Die Liederhalle kurz nach der Eröffnung 1956. Das kulturelle und gesellschaftliche Leben der Stadt hatte einen neuen Mittelpunkt. Foto: Holtmann

Für Geiger Yehudi Menuhin war’s „der erste moderne Bau, der mit gefällt“. In 60 Jahren ist die neue Liederhalle den Stuttgartern ans Herz gewachsen. Zum runden Geburtstag bitten die Macher des Konzerthauses um Erinnerungen. Von Callas bis Zappa – die volle Breite der Kunst feierte hier Triumphe.

Stuttgart - Stuttgart zählt zu den ersten deutschen Großstädten, die nach dem Krieg ein neues Konzerthaus bauten. Dies gilt als das Verdienst des OB Arnulf Klett, der zu den eifrigsten Konzertbesuchern seines Berufsstandes gehörte. Auf dem Gelände der im Oktober 1943 von Kriegsbomben zerstörten alten Liederhalle hatten die Architekten Adolf Abel und Rolf Gutbrod ein Konzerthaus errichtet, das mehr als ein solches war. „Es ist auch ein Maschinenhaus“, schrieben damals die Stuttgarter Nachrichten.

Die technischen Raffinessen der Bühnen galten als revolutionär. Musiker lobten den „wunderbaren warmen Ton, vor allem im großen Saal“. Und auch heute noch schwärmen Künstler wie die Geigerin Anne-Sophie Mutter von der Akustik – sie hat in der Liederhalle ihre Karriere begonnen. OB Klett feiert das Haus 1956 als „Sieg über erstarrtes Altes“ und „Durchbruch zu neuen Zielen“.

Es ist die zweite Liederhalle. Vom ersten Konzerthaus, das 1863 bis 1864 auf Initiative des Stuttgarter Liederkranzes als „Gesellschaftshaus“ erbaut worden war, blieben nur einige Mauern übrig. Es war wiederum der Liederkranz, der mit einem Konzert in den Ruinen nach dem Krieg für eine neue Bühne trommelte. Das Eröffnungskonzert von Karl Münchingers Kammerorchester im Juli 1956 war „ein Hymnus an die neue Liederhalle“, wie in unserer Zeitung zu lesen war. Der Dirigent habe „auf Anhieb die Klangverhältnisse als wunderbar gelobt“.

Jimi Hendrix gab 1969 das erste Rockkonzert in der Liederhalle

Es sollte lang dauern, bis sich das Konzerthaus für Rock und Pop öffnete. Noch im bestuhlten Beethovensaal gab der Woodstock-Gitarrist Jimi Hendrix am 19. Januar 1969 zwei ausverkaufte Konzerte. StN-Kritiker Hans Fröhlich feierte ihn als „Dschungel-Nurejev“. Aber erst am 17. Januar 1983 verschwand die Bestuhlung bei einem Konzert - BAP rockte in die neue Ära hinein.

„Neben den Künstlern sind es vor allem unsere Besucher, die die Liederhalle mit ­Leben erfüllen“, sagt deren Leiter Norbert Hartmann. Zum 60. Geburtstag des Hauses hat er eine „Mitmachaktion“ gestartet und bittet um Anekdoten und Erinnerungen aus sechs Jahrzehnten. Manch eine Ehe, so ­vermutet er, ist hier gestiftet worden – bei den Proben für einen Chorauftritt oder beim Tanz auf dem Landespresseball. Bilder und Texte können gemailt werden an: ­ellen.schmid@liederhalle-stuttgart.de. Per Post gilt folgende Adresse: Kultur- und Kongresszentrum Liederhalle, Ellen Schmid, Berliner Platz 1–3, 70174 Stuttgart. Die Einsendungen sollen auf der Homepage der ­Liederhalle veröffentlicht werden.

Erster Ballettabend 1960 in der Liederhalle

Im Facebook-Forum unseres Geschichtsprojekts Stuttgart-Album erinnert Miche­line Faure-Pflanzl an das Ballett der Stuttgarter Staatsoper, das 1960 erstmals ein eigenes Programm in der Liederhalle präsentierte. Unter den Tänzerinnen war die Deutschgriechin Georgette Tsinguirides, die noch heute als Choreologin das Gedächtnis des Stuttgarter Balletts ist und im vergangenen Jahr das 70-Jahr-Dienstjubiläum gefeiert hat. Der Eintritt beim Ballettabend in der Liederhalle mit Musik der Stuttgarter Philharmoniker hat 2,50 bis 10 D-Mark gekostet. Gisela Salzer-Bothe erinnert sich: „Es gab die Prunkfestsitzungen der Zigeunerinsel, deren Mitglied ich damals war. Es gab die Überreichung des Buches ,Stuttgart‘ von OB Klett für alle Volljährigen (damals 21 Jahre alt). Ich erlebte dort die vielen Sportlerbälle sowie exzellente Konzerte von Ella Fitzgerald, Oscar Peterson, Harry James. Und ich tanzte mit meinem Vater zu noch richtigen Tanzorchestern wie Erwin Lehn.“

1991 wurde das Konzerthaus um den Kongressteil erweitert und heißt seitdem „Kultur- und Kongresszentrum Liederhalle“. Die Entstehungsgeschichte der umstrittenen Architektur des Anbaus ist mit einem der größten Bauskandale Stuttgarts verbunden. Der Auftrag wurde ohne Wettbewerb vergeben. Die Kosten stiegen gewaltig an, weil die Kontrolle der privaten Investoren versagte. Vermutlich von Mitte 2019 bis Mitte 2020 wird der neue Teil für die Sanierung und für einen besseren Brandschutz geschlossen.

Diskutieren Sie mit unter www.facebook.com/Album.Stuttgart. Vom Silberburg-Verlag gibt es zwei Bücher zu unserer Stadtgeschichtsserie.
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