chefsache

Die Geschichte dieses Kleinods ist eine Geschichte der Irrtümer, der Geldgeschäfte und eines starken Bürgerwillens. Das heruntergekommene Baudenkmal war nach der Insolvenz der Häussler-Gruppe, die 2007 Villa und Studios vom SWR übernommen hatte, mit Düsseldorfer Investment-Besitzern zum Objekt der Spekulation geworden. Die Initiative Occupy Villa Berg trat an, um einen „öffentlichen Raum“ für die Bürger zurückzuerobern. 2016 erklärte OB Fritz Kuhn das architektonische Schmuckstück, das auf verschlungenen Wegen zum zweiten Mal in seiner Historie in den Besitz der Stadt gekommen ist, zur Chefsache.

Wo einst im vergoldeten Ballsaal Kronleuchter strahlten und französische Kamine knisterten, wurde der Boden wellig und Wände bröckelten. Im Internetforum unseres Stuttgart-Albums wird der Niedergang eifrig diskutiert. „Die Villa Berg steht für den schwierigen Umgang der Stadt Stuttgart mit ihrer Geschichte als königliche Residenzstadt“, schreibt User Andreas Betsch bei Facebook, „vieles aus dieser Zeit wurde unwiederbringlich ausgelöscht.“

Zu unserer Serie sind drei Bücher erschienen

Der russisches Zar Alexander kann nichts mehr posten. Er führte 1857 hier Friedensgespräche mit dem französischen Kaiser Napoleon. Nach dem Tod von Königin Olga erbte Herzogin Wera von Württemberg die Villa und lebte dort bis 1912. Deren Töchter verkauften 1915 das Gebäude samt Park für knapp drei Millionen Mark an die Stadt Stuttgart. Seit dieser Zeit war der Park frei zugänglich. Zunächst brachte man verwundete Soldaten in der Villa unter. Dann zog die Städtische Gemäldegalerie ein. Nach dem Krieg bekam der SDR das von Bomben schwer beschädigte Baudenkmal im Tausch für die Karlshöhe, die dem Sender gehörte.

Ohne Genehmigung ließ der SDR das Haus umbauen, was heute Denkmalschützern die Zornesröte ins Gesicht treibt. 2007 verkaufte der Sender das zur Last gewordene Gebäude an Investor Rudi Häussler. Damit begann der Kuhhandel mit Villa und Sendestudios. 2013 beschloss die Stadt, keine Änderung des Bebauungsplans für eine Wohnbebauung vorzunehmen. Vom Stolz der Königsfamilie zu einem lebendigen Ort fürs Volk – wird das Happy End gelingen?

Diskutieren Sie mit unter www.facebook.com/Album.Stuttgart. Zu unserer Serie sind drei Bücher erschienen, zuletzt „Das Beste aus dem Stuttgart-Album“ im Sutton-Verlag.

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