Holländische Fans sind bei der Fußball-WM 2006 auf die Brunnen des Schlossplatzes geklettert – die sind nun mit Dixiklos zugebaut. Foto: Lichtgut/ /Leif Piechowski

Ein Foto von 2006 macht deutlich, warum in der EM-Fanzone die Brunnen des Schlossplatzes von Toilettenkabinen geschützt werden. Wir erinnern ans Fanklettern beim Sommermärchen der WM – und an die Historie des schönsten Stuttgarter Platzes.

Immer wieder liest man, der Schlossplatz gehöre zu den schönsten Plätzen in Europa. Beliebt bei Touristen ist es etwa, sich für Fotos vor die beiden 1863 errichteten Brunnen zu stellen, die mit Putten die wichtigen Flüsse Württembergs symbolisieren. Geht während der Fußball-EM gerade nicht. Da stehen nun etwa 40 Dixi-Klos ringförmig um die Baudenkmäler. Aufschrift der Türen, völlig korrekt: „Toilets, all genders“.

 

Aufschrift auf den Toilettenkabinen der Dixiklos rund um die Schlossplatzbrunnen. /ubo

Als die Springbrunnen zu Ehren des Geburtstags von König Wilhelm I. am 27. September 1863 erstellt worden sind, wussten die Menschen noch nichts vom Gendern und von Gendersternchen. Zunächst waren damals technische Probleme zu lösen. Für die in Wasseralfingen hergestellten Wasserschalen mussten Spezialwagen für den Transport auf der Bahnstrecke Stuttgart-Bad Cannstatt–Nördlingen konstruiert werden. Zu dicht beieinander stehende Pfeiler der Remstalbrücke in Schwäbisch Gmünd sind dafür extra abgerissen worden.

In Stuttgart wurde für die Durchfahrt durch das Königstor eines der beiden flankierenden Wachhäuschen abgetragen und nach der Passage der Brunnenschalen neu aufgebaut. Trotz dieser Widrigkeiten sind die beiden Springbrunnen termingerecht fertig geworden.

Die Brunnen sind von Dixiklos umzingelt. Foto: Lichtgut/Leif Piechowski

Verständlich bei solch historisch bedeutsamen Brunnen, dass die Aufregung bei der WM 2006 groß war, als holländische und britische Fans diese im Fußballrausch erklommen und lustige Wasserspiele beim Hochklettern veranstaltet haben. Denkmalschützer trauten ihre Augen nicht!

Das Sommermärchen von 2006 wirkt bis heute nach

Unser Fotograf Leif Piechowski, der damals schon im Einsatz war, hat in seinem Archiv Aufnahmen vom Brunnenfrevel gefunden. Das Sommermärchen, das wünschen sich viele, soll sich nun wiederholen – aber auf keinen Fall die tollkühne Brunnenakrobatik von Biertrinkern! Deshalb kam man auf die Idee, die Kulturdenkmäler hinter denn Dixi-Klos verschwinden zu lassen. Eine gute Idee, die obendrein den internationalen Gästen zeigt, wie praktisch man in Stuttgart ist.

Das Sommermärchen von 2006 – das wirkt bis heute nach! Wenn von diesem Sommermärchen die Rede ist, leuchten noch immer viele Augen. Die Stadt feierte während der Fußball-WM das größte, buntesten, schönste Fest seiner Geschichte und erwachte aus dem touristischen Dornröschenschlaf. Das Wetter war so schön wie im Urlaub am Mittelmeer, das deutsche Team weckte eine bisher nicht gekannte Euphorie im Land, die Stadt feierte in völlig neuen Dimensionen, die City bebte rund um das Public Viewing auf dem Schlossplatz.

Dass in Stuttgart um den dritten Platz gespielt wurde, lag nicht unbedingt an den Reizen der Stadt, sondern eher am Heimvorteil, für den die Herkunft des damaligen DFB-Präsidenten Gerhard Mayer-Vorfelder sorgte. „Stuttgart ist viel schöner als Berlin“, wurde zum Hit des Sommers.

Am 8. Juli 2006 strömten vor dem kleinen Finale von Deutschland gegen Portugal (Deutschland gewann mit 3:1) geschätzt 20 000 Fans zum Steigenberger Hotel Graf Zeppelin, wo Jürgen Klinsmann mit seiner Mannschaft abgestiegen war. Die Stadt befand sich im Rausch der Glückseligkeit und feierte Deutschland als gefühlten Weltmeister. Irgendwann schauten Trainer und Spieler aus dem Fenster und freuten sich mit. Auf einem Transparent stand: „Was wollt ihr mit dem ersten Platz? Den größten Preis habt ihr längst gewonnen, den Stolz einer ganzen Nation.“

Jubiläumssäule ist zum 25-Jahr-Jubiläum von König Wilhelm errichtet worden

Viel hat sich seit 2006 geändert, die Sicherheitslage ist eine andere geworden. Deshalb dürfen jetzt „nur“ 30 000 Menschen zum Public Viewing auf dem Schlossplatz – vor 18 Jahren war schon mal 50 000 da.

Auswärtigen Gästen sei noch erklärt: Die Säule auf dem Schlossplatz ist keine Siegessäule, wie oft zu hören, es ist die Jubiläumssäule, die aus Anlass des 25-Jahr-Regierungsjubiläums und des 60. Geburtstags von König Wilhelm I. von 1841 bis 1846 errichtet worden ist. Das Neue Schloss, sofern man es hinter der gigantischen LED-Leinwand wahrnehmen kann, war einst die Residenz der württembergische Herzöge und Könige. Herzog Carl Eugen von Württemberg hatte es im 18. Jahrhundert mitten in deer Residenzstadt bauen lassen, um Stuttgart zu einem zweiten Versailles zu machen.

Im Zweiten Weltkrieg wurde das Neue Schoss weitgehend zerstört. Nicht viel mehr als Fassade blieb stehen. Der Wiederaufbau war zunächst umstritten – fast wäre die Ruine, die über zehn Jahre unverändert stehenblieb, sogar abgerissen worden. Im Land entbrannte ein Streit, was mit der einstigen Pracht der Herrschenden geschehen sollte. Abriss oder Wiederaufbau? Viele plädierten für etwas ganz Neues. Es gab Pläne, an diesem Ort ein Mineralbad, ein Kurhotel oder ein Kaufhaus neu zu bauen – oder den Landtag.

Mehrheit von nur einer Stimme

Die beiden Stuttgarter Tageszeitungen sammelten Spenden für die Schlossrettung. Die Entscheidung fiel erst im April 1955. Mit nur einer Stimme Mehrheit lehnte der Landtag einen Plenarsaal im Schloss ab, das man aber mit Repräsentationsräumen für die Landesregierung rekonstruieren wollte. Stattdessen sollte das Parlament im Akademiegarten einen Neubau erhalten.

Beim Wiederaufbau des Neuen Schlosses hat das Land darauf verzichtet, die große Krone, die sich auf der Kuppel befunden hatte, am alten Ort zu rekonstruieren. Die Krone der Herzöge und König wich der baden-württembergischen Landesfahne, die auf der hohen Warte weht – auch während der EM.

Diskutieren Sie mit unter: www.facebook.com/Album.Stuttgart.