Stäffele gehören zum Stuttgarter Stadtbild: ein Foto aus den 1950er Jahren. Foto: Zenz Engel

Bruddeln ist eine Kunstform, die die Schwaben am besten beherrschen. Jetzt gibt’s Treppen dazu: Die Stadt will Stufen bei der Jugendherberge auf den Namen Bruddlerstaffel taufen. Stäffele zählen zu Stuttgarts Wahrzeichen.

Stuttgart - Mit verzierten Geländern, Kastanien und einem Rondel in der Mitte ist die Sünderstaffel an der Gänseheide eine Oase mit parkähnlicher Idylle. Als sicher gilt, dass es sich bei dieser aussichtsreichen Treppe um eine der ältesten Staffeln von Stuttgart handelt. Bereits im 14. Jahrhundert wurde sie urkundlich erwähnt. Unklar hingegen ist, woher der Name stammt.

Wurde an dieser Stelle einst ein junger Edelmann um einen Kopf kürzer gemacht, weil er einen Nebenbuhler im Streit um eine junge Frau ermordet hat? War’s also ein böser Sünder, der den Stäffele ihren Namen gab? Oder lautete der Nachname des Winzers, der hier seinen Weinberg gepflanzt hat, Sünder? Im Facebook-Forum unseres Stuttgart-Albums werden Argumente genannt, die für die eine wie die andere Version sprechen. Ralf W. Böpple hat noch eine dritte Erklärung für den Namen: „Da hat eine schwäbische Hausfrau zu ihrem Mann gesagt: Hosch gsä, jetz hennse do so a sindhaft deire Schdeig nobaut, dobei kennd mr doch au ganz guat so nuffkraxla!“

Die Treppenfülle ist einzigartig in Deutschland

Stuttgart, deine Stäffele! Sie zählen zu den Wahrzeichen der Stadt. Zwischen 400 und 600 Staffeln soll es geben. Doch genau weiß man’s nicht. Die exakte Ziffer ist unbekannt, weil unklar ist, wie man zählen soll. Die Eugenstaffel zum Beispiel heißt offiziell Eugenstraße. Soll man private Staffeln und Weinbergstaffeln dazu rechnen?

Es ist ein ständiges Auf und Ab in der Stadt. Diese Treppenfülle mit oft atemberaubenden Aussichten ist einzigartig in Deutschland und ersetzt vielen das Fitnessstudio. Viele Staffeln, die trotz großer Anstrengung beim Bewältigen liebevoll Stäffele genannt werden, stammen aus einer Zeit, als noch Wengerter die heute verbauten Hänge bewirtschaftet haben. Bis zum 19. Jahrhundert reichten Weinberge und Gartengrundstücke bis an den Stadtrand heran. Zu den benachbarten Dörfern und Höfen führten steile Wege. Weil im Kessel kein Platz mehr war, wuchs Stuttgart beharrlich der Sonne entgegen – immer himmelwärts nach oben.

Zu unserer Serie sind drei Bücher erschienen

Die Stadtplaner bauten die alten Weinbergstaffeln aus und machten normale Treppen daraus, die willkommene Abkürzungen boten. Viele Häuser könnten ohne Stäffele gar nicht erreicht werden. Stuttgart braucht kein Ulmer Münster mit 786 Stufen. Zu den längsten Treppen zählen die Taubenstaffel in Heslach und die Willy-Reichert-Staffel an der Karlshöhe. Außerdem gibt es die Etzelstaffel, Wächterstaffel, Sängerstaffel, Taubenstaffel, Hasenberg-Staffel, Oscar-Heiler-Staffel und viele mehr. Und bald gibt’s auch die Bruddlerstaffel, die in zentraler Stadtlage vorbei an der Jugendherberge führt, von der Kernerstraße zur Haußmannstraße.

Der Verwaltungsausschuss der Stadt hat jetzt den neuen Namen beschlossen. Auf Anregung eines Bürgers hatte sich der Bezirksbeirat Mitte bereits dafür ausgesprochen. „Mit der Bruddlerstaffel soll die schwäbische Charaktereigenschaft des Bruddelns festgehalten werden“, heißt es in einer Pressemitteilung der Stadt. Über die Benennung der bisher namenlosen Staffel gibt’s nix zum Bruddeln. Noch steht nicht fest, wann des Namensschild angebracht wird. Wer sich über irgendwas aufregt, hat nun einen Ort zum Lamentieren. Oder man steigt erst mal die Staffeln hoch. Auf diese Weise könnte sich der Ärger womöglich beim schnellen Schnaufen von ganz allein verziehen.

Diskutieren Sie mit im Netz unter www.facebook.com/Album.Stuttgart. Zu unserer Serie sind drei Bücher erschienen, zuletzt „Das Beste aus dem Stuttgart-Album“ im Sutton-Verlag.

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