Das Schiff Dorothea Epple startet 1957 zur Jungfernfahrt. Rechts: Berta und Karl Epple. Foto: Zenz Engel

Stuttgarts weiße Flotte – bekannt als Neckarkäpt’n – wird 70 Jahre alt. Benannt ist sie nach Berta Epple, die mit ihrem Mann den Neckar öffnete für Rundfahrten. Wer war diese Frau?

Der Name klingt nach Sonntagsausflug, nach Kaffee an Deck und nach Kindheitserinnerungen: Berta Epple. Vor 70 Jahren begann mit der Gründung der Neckar-Personenschifffahrt ein Kapitel Stuttgarter Stadtgeschichte. Dahinter standen zwei gebürtige Stuttgarter mit Unternehmergeist: Berta Epple und Karl Epple. Heute wirbt die weiße Flotte, die auf das Ehepaar zurückgeht, mit dem Namen Neckarkäpt’n.

 

Berta Epple, geborene Steinle, kam 1906 in Gablenberg zur Welt. Die Eltern führten eine Gärtnerei. Alle Kinder mussten früh mit anpacken. Berta tat es mit Entschlossenheit – und Weitblick. In den 1920er Jahren gehörte sie zu den ersten Frauen in Stuttgart mit Führerschein. Sie belieferte Kunden motorisiert und übernahm bald die Buchhaltung des Betriebs. Das kaufmännische Rüstzeug für größere Aufgaben hatte sie damit früh erworben.

Karl Epple: Vom Kiesunternehmer zum Wiederaufbauhelfer

Über das Geschäft lernte sie Karl Epple kennen, den umtriebigen Kies- und Tiefbauunternehmer aus Bad Cannstatt. Sie war 13 Jahre jünger als er und für ihn seine zweite Ehefrau. 1933 heirateten die beiden. Karl Epple, bald nur noch „Kies-Epple“ genannt, baute sein Unternehmen zu einem bedeutenden Baustoffproduzenten aus. Kies, Sand, Transportbeton – der Bedarf wuchs rasant, besonders in den Jahren vor und nach dem Zweiten Weltkrieg.

Nach der Zerstörung des Firmensitzes 1944 stemmte die Familie mit ihren Beschäftigten den Wiederaufbau. Eine Trümmerverwertungsanlage recycelte mehr als die Hälfte der Stuttgarter Kriegstrümmer. Die Epples packten an mit großen Visionen in der Wirtschaftswunderzeit: In den 1950er Jahren arbeiteten rund 300 Menschen in den Epple-Betrieben.

1962 erhält die berühmte Berta Epple einen neuen Motor. Foto: Götz Schleith

Karl Epple gilt zudem als geistiger Vater des Max-Eyth-See, der 1935 zur Sport- und Badeanlage ausgebaut wurde – ein früher Beleg dafür, dass die Epples den Neckarraum nicht nur wirtschaftlich, sondern auch als Freizeitlandschaft dachten.

Der Traum vom Ausflugsschiff

Als der Neckar seit 1921 schrittweise zur Großschifffahrtsstraße ausgebaut wurde und Stuttgart Ende der 1950er Jahre dank Wangen Hafenstadt werden sollte, befuhren vor allem Frachtschiffe den Fluss. Für Berta und Karl Epple war das zu wenig. Sie wollten den Neckar für die Menschen öffnen.

An Wochenenden stellten sie Tische und Bänke auf die Decks ihrer Frachter und boten erste Ausflugsfahrten an. Der Zuspruch war enorm. Also bestellten sie zwei eigene Fahrgastschiffe bei einer Werft in Oberkassel bei Bonn und gründeten 1956 die „Neckar-Personen-Schiffahrt Berta Epple“ – damals noch mit zwei f geschrieben.

Taufe der Schwesterschiffe und Eröffnung des Stuttgarter Hafens

Am 7. März 1957 taufte Yvonne Klett, die Ehefrau des damaligen Oberbürgermeisters Arnulf Klett, die beiden ersten Schwesterschiffe „Dorothea Epple“ und „Stuttgart“. Wenige Wochen später, am 31. März 1958, eröffnete Bundespräsident Theodor Heuss den Stuttgarter Hafen – standesgemäß an Bord eines Epple-Schiffes.

Zwischen Stuttgart und Heilbronn entstanden mit Unterstützung zahlreicher Gemeinden 15 Anlegestellen, später wurden auch Esslingen und Plochingen einbezogen. Zeitweise umfasste die „weiße Flotte“ sieben Schiffe, darunter „Rosenstein“, „Wilhelma“ und „Lichtenstein“. Das Restaurantschiff „Lukullus“, seit 1962 fest vertäut, bot Platz für mehr als 2500 Gäste – bis es 1981 vollständig abbrannte.

Ein Foto aus den 1970ern. Foto: Archiv

Eines der bekanntesten Schiffe, die „MS Berta Epple“, wurde 2018 verkauft – und fährt noch heute als „Le Signac“ auf der Seine in Paris. Jens Caspar wollte dieses Traditionsschiff auf den Neckar zurückholen, was ihm jedoch nicht gelungen ist.

Berta Epple war eine Unternehmerin mit Durchsetzungskraft

Berta Epple verstand sich nie als Frau im Hintergrund. Sie war Geschäftspartnerin auf Augenhöhe, fuhr selbst Lastwagen zu Baustellen – sogar bis nach Brest in Frankreich –, organisierte Transporte, verhandelte Verträge. Zeitzeugen beschrieben sie als resolut, sozial engagiert und zugleich herzlich.

Nach dem Tod ihres Mannes 1961 führte sie die Geschäfte weiter. 1964 übernahm Sohn Fritz Epple die Geschäftsführung der Reederei. In den 1970er Jahren zählten die Schiffe rund 200.000 Passagiere jährlich – der Neckar als Ausflugsziel hatte sich etabliert.

Das Grab der Epples befindet sich auf dem Steigfriedhof in Bad Cannstatt.

Berta Epples Vermächtnis lebt auf dem Neckar weiter

Berta Epple selbst erlebte diese Hochphase nicht mehr. Sie starb 1965 im Alter von 59 Jahren während eines Erholungsaufenthaltes in Bad Ragaz an einem Blutsturz und wurde neben ihrem Mann auf dem Steigfriedhof in Bad Cannstatt beerdigt. Doch ihr Name blieb – auf dem Wasser und im kollektiven Gedächtnis der Stadt.

1997 übernahmen neue Eigentümer das Unternehmen und nannte es nun „Neckar-Käpt’n“. 2019 kehrte mit einem weiteren Inhaberwechsel der traditionsreiche Name zurück: Jens Caspar ließ die Gesellschaft als „Neckar-Personen-Schiffahrt Berta Epple“ (wieder nur mit zwei f) ins Handelsregister eingtragen.

Heute gehören Eventformate zum Konzept. Der Entertainer Michael Gaedt spricht die Bordansagen. Das Werbegesicht ist der Autor Heiko Volz, der als Neckarkäpt’n auf Plakaten und in der Werbung abgebildet ist. Seit Anfang 2025 haben die Investoren um Jens Caspar die Schiffe unterverpachtet. Bei den drei Firmen handelt es sich um die MS Weinkönigin mit Sitz in Ludwigsburg, die MS Wilhelma/Neckarflair und die MS Partyfloß mit Sitz jeweils in Stuttgart. Sie bereiten gerade Aktionen zum 70. Geburtstag vor. Einzelheiten werden in Kürze bekannt gegeben.

Stuttgarts Neckar: Lücke zwischen Plänen und Realität

Schon in den 1950er Jahren hieß es, Stuttgart mache zu wenig aus seinem Fluss. Daran hat sich erstaunlich wenig geändert. Zwar wurden immer wieder Masterpläne angekündigt, um dem Neckar mehr Aufenthaltsqualität zu geben und die Stadt mit ihrem Gewässer zu versöhnen. Doch zwischen ambitionierten Konzepten und erlebbarer Flusslandschaft klafft bis heute eine Lücke.

Die Neckar-Personenschifffahrt aber beweist seit 70 Jahren, dass der Fluss mehr ist als Transportweg und Randlage. Er ist Bühne, Aussichtspunkt, Disco, Erinnerungsraum. Und er trägt einen Namen, der für Mut, Unternehmergeist und schwäbische Beharrlichkeit steht: Berta Epple.