Stuttgart-Album zur SSB-Geschichte Über 200 Pferde dienten einst dem Nahverkehr

Von Uwe Bogen 

Mit zwei PS ist Stuttgart vor bald 150 Jahren in den öffentlichen Nahverkehr gestartet. Groß wird 2018 das Jubiläum gefeiert. Die erste Pferdebahn führte zu den Mineralquellen in Berg. Eine Stadt in Bewegung – das Stuttgart-Album erinnert an die Anfänge der SSB.

Stuttgart - Dass Stuttgart zu den ersten Städten in Deutschland zählt, in denen eine Pferdebahn fuhr, verdanken die Schwaben dem Bauunternehmer und Sägewerksbesitzer Georg Schöttle. Kutschen und Pferdefuhrwerke bestimmten in der Mitte des 19. Jahrhunderts das Straßenbild. 70 000 Menschen lebten damals im Kessel – die meisten von ihnen waren zu Fuß unterwegs.

Wollte einer von ihnen das neue Bad in Berg besuchen, war dies mit großem Aufwand verbunden. Schöttle, 1823 im Bohnenviertel geboren, erkannte die Marktlücke. Für Ausflügler, aber auch für die von den ­Mineralquellen angelockten Touristen ließ er Schienen für eine Pferdebahn zwischen dem Staatsarchiv an der Neckarstraße (heute Konrad-Adenauer-Straße) und dem Kurbad in Berg bauen. Zwei Pferde zogen den ­Wagen. Eine Fahrt hat damals drei Kreuzer gekostet. Am 29. Juli 1868 begann, was aus damaliger Sicht eine Revolution war.

Dieses historische Ereignis nimmt die 1889 gegründete Stuttgarter Straßenbahnen AG (SSB) zum Anlass, im nächsten Jahr mit vielen Veranstaltungen den Start in die ­öffentliche Personenbeförderung zu feiern.

1902 fuhr die erste Straßenbahn durch den Schwabtunnel

Die Stadt kam immer besser voran: 1867 hat Schöttle die Strecke am ­Neckarufer an der Wilhelma vorbei bis zur Wilhelmsbrücke verlängert, der zunächst einzigen Neckarbrücke in diesem Bereich. 1893 wurde die König-Karls-Brücke eröffnet, die damit eine direkte Verbindung zwischen Berg und Cannstatt auf kürzestem Weg ermöglicht hat. Wer auf den alten Fotos diese Brücke sieht, könnte sich nach Paris versetzt fühlen. Die Postkarten, die uns ein Leser geschickt hat, stammen aus einer Sammelserie des früheren Vereins Straßenbahnmuseum, den es in dieser Form heute nicht mehr gibt.

Kaum zu glauben: Schon 1887 prangte auf der Pferdebahn Schokoladenwerbung, wie das Foto vor dem Königsbau zeigt. Im Jahr 1890, so steht’s im Geschäftsbericht, waren 257 Pferde im Einsatz für die SSB – damit ­also für den öffentlichen Nahverkehr.

Wir sehen in der Fotoserie außerdem den Schwabtunnel, der einer der ersten Straßenbahntunnel der Welt war. 1902 fuhr hier die erste Bahn durch. 1972 wurde der Strampe-Betrieb an dieser historischen Stätte eingestellt. Das Foto von der Königstraße, auf der Straßenbahnen rollen, zeigt die Schönheit des 1963 für den Autoverkehr abgerissenem Kronprinzenpalais auf der einen Seite und einen üppigen Baumbewuchs des Schlossplatzes auf der anderen Seite.

1895 hat man die Rösser ausgespannt

Im März 1889 schlossen sich die Pferde-Eisenbahn und ihre Konkurrentin, die Neue Stuttgarter Straßenbahn-Gesellschaft, zur Stuttgarter Straßenbahnen AG (SSB) zusammen – dies ist das Gründungsjahr der heutigen Betreibergesellschaft. Bereits 1895 hat man die Rösser ausgespannt und die erste elektrische Strecke von Berg zum Charlottenplatz eröffnet. Als die Pferdebahn auf elektrischen Betrieb umgestellt worden ist, hat dies die Gemüter so sehr erhitzt wie heute das Bahnprojekt Stuttgart  21.

Die 1959 zum ersten Mal ausgelieferten, in Esslingen produzierten Straßenbahntriebwagen vom Typ GT4 sind heute noch die Stars in den Erinnerungen vieler Stuttgarter. Im ehemaligen Straßenbahnbetriebshof Bad Cannstatt, in der Straßenbahnwelt, kann die gute, alte Strampe bewundert werden, die 2007 ausrangiert worden ist und endgültig Platz für die Stadtbahn gemacht hat. Das Jubiläumsjahr 2018 wird ein großes Jahr für alle Strampe-Fans!

Diskutieren Sie mit unter: www.facebook.com/Album.Stuttgart. Im Silberburg-Verlag sind zwei Bücher zu unserer Geschichtsserie erschienen.

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