Stuttgart-Album zur Theatergeschichte Eine Interimsoper gab es schon früher

Von Uwe Bogen 

Interimstheater und Verschönerung von Orten der Kultur – was heute Streitpunkte sind, hat früher schon die Stuttgarter beschäftigt. Unser Stuttgart-Album zeigt Aufnahmen aus der großartigen Sammlung von Wolfgang Müller. Ein Blick in die Vergangenheit hilft, die Zukunft besser zu planen.

Stuttgart - Direkt am noch runden Anlagensee rumpelte die Straßenbahn vorbei. Sie kam von der Neckarstraße, der heutigen Willy-Brandt-Straße, und bog am Opernhaus ab, das ein Hoftheater war. Die Postkarte von 1912, die aus der großartigen Sammlung von Wolfgang Müller stammt, zeigt, dass es vor über hundert Jahren mehr Platz an der Rückseite des Littmann-Baus gab. Die Straße rückte mit ihrem Verkehr der Kulturstätte noch nicht so dicht, so lärmend, so schmutzig auf die Pelle. Den Begriff Kulturmeile kannten die Menschen damals nicht – aber Kultur hatte eine große Bedeutung. Theaterbesuche waren wichtig, als es keinen Fernseher, keine Kinos und kein Netflix gab.

Wo nach der Idee von Architekt Werner Sobek eine Brücke mit golden schimmernder Metallbeschichtung geschwungen enden könnte, waren Pferdekutschen und Straßenbahnen unterwegs. Den Landtag gab es zu den königlichen Zeiten freilich nicht. Dort, wo heute das Gebäude der Volksvertretung steht, befand sich das Interimstheater. Ausweichen in ein Paketpostamt musste das Opernensemble nicht, weil die Innenstadt noch nicht so verbaut war wie heute.

Am 20. Januar 1902 brennt das Alte Hoftheater lichterloh

Nicht zum ersten Mal in der Stuttgarter Theatergeschichte wird in unserer heutigen Zeit eine Ausweichbühne nötig. Am 20. Januar 1902 war das Alten Hoftheater, das an jener Stelle begeisterte, auf dem nun der goldene Hirsch über dem Kunstgebäude thront, nach einer Aufführung von „Die Meistersinger von Nürnberg“ in Brand geraten. Ursache soll ein elektrischer Kurzschluss gewesen sein. Der Stolz von König Wilhelm II. war nur noch eine Ruine. Die kann man heute noch besichtigen – nicht am Originalschauplatz, sondern am Rande der Schlossgartenanlagen zur B14 hin. Ein zusammengefügter zweistöckiger Arkadengang mit Treppen erinnert dort an höfische Pracht. Bei dem Brand wurden die Überreste des Lusthauses von 1593 freigelegt, auf dessen Kern das Hoftheater zurückging.

Interimstheater in neun Monaten gebaut

Der Theaterfreund vom nahen Schloss handelte rasch. In nur neun Monaten ließ König Wilhelm II. ein Interimstheater bauen – es wurde am 12. Oktober 1902 eröffnet, im Jahr des Brandes. Zehn Jahre lang war es die Heimat der Bühnenwelt. Dank des liberalen Regenten konnten in Stuttgart Stücke aufgeführt werden, die in Berlin wegen der restriktiven Zensur nicht erlaubt waren. Von 1909 bis 1912 entstand nach den Plänen von Max Littmann ein Doppeltheater mit Großem Haus (heute: Opernhaus) und Kleinem Haus (heute: Schauspielhaus). Der botanische Garten, von Wilhelm bereitgestellt, diente als Baugrund. Nach Eröffnung wurde die Interimsstätte abgerissen.

Zum Stuttgart-Album gibt es zwei Bücher im Silberburg-Verlag

Nach Ende der Monarchie 1918 wurde das Hoftheater zunächst in Württembergisches Landestheater umbenannt – heute ist es das Staatstheater. In der Geschichte der Oper steht nun eine weitere Zäsur bevor. Wann die Sanierung des denkmalgeschützten Littmann-Baus und der Umzug ins Paketpostamt beginnt, steht noch nicht fest. Eines jedenfalls ist klar: Stuttgarts starke Liebe zum Theater wird nicht heimatlos.

Wer Erinnerungen verschenken will: Im Silberburg-Verlag sind zwei Bücher zu unserer Serie „Stuttgart-Album“ mit Texten von Uwe Bogen erschienen. Diskutieren Sie mit unter www.facebook.com/Album.Stuttgart.

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